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Rafael Nadal fegt bei den French Open wie ein Orkan über Djokovic hinweg – Er, Federer und Djokovic sind ein Trio auf Augenhöhe

Simon Häring

Simon Häring

Rafael Nadal besiegt Novak Djokovic mit 6:0, 6:2, 7:5 und gewinnt zum 13. Mal die French Open. Er steht nun wie Roger Federer bei 20 Grand-Slam-Titeln. Macht ihn das zum Grössten der Geschichte? Eine Analyse.

Wie ein Orkan fegte der Spanier Rafael Nadal im Final der French Open beim 6:0, 6:2, 7:5 über den Serben Novak Djokovic hinweg. Den Mann, der das Männertennis seit einer Dekade mit wenigen Unterbrüchen dominiert wie keiner zuvor. Die unangefochtene Nummer 1 der Welt. Den Mann, der letztmals im November 2019 verloren hatte (gegen Roger Federer). Novak Djokovic, der Nadal auf Sand immerhin sieben Mal besiegt hatte – und damit mehr als jeder andere. Nach 2:41 Stunden Spielzeit verwandelte Nadal seinen ersten Matchball. Es ist sein 13. Titel bei den French Open, der 20. Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier. Vier Mal gewann er die US Open, zwei Mal in Wimbledon, dazu ein Mal bei den Australian Open.

Rafael Nadal steht damit auf einer Stufe mit Roger Federer.

Rafael Nadal wurde mit traditionell spanischen Werten erzogen, nach denen er noch heute lebt. Die Familie steht über allem. Sie beschützt er, wie sie ihn beschützt. Sein Onkel Toni betreute ihn seit seiner frühsten Kindheit. Auch, nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, blieb er eine wichtige Bezugsperson. Rafael Nadal ist immer der Junge aus Manacor geblieben, der sich am liebsten mit seiner Familie umgibt, niemanden an sich heranlässt und in seiner eigenen, abgeschirmten Welt lebt. Während der Corona-Pandemie, die seine Heimat Spanien besonders hart getroffen hat, zog er sich dorthin zurück, wo er sich am wohlsten fühlt: nach Hause.

Rafael Nadal bejubelt seinen 13. French-Open-Triumph.

Rafael Nadal bejubelt seinen 13. French-Open-Triumph.

Rafael Nadal und die traurigen Gedanken

Eine Art zweites Zuhause ist auch Paris. Die French Open haben sein Leben geprägt wie kein anderes Turnier. Hier verzeihen sie ihm, dass er auch 15 Jahre nach seinem ersten Sieg kaum ein Wort Französisch spricht. Weil Rafael Nadal Werte verkörpert, die überall auf der Welt gut ankommen. Demut, Bescheidenheit, Arbeitsethos und Respekt. Und weil er sich dabei nie verbogen hat. Während der French Open, wo auch zum Final nur 1000 Zuschauer zugelassen waren, sagte er: «Es ist traurig, unter diesen Umständen Tennis zu spielen. Aber wissen Sie, vielleicht muss es traurig sein, damit es sich richtig anfühlt. Weil so viele Menschen derzeit leiden.»

So selbstsicher und entschlossen er auf dem Platz wirkt, so unsicher und zweifelnd ist Nadal zuweilen daneben. Wer verstehen will, weshalb einer der Besten nur selten mit jenem Selbstverständnis auftritt, das Roger Federer oder Novak Djokovic auszeichnet, der findet Antworten in der Verletzungshistorie Nadals. Einmal war es der Fuss, dann die Knie, der Rücken, das Handgelenk, oder die Schulter. Die Liste der Verletzungen, die ihn ausser Gefecht gesetzt haben, umfassen praktisch das gesamte Spektrum der Anatomie. Mit jeder neuen Verletzung, jeder früheren, die wieder aufbrach und ihn zu einer Pause zwang, wuchsen die Selbstzweifel. Nadal war gefangen in der Endlosschleife der eigenen Vergänglichkeit.

Rafael Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic dominierten das Männertennis in den letzten Jahrzehnten wie keine Generation zuvor.

Rafael Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic dominierten das Männertennis in den letzten Jahrzehnten wie keine Generation zuvor.

Novak Djokovic ist der beste Spieler der Dekade

Mit seinem 20. Grand-Slam-Titelt entfacht Nadal die endlose Diskussionen neu, wer nun als bester Spieler der Geschichte in die Annalen eingehen soll: Er, Roger Federer, oder Novak Djokovic. Seit 2003 gewann das Trio 56 von 62 Grand-Slam-Turnieren. Federer gewann das Gros seiner 20 Titel zwischen 2003 und 2010 (16). Nadal war 19, als er 2005 erstmals in Paris triumphierte. Seither beendete er nur zwei Saisons (2015 und 2016) ohne Triumph bei einem Major-Turnier. Der dominante Spieler der letzten Dekade ist aber der Serbe Novak Djokovic. Er gewann 10 der letzten 23 Grand-Slam-Turniere, Nadal 6, Federer nur deren 3. Zudem hat Novak Djokovic auch gegen beide Antipoden die Mehrzahl der Duelle gewonnen.

Wer ist nun der Grösste der Geschichte? Die letzten Jahre haben uns gelehrt, dass wir uns verabschieden sollten, diese Frage abschliessend beantworten zu wollen. Nadal, Federer und Djokovic haben die Tennis-Geschichte geprägt wie keine Generation vor ihnen, jeder auf seine Art und Weise. Federer verkörpert Leichtfüssigkeit, Tradition und klassische Werte. Nadal steht für Unermüdlichkeit, für Intensität und Kraft. Novak Djokovic verkörpert Beharrlichkeit und Verbissenheit. Und er ist der König der Momente im Tennis, diesem Spiel der Momente. Wer aus diesem Trio dereinst die meisten Titel und Rekorde gewonnen haben mag, ist völlig unerheblich. Weil nackte Zahlen an Bedeutung verlieren. Zahlenreihen verblassen, Rekorde stehen in Büchern, die Staub ansetzen.

Emotionen und Erinnerungen aber bleiben haften. Und für solche haben Nadal, Djokovic und Federer in den letzten Jahrzehnten, in dieser goldenen Epoche des Männertennis, gleichermassen gesorgt. Sie sind längst ein Trio auf Augenhöhe. So gesehen wäre es eine passende Allegorie, sollten die drei ihre Karriere dereinst mit gleich vielen Grand-Slam-Titeln beenden.

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