Simon Yates zeigte sich während den gut drei Wochen auf der iberischen Halbinsel stets wachsam, (fast) ohne Schwäche und allen Aufgaben gewachsen. Der 26-Jährige aus der Nähe von Manchester, der seit 2015 in Andorra lebt, ist nur 1,72 m gross und mit 58 kg ein absolutes Leichtgewicht. Ideal, wenn es - wie in dieser Vuelta häufig der Fall gewesen - bergauf geht.

Doch Yates verfügt als ehemaliger Bahn-Weltmeister (2013 im Punktefahren) auch über den nötigen Punch. Zudem sind seine Roller-Fähigkeiten für einen "Berg-Floh" durchaus akzeptabel und er hält auch in Zeitfahren gut mit. Am letzten Dienstag verlor er im langen Einzelzeitfahren über 32 km nach Torrelavega auf den siegreichen Spezialisten Rohan Dennis weniger als eineinhalb Minuten.

So sorgte Yates dafür, dass es nach dem diesjährigen Giro-Sieger Chris Froome, der 2017 als erster Brite überhaupt auch die Vuelta gewonnen hatte, und Geraint Thomas, dem walisischen Dominator der Tour de France im Juli, auch in der 73. Spanien-Rundfahrt kein Vorbeikommen an den britischen Radprofis gab. Der letzte Fahrer, der in einer der drei grossen Rundfahrten triumphiert hat und nicht von der Insel stammt, war im Mai 2017 der niederländische Giro-Sieger Tom Dumoulin. Yates ist zugleich der erste britische Grand-Tour-Sieger, der nicht für das Team Sky fährt.

Nach Giro-Desaster: "I'll be back"

"Seit ich Strassenprofi geworden bin (2014) wollten mein Team und ich einmal eine der grossen Rundfahrten gewinnen. Das war der Grund dafür, dass ich bei ihnen unterschrieben habe. Ich habe daran geglaubt, dass ich dazu fähig bin. Jetzt ist uns dieser Schritt gelungen", so der Leader der australischen Equipe Mitchelton-Scott. "

Dass Yates nach über 3200 km auf spanischen Strassen als Sieger in Madrid ankommen würde, daran glaubten indes längst nicht alle vor gut drei Wochen in Malaga. Zu präsent war das Desaster, welches er im Mai in Italien erlebt hatte. Der Brite zog damals nach fast zwei Wochen im Leadertrikot in der Giro-Königsetappe nach Bardonecchia einen rabenschwarzen Tag ein und kassierte fast 40 Minuten auf den nachmaligen Sieger Froome. Doch schon bald nach der riesigen Enttäuschung kündigte Yates an: "I'll be back."

In der Vuelta kam er tatsächlich zurück - und diesmal reichte es zum Happy End. Er war der konstanteste Fahrer, der zudem mit seinen Kräften haushälterischer umging als im Giro. "Mir ist es in dieser Vuelta gelungen, auf der Strasse die richtige Wahl zu treffen, in den wichtigen Momenten ruhig zu bleiben und nicht in zu aggressivem Stil zu fahren", so die Analyse von Yates, der sich dadurch in Spanien am zweiten Ruhetag immer noch gut fühlte und vor allem "viel besser als es im Giro der Fall gewesen war".

Nächstes Ziel: WM in Innsbruck

Mit dem Vuelta-Sieg endet seine Saison indes noch nicht. Nun gelte seine Konzentration ganz den Weltmeisterschaften in Innsbruck, so Yates. In knapp zwei Wochen findet in Tirol das Strassenrennen über 258 km und mit mehr als 4600 Höhenmetern statt - eine Strecke ganz auf ihn zugeschnitten. Was danach kommt, "darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht". Gefühlsmässig tendiere er zum jetzigen Zeitpunkt dazu, wieder den Giro zu bestreiten. "Mit diesem Rennen habe ich noch eine Rechnung offen."

Der einzige Tolggen in seinem Reinheft stammt aus dem Jahr 2016. Damals sah sich der Brite wegen der missbräuchlichen Verwendung von Terbutalin mit einer viermonatigen Sperre konfrontiert. Der Arzt von Yates' australischem Team, das damals noch Orica-Greenedge hiess, hatte versäumt, für das verbotene Asthma-Mittel eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Simon Yates habe nichts falsch gemacht, versicherte damals die Teamleitung. Auch der Weltverband UCI anerkannte, dass es sich um einen "unbeabsichtigten Verstoss gegen die Anti-Doping-Regeln" handle.

Vivianis 18. Saisonsieg

Die 21. und letzte Etappe von Alcorcon nach Madrid wurde erwartungsgemäss im Massensprint entschieden. Dabei feierte Elia Viviani seinen dritten Tagessieg. Der Italiener, der klar vor Weltmeister Peter Sagan gewann, hatte zuvor schon die 3. und 10. Etappe für sich entschieden. Mit 18 Saisonsiegen ist Viviani der im Moment erfolgreichste Radprofi 2018.