Es könnte sein wie Stockholm 2013. Aber Paris ist nicht Stockholm. Die zwei Partien in zwei Tagen gegen die Vorjahres-Finalisten Kanada (3:2 n.V.) und Finnland (2:3 n.V.) geben uns eine Antwort, warum Paris nicht ist wie Stockholm. Es geht um eine einzige Position. Eine Statistik hilft uns weiter.

  • 2013 waren wir im Powerplay die Nummer 2 und im Boxplay die Nummer 5 des gesamten Turniers.
  • 2017 sind wir im Powerplay die Nummer 12 und im Boxplay die Nummer 10 des gesamten Turniers.

Das Powerplay und Boxplay von 2013 und 2017 im Vergleich.

Warum ist das so? Weil wir kein «Verteidigungs-Ministerium» haben. Keinen Roman Josi. Wir haben nur Raphael Diaz. «Captain Minus».

Auch gegen Finnland erhielt Raphael Diaz zuviel Eiszeit.

Auch gegen Finnland erhielt Raphael Diaz zuviel Eiszeit.

Die wichtigste Position

Roman Josi wurde als wertvollster Einzelspieler des Turniers von 2013 geehrt. Zurzeit spielt er mit Nashville um den Einzug ins Stanley-Cup-Finale.

 Kein anderer Feldspieler kann das Spiel so stark beeinflussen wie ein guter Verteidiger. Er ist die ordnende Hand in allen Situationen. Er löst die Angriffe aus und spielt die öffnenden Pässe bei numerischem Gleichstand. Und noch viel wichtiger: Er orchestriert das Powerplay und organisiert das Boxplay.

Roman Josi war mit neun Punkten in zehn Partien der produktivste Verteidiger des Turniers. An seiner Seite wurde Raphael Diaz (er stiess aus Nordamerika zum Team) in den letzten vier Partien auch ein Silber-Held.

Während der WM 2013 spielten Roman Josi (links) und Raphael Diaz zusammen.

Während der WM 2013 spielten Roman Josi (links) und Raphael Diaz zusammen.

Mehr Eiszeit als Josi

Wenn eine Mannschaft so spektakulär vorwärts spielt wie die Schweiz in Paris (inzwischen hochstehendes, besser strukturiertes «Pausenplatz- und Energie-Hockey»), dann wird der «Verteidigungsminister» noch wichtiger

In Paris ist das «Verteidigungsministerium» nicht gut genug besetzt. Was Roman Josi in Stockholm, das sollte Raphael Diaz in Paris sein. Und darüber hinaus ist er auch noch Captain (in Stockholm war Martin Plüss Captain). Er muss an allen Ecken und Enden aushelfen. Er arbeitet im Boxplay, orchestriert jeweils als einziger Verteidiger ein Powerplay mit vier Stürmern und er ordnet als Verteidigungsminister das Spiel bei Vollbestand. Keiner bekommt in Paris so viel Eiszeit zugeteilt (22:54) – mehr als Roman Josi 2013 in Stockholm (20:08).

Mit dieser Belastung ist er überfordert. Das ist der wichtigste Grund, warum das Spiel in Über- und Unterzahl nicht wunschgemäss funktioniert.

Die Überforderung des Arbeitspferds

Raphael Diaz ist Patrick Fischers «Workhorse» («Arbeitspferd»). Wird ihm zu viel zugemutet? Raphael Diaz verneint eine Überforderung. Aber er sagt, dass er seine Kräfte gut einteilen müsse. Es sei ein wenig wie in der Meisterschaft bei Zug.

Auf den ersten Blick denkt nun der neutrale Beobachter: Müsste Raphael Diaz nicht dominanter, besser, spektakulärer, produktiver, aber auch solider, dominanter, verlässlicher sein? Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass sein Spiel unter der Verantwortung und Belastung leidet, die er zu tragen hat.

Raphael Diaz ist ein kreativer, schussstarker «Spektakel-Verteidiger», der das Spiel mit seinen Rushes dynamisiert. Ja, in lichten Momente mahnt er ein wenig an Roman Josi. Aber er ist kein Roman Josi. Er hat weder die Postur (sechs Zentimeter kleiner, vier Kilo leichter) noch die Robustheit oder die Klasse und Dominanz des NHL-Stars. Er ist eine «Porzellan-Version» von Roman Josi.

Da kann Diaz (l.) lachen. Beim Photoshooting liegt der Druck nicht auf ihm.

Da kann Diaz (l.) lachen. Beim Photoshooting liegt der Druck nicht auf ihm.

Der einzige mit Minus-Bilanz

Müsste Raphael Diaz nicht so viel arbeiten, dann wäre er mit ziemlicher Sicherheit produktiver und defensiv solider – bei Zug und jetzt in Paris. Aber in Zug und in der Nationalmannschaft gibt es keinen anderen Verteidiger, der so komplett ist, dass er die Rolle des «Verteidigungsministers» wenigstens zwischendurch übernehmen könnte.

Das boshafte Wort «Captain Minus» macht die Runde. Raphael Diaz weist bei Gleichstand als einziger eine Minus-Bilanz auf (-1). Der freundliche Titan stand also bisher bei mehr Minus- als Plustreffern auf dem Eis. Tore im Box- und Powerplay werden nicht gewertet.

Viel mehr Wechsel als 2013

Ein Merkmal der Silber-Mannschaft von Stockholm war die Stabilität. Sie blieb von Verletzungen verschont und spielte praktisch vom ersten bis zum letzten Spiel in der gleichen Formation durch – und Änderungen gab es nur, als Raphael Diaz aus Nordamerika für die vier letzten Partien zum Team kam.

In Paris muss Patrick Fischer viel umstellen. So ist das halt auch bei inzwischen gutem «Pausenplatz-Hockey». Zwischendurch sass mit Denis Malgin sogar der einzige NHL-Stürmer auf der Tribüne.

Trotz dieser vielen Umstellungen und einem «Captain Minus» ist bei dieser WM ist noch alles möglich. Das zeigt, wie viel Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Und auch, dass die Chemie trotz aller Dramatik und allen Unberechenbarkeiten stimmt.

So gut wie 2013 spielen die Schweizer nicht. Aber Spektakel und Unterhaltung sind mindestens so gut wie 2013.