Die Bilder sind einem als Kind der 1970er-Jahre noch präsent. Albert Zweifel, Beat Breu, Pascal Richard, Peter Frischknecht, und Dieter Runkel, wie sie im völlig verschlammten Trikot mit dem Schweizer Kreuz Ruhm und Ehre für unser Land auf den Radquer-Pisten der Welt erkämpften. Zweifel wurde fünfmal Weltmeister (1976, 1977, 1978, 1979, 1986), Richard (1988) und Runkel (1995) je einmal.

Es gab Weltmeisterschaften in Melchnau BE (1975), Hägendorf SO (1988) und Eschenbach LU (1995). Die Titelkämpfe in Eschenbach waren dabei das letzte grosse Highlight aus Schweizer Sicht. Runkels Triumph verfolgten 20 000 begeisterte Zuschauer vor Ort und unzählige Interessierte daheim live vor dem TV. Sowieso: Radquer gehörte damals zu den fixen Programmpunkten in den Fernseh-Sportsendungen des Wochenendes.

Auf dem Sterbebett

Die WM in Eschenbach war quasi das letzte Aufbegehren einer Sportart, die im eigenen Land mit der damals stark aufstrebenden Konkurrenz der Mountainbiker konfrontiert wurde. In diesem Verdrängungskampf waren die «Cyclocrosser», wie man sie heutzutage nennt, chancenlos.

Und aus der einstigen Radquer-Hochburg Schweiz wurde im Nu ein Nebenschauplatz, auf welchem auch die einheimischen Athleten im internationalen Vergleich bald keine Rolle mehr spielten. Zudem wanderte der Nachwuchs ab zu den für sie attraktiveren Bikern.

Dem Radquer haftete jahrelang das Etikett der Folklore an, wo ein paar Unentwegte bei Bier, Bratwurst und Stumpen im nasskalten Schmuddelwetter in Gummistiefeln am Streckenrand mitfiebern. Es war ein Sport, den nur noch ein paar Freaks ausübten und der auch immer weniger Veranstalter fand. Es wurde ein Sport, der – im übertragenen Sinn – in der Schweiz eigentlich schon längst auf dem Sterbebett lag.

5000 Zuschauer erwartet

Jetzt, im Jahr 2018, ist aber alles anders. Cyclocross erlebt hierzulande eine schon fast wundersame Renaissance. Die Sportart ist wieder hip. An diesem Wochenende trifft sich in Bern erstmals seit acht Jahren wieder die versammelte Weltelite zu einem Weltcuprennen in der Schweiz.

Es werden 5000 Zuschauer am Rundkurs rund um das Freibad Weyermannshaus erwartet. Und 2020 steht – 25 Jahre nach Runkels Triumph in Eschenbach – sogar eine Weltmeisterschaft in der Schweiz, in Dübendorf auf dem Programm. Plötzlich lebt die Sportart also wieder.

Wie ist das alles möglich? Die Geschichte des Comebacks beginnt in Baden. Und zwar auf der Baldegg, dem Naherholungsgebiet des Städtchens. Dort veranstaltete der Aargauer Christian Rocha zusammen mit ein paar radsportverrückten Kollegen im Jahr 2011 das erste «Süpercross».

Was in kleinem, fast familiärem Rahmen begann, entwickelte sich zu einem fixen Bestandteil im Quer-Wettkampfkalender und wurde zu einem Anlass, der auch den einen oder anderen grossen Namen der Radsportszene in die Schweiz lockte.

Das grosse Glück der Veranstalter war, dass sie mit «EKZ» einen Hauptsponsor fanden, der einerseits überzeugt vom Konzept und andererseits an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert war.

Im Windschatten des Badener Events entwickelte sich schliesslich eine ganze Radquer-Wettkampfserie in der Schweiz, welche frischen Wind in die verstaubte Szene brachte. Rochas Erfolgsrezept war einfach: Moderne, offensive Kommunikation und Anlässe, bei denen nicht nur der Spitzensport im Mittelpunkt stehen soll, sondern ein möglichst breites Publikum anspricht.

Schönes Wetter statt Spektakel

Dasselbe Konzept soll nun auch im Rahmen des Weltcups zum Zuge kommen: «Es wird viel mehr als nur ein Radquerrennen. Wir wollen allen die Möglichkeit bieten, dabei zu sein», erklärt Rocha.

So stehen neben den sonntäglichen Weltcuprennen mit den internationalen Spitzenathleten am Samstag spezielle Events für Breitensportler, Nachwuchs und Kinder auf dem Programm. Rocha: «Die Berner Weltcup-Premiere soll zu einem Velofest für die ganze Familie werden.»

Es passt zum neuen Image, dass sich die Organisatoren für das Wochenende schönes Wetter wünschen und nicht etwa strömenden Regen, welcher die Rennen schwieriger und damit auch spektakulärer machen würde. Die Zeiten, in denen man sich als Sportler und Zuschauer im Schlamm verlustierte, sind endgültig vorbei.