Island-Märchen
Ragnar Sigurdsson: «Wir hätten gegen England höher siegen müssen»

Island geniesst die Sensation gegen England, erklärbar ist sie aber nur in Ansätzen.

Markus Brütsch
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Captain Aron Gunnarsson: Mehr Fussballglück geht nicht.keystone

Captain Aron Gunnarsson: Mehr Fussballglück geht nicht.keystone

KEYSTONE

Neigen Isländer zum Grössenwahn? Als Ragnar Sigurdsson nach dem 2:1 über England gefragt wird, was denn nun gegen Frankreich möglich sei, sagt der überragende Innenverteidiger forsch: «Ich erwarte ein Spiel wie gegen England. Wir müssen jedoch dominanter und effizienter auftreten. Wir hätten gegen England höher siegen müssen.»

Wie bitte? Höher siegen? Effizienter werden? Gemäss Statistik ist keine andere Mannschaft in der Gruppenphase effizienter gewesen als die Isländer. 21 Schüsse, vier Tore. Mehr Effizienz kann nur ihr Stürmer Kolbein Sigthorsson für sich beanspruchen, der gegen die Engländer mit seinem ersten EM-Torschuss den 2:1-Siegtreffer erzielt hat.

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Auch wenn Ragnar Sigurdsson («L’Équipe»-Note 9) nach dem Triumph in Nizza nicht durch falsche Bescheidenheit aufgefallen ist, ein Grössenwahnsinniger ist er nicht. Einfach einer, der sich bei Russlands Spitzenklub Krasnodar durchgesetzt hat und nach den Erfolgen mit dem Nationalteam sein Licht nicht unter den Scheffel stellen mag. «Die Franzosen haben bis jetzt nicht ihren besten Fussball gespielt», so Sigurdsson, «es wird auch für sie schwierig, gegen uns ein Tor zu schiessen.»

Immense Unterschiede

Um sich der Dimension dieser grössten Sensation der EM-Geschichte klar-zuwerden, helfen ein paar Fakten. England hat 54 Millionen Einwohner, Island 334 000. England hat 1,486 Millionen lizenzierte Spieler, Island 21 500. England hat 42 490 Klubs, Island 145. England hat 2,3 Milliarden Euro TV-Einnahmen, Island 1 Million. Es sind vor allem diese Zahlen, welche dieses 2:1 so wundersam und rätselhaft machen.

Erklärungen dafür zu finden ist schwierig, aber zumindest im Ansatz gibt es sie. Denn ganz diese Nobodys, als welche die Isländer nun dargestellt werden, sind sie nicht. Schon 2003 machten sie mit einem 0:0 gegen Deutschland von sich reden, welches die berühmte Brandrede von Coach Rudi Völler zur Folge hatte. 2010 schlug ihr U21-Nachwuchs Deutschland 4:1 und im September 2013 holten die Isländer in der WM-Qualifikation in Bern gegen die Schweiz einen 1:4-Rückstand auf. Unglaublich, aber wahr: In der damaligen Startaufstellung standen nicht weniger als zehn Spieler, die auch am Montag gegen England das Spiel begannen. Eine eingespieltere Mannschaft, in der sich die Akteure seit der Jugend kennen und der Gemeinschaftsgedanke total gelebt wird, kann es nicht geben.

Und: Die Spieler der Nationalmannschaft sind nicht bei Vikingur Reykjavik oder IB Vestmannaeyjar unter Vertrag, sondern Profis in Schweden, Norwegen, Russland, England, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Sie spielen mit Ausnahme von Birkir Bjarnason (FC Basel) und Gylfi Sigurdsson (Swansea) nicht in schillernden Klubs, aber in solchen, bei denen sie im Überlebenskampf gestählt werden. «Unser Erfolg ist vor allem aber unserem Trainer Lars Lagerbäck zu verdanken, der uns mental stark gemacht und eine Seriosität ins Team gebracht hat, die früher gefehlt hat», sagt Bjarnason.

Der heute 61-jährige Asgeir Sigurvinsson, der einst für Bayern München und den VfB Stuttgart gespielt hat und in Island eine Fussballakademie führt, sieht in den riesigen Hallen mit Fussballplätzen in Originalgrösse den Hauptgrund für die rasante Entwicklung dieser Sportart. «Wir können nun während zwölf statt nur sechs Monaten trainieren», sagt Sigurvinsson. «Dadurch hat sich die Technik der Isländer um 50 Prozent verbessert.»

Ein Wunder ist ihre EM-Ungeschlagenheit aber doch. Sie erinnert an den Meistertitel von Leicester in der Premier League. Wie dieser möglich wurde, darüber rätseln die Experten nämlich noch immer.