Interview
Ralph Krueger, wann werden Sie unser Fussball-Nationaltrainer?

Ralph Krueger (56) prägte das Schweizer Eishockey als Nationaltrainer, wurde Cheftrainer in der NHL und führt heute mit Southampton einen Fussballklub in der reichsten Liga der Welt. Ein Gespräch über zwei Sportwelten.

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Ralph Krueger ist inzwischen auch in der Welt des Fussballs zuhause.

Ralph Krueger ist inzwischen auch in der Welt des Fussballs zuhause.

Sie hatten Patrick Fischer im Nationalteam. Konnten Sie sich vorstellen, dass er Nationaltrainer wird?
Ralph Krueger: Er war ein Führungsspieler wie auch Reto von Arx. Patrick war sehr wichtig für den Zusammenhalt des Teams. Ich war sicher, dass viele Spieler aus dieser Generation später auf einer anderen Ebene Verantwortung übernehmen werden – Felix Hollenstein, Martin Steinegger, Edgar Salis, Sven Leuenberger haben in Klubs Führungspositionen, Thierry Paterlini führt das U18-Nationalteam. Es ist eine natürliche Entwicklung.

Eine natürliche Entwicklung?
Wir haben sehr stark auf den Stolz gesetzt und dieser Spielergeneration ist bewusst geworden, dass Eishockey eine ganz besondere Bedeutung hat und mehr ist als ein Spiel.

Sie setzten sehr stark auf Taktik, Ihre Nationalmannschaft war taktisch eine der besten. Das ist nicht mehr so. Ist Taktik nicht mehr nötig?
Die Spieler haben sich unheimlich weiterentwickelt. Wir hatten beispielsweise Spieler, die ihren Status im Team in erster Linie ihrer Härte verdankten. Heute hat ein Nino Niederreiter beides. Physische Präsenz und spielerische Klasse und er spielt in der NHL. Die Schweizer Spieler können auf internationalem Niveau viel frecher auftreten.

Und die Taktik?
Obwohl sich das Eishockey weiterentwickelt hat, messe ich heute der Taktik noch die gleiche Bedeutung zu. Die Spieler sind vielseitiger geworden. Trotzdem braucht es für jeden eine Rolle. Nach wie vor ist die Philosophie des Trainers, sein Einfluss auf die Gruppe, von entscheidender Bedeutung.

Fischer, Hollenstein und von Arx haben als Trainer nichts gewonnen. Kann das gut gehen?
Ob die drei als Trainer etwas gewonnen haben, ist nicht so wichtig. Sie wissen aus ihrer Zeit als Spieler, was es braucht, um zu gewinnen. Als Nationaltrainer muss man die Gruppe zusammenhalten und seine Ideen rüberbringen. Die Voraussetzung dafür ist Leidenschaft und die drei bringen wahnsinnig viel Leidenschaft mit. Ich habe das gespürt, als ich mit Fischer und von Arx gesprochen habe.

Können denn drei solche Alphatiere überhaupt zusammenarbeiten?
Ja natürlich. Das war bei mir ja nicht viel anders. Ich hatte mit Bengt-Ake Gustafsson, Peter John Lee und Köbi Kölliker auch starke Assistenten. Da war ständig ein Streiten im guten Sinne und Köbi hat sich nie gescheut, alles infrage zu stellen. Entscheidend ist, dass alle die gleiche Vision haben.

Sie führen im Herbst beim World Cup als Cheftrainer das Team Europa mit Spielern aus 10 Nationen. Ist Jonas Hiller auch dabei, obwohl er nicht mehr in der NHL spielt?
Wir haben noch sieben Plätze offen: für einen Goalie, zwei Verteidiger und vier Stürmer. Roman Josi und Mark Streit sind bereits gesetzt. Jonas Hiller, Nino Niederreiter, Luca Sbisa, Yannick Weber und Sven Bärtschi sind Kandidaten.

Sie führen ein Hockeyteam auf Weltklasseniveau, und sind als Präsident in der mächtigsten Fussball-Liga der Welt für einen Klub mit 310 Mitarbeitern verantwortlich.
Ich bin unglaublich motiviert, dass ich noch einmal auf diesem Niveau im Eishockey arbeiten darf. Auch wenn du in einem anderen Sport arbeitest, verlierst du die Liebe zum Eishockey nie. Spieler beobachten, Trainingspläne erstellen – das ist für mich wie Zähneputzen. Ich habe sechs Scouts, die mir bei der Nomination helfen und ich bin glücklich, ein Team mit Spielern aus all den Ländern zu führen, zu denen ich aus meiner Zeit als Schweizer Nationaltrainer gute Beziehungen habe.

Sie waren Klubtrainer, Nationaltrainer, zuletzt Cheftrainer in der NHL. Jetzt führen Sie ein Fussballunternehmen. Was kommt als Nächstes? Konzernchef bei VW? Politik?
Man sollte tatsächlich so alle zehn Jahre im Leben eine neue Herausforderung suchen. Aber ich denke, dass ich noch eine Weile im Fussball bleiben werde. Ich habe inzwischen im Fussball so viel erlebt, dass es für ein Buch reichen würde und ich kann trotzdem noch jeden Tag wachsen und etwas lernen.

Sie haben einen Bestseller geschrieben. Schreiben Sie noch ein Buch?
Ja, ganz sicher. Aber ich weiss noch nicht wann.

Aber den Titel haben Sie im Kopf?
Nein, vielleicht fällt Ihnen ja was ein.

Wie wäre es mit einer Biografie über Marc Lüthi? Spass beiseite: Ihr Sohn Justin spielt beim SC Bern. Sie erlebten den Titelgewinn. Wie sehen Sie das SCB-Meistermärchen?
Ich habe noch selten eine Mannschaft gesehen, die sich so zu steigern vermochte. Dass es durch die Erleichterung nach der geglückten Playoff-Qualifikation einen Schub gegeben hat, ist normal. Aber dieser Schub hält normalerweise nur eine Runde, dann kehrt die Realität ein und die Saison ist zu Ende. Es ist unglaublich, wie Bern diesen Schwung bis zum Schluss getragen hat. Das Tempo, die Härte und die Opferbereitschaft der Spieler waren einfach unglaublich. Sie haben nicht nach links und nicht nach rechts geschaut und ihr Ding einfach durchgezogen. Es ist der sensationellste Meistertitel, den ich je gesehen habe und für Justin war es ganz besonders, weil er sich mit einem gebrochenen Finger durch die Playoffs gequält hatte.

Wann ahnten Sie, dass es eine Sensation geben könnte?
Nach dem vierten Sieg gegen den ZSC haben die Spieler nur ein bisschen gejubelt. Da habe ich zu Justin gesagt, das sei ein sehr gutes Zeichen. Es war ein Zeichen für die Bescheidenheit der Spieler, die es braucht für den grossen Erfolg. Eine ganz besondere Bescheidenheit gehörte zu diesem SCB. Dass die Jungs sehr wohl jubeln können, haben wir ja bei der Meisterfeier gesehen.

Hätten Sie den Trainer behalten?
Diese Frage musste ja kommen.

Ihre Antwort interessiert sehr. Sie sind ja die höchste Führungsperson in einem Sportunternehmen.
Der SCB hat die Meisterschaft gewonnen. Aber das ist die Geschichte. Nur wer in einer Führungsposition ist, hat alle Informationen und muss die Entscheidung treffen. Als Nationaltrainer habe ich oft Entscheidungen getroffen, die nicht verstanden worden sind. Aber ich hatte alle Informationen und wusste warum. Ich möchte es so sagen: Ich freue mich sehr für Lars Leuenberger, er hat einen Superjob gemacht.

Sie sind ein Diplomat. Welche Entwicklung hat unser Eishockey seit Ihrem Weggang 1990 gemacht?
Ich habe sechs Playoff-Partien live gesehen. Wer Schweizer Meister werden will, muss mit einem Wahnsinnstempo spielen und physisch sehr stark sein. Sonst ist es nicht möglich, diese ausgeglichene Liga zu gewinnen. Tempo und Intensität sind viel höher als vor fünf oder sechs Jahren. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass heute mindestens zehn der besten Spieler nicht mehr in der Liga, sondern in Nordamerika sind. Das macht einen sehr guten Spieler pro Team. Dennoch ist das Niveau so hoch. Dazu kommt, dass die Ausländer in den meisten Teams Rollenspieler geworden sind. Schweizer Spieler haben längst eine so wichtige Rolle wie die Ausländer.

Fast eine andere Welt.
Ja, es ist unglaublich, wie gering die Leistungsdifferenz geworden ist. Die NLA ist eine Liga geworden, in der du das Visier nie hochklappen darfst und die Liga hat einen unglaublich hohen Unterhaltungswert. Ich habe meinen Leuten hier in Southampton Bilder von der Stehrampe in Bern gezeigt. Die waren begeistert. Die NLA ist ein wahnsinnig gutes Unterhaltungsprodukt.

Kehren Sie ins Eishockey zurück? Wie lange planen Sie in Southampton? Haben Sie einen Zeitvertrag?
Nein, ich habe keinen Zeitvertrag. Wir haben eine Vision bis 2019.

Ist es eigentlich möglich, im Fussballgeschäft Geld zu verdienen?
Ja. Mein oberstes Ziel ist es, die Finanzen im Griff zu haben. Wir werden diese Saison zum zweiten Mal hintereinander schwarze Zahlen schreiben.

Warum ist in der Schweiz das Klubhockey besser als der Klubfussball?
Die NLA ist die attraktivste Eishockey-Liga in Europa. Im Fussball ist die Konkurrenz viel grösser. Es gibt für Spieler so viele Optionen, dass es nicht möglich ist, die besten Profis zu halten. Aber ich muss gestehen, dass ich den Schweizer Klubfussball nicht kenne.

Sie kennen den Klubfussball nicht?
Nein. Nur Basel und ich bin von der Klubkultur und vom Management sehr beeindruckt.

Dann bin ich sehr beunruhigt.
Warum?

Der Präsident eines Klubs aus der wichtigsten Fussball-Liga der Welt kennt unseren Klubfussball nicht. Dann ist es halt nicht wichtig, unseren Klubfussball zu kennen.
Nein, es ist etwas anderes: Ich muss meine Konkurrenz in der Liga kennen, wissen, wie die tickt. Ich muss den Schweizer Fussball nicht kennen. Das müssen meine Leute aus der Fussballabteilung. Dort haben wir 18 hauptberufliche Scouts. Die haben ein paar Schweizer Spieler auf dem Radar.

So? Welche?
Wie gesagt: Darum kümmert sich unsere Fussballabteilung. Ich muss nicht jeden Spieler kennen.

Wie viel Umsatz machen Sie in Southampton?
Diese Saison 180 Millionen Pfund, damit sind wir weltweit die Nummer 20 aller Fussballklubs. Aber in der Premier League sind wir klein. Manchester United ist mit 750 Millionen die Nummer eins. Durch den neuen TV-Vertrag erhöht sich unser Budget auf 220 Millionen, wir sind dann weltweit die Nummer 14.

Verdienen Fussballprofis zu viel?
Löhne sind nicht die Fehler der Spieler, sondern Management-Entscheide. So lange das Management die Zahlen im Griff hat, ist das kein Problem. Die Spieler machen den Wert der Liga aus.

Schreiben alle Klubs in der Premier League schwarze Zahlen?
Nein, nein. Etwa die Hälfte.

Ist es für Sie einfacher, die Zahlen im Griff zu haben, weil Sie nicht aus dem Fussballgeschäft kommen?
Es hilft, wenn man die Entscheidungen im Management rationell und nicht emotionell trifft. Vielleicht ist das tatsächlich einfacher, wenn man nicht aus dem Fussballgeschäft kommt.

Ist es denkbar, dass Sie einmal unser Fussballnationaltrainer werden?
Das ist ausgeschlossen. Es ist ein Vorteil, dass ich weiss, was ich kann, aber vor allem weiss, was ich nicht kann.

Können Sie das Wunder von Leicester erklären? Der Klub hat ähnliche Voraussetzungen wie Southampton und ist Meister.
Es sind verschiedene Faktoren. Die Mannschaft war schon in der Schlussphase der letzten Meisterschaft sehr gut, dann kamen geschickte Transfers dazu. Die Mannschaft konnte diese Saison fast immer in der gleichen Aufstellung spielen, weil es sehr wenig Verletzungen gab. Der Teamgeist ist unglaublich, der Coach ist richtig cool und schliesslich sind so viele andere gestolpert. Aber Leicester eben nicht.

Werden die Briten für einen Austritt aus der EU stimmen?
Mein Bauchgefühl sagt, dass die Briten in der EU bleiben. Aber so denken die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Es ist unberechenbar. Ich hoffe sehr, dass die Briten in der EU bleiben.

Warum?
(Lacht.) Weil meine Einreise nach England bei einem EU-Austritt komplizierter würde. Ich müsste dann wohl jedes Mal ein Formular ausfüllen.