Der ehemalige Radprofi Danilo Hondo und bis am Sonntag aktive Schweizer Nationaltrainer wird beschuldigt, 2011 Kunde des deutschen Doping-Arztes Marc Schmidt gewesen zu sein. Schmidt gilt als Drahtzieher eines Doping-Netzwerks, das im Februar während der nordischen Ski-WM in Österreich aufgeflogen war. Im Rahmen der sogenannten «Operation Aderlass» stehen mindestens 21 Athleten aus fünf Sportarten unter Dopingverdacht. Dass Hondo in die Affäre verwickelt ist, deckte die ARD auf, worauf er ein Geständnis ablegte.

Danilo Hondo wird nicht zum ersten Mal mit Doping in Verbindung gebracht, 2006 war er bereits einmal für zwei Jahre gesperrt. Trotz einer eigentlichen Nulltoleranz-Politik des Verbandes haben Sie ihn als Nationaltrainer engagiert. Weshalb hat der Verband 2015 einen Trainer engagiert, der bereits einmal wegen Dopings gesperrt war?

Thomas Peter: Selbstverständlich hatten wir Kenntnis von dem Fall aus dem Jahr 2006. Wir haben uns bei seiner Anstellung intern sehr intensiv damit auseinandergesetzt und wir haben mit ihm sehr konkret darüber gesprochen. Wir hätten nie und nimmer jemanden angestellt, von dem wir gewusst hätten, dass er in den Jahren zuvor Blutdoping betrieben hatte. Ich möchte betonten, dass es keine Indizien gibt, dass der Fall in irgendeiner Form die Zeit betrifft, in der Hondo für Swiss Cycling gearbeitet hat.

Warum hat Swiss Cycling Danilo Hondo mit dieser Vergangenheit überhaupt angestellt?

Wir waren der Meinung, dass wir mit einem proaktiven Vorgehen im Umgang mit Personen, die eine Doping-Vergangenheit haben, mehr erreichen als ein Ausschliessen von vornherein. Leute, die die Radsport-Szene aus der Vergangenheit kennen, können junge Athleten besser sensibilisieren. Danilo unterstützte uns in den letzten Jahren in unseren Bemühungen gegen Doping jederzeit. Insofern hatten sich unsere Hoffnungen bestätigt. Aber es ist auch eine Tatsache, dass er uns angelogen hat, das Blutdoping verschwieg und erst gestand, als er unter Druck geriet. Das ist mit den Werten von Swiss Cycling nicht vereinbar.

Ein Mann mit Doping-Vergangenheit soll den Athleten vermitteln, nicht zu dopen. Ist das nicht naiv?

Ich denke nicht. Wir wollten ihm eine zweite Chance geben. Ich habe mich nicht gescheut, ihn beim ersten Gespräch vor der Anstellung mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Ich bin der Meinung, dass es der Zeitpunkt gewesen wäre, zu sagen, was wirklich war. Man konnte uns das Engagement damals so auslegen, dass wir unseren Werten untreu wurden. Ich will den Fall überhaupt nicht beschönigen, aber Danilo hat in den letzten Jahren sehr viel Engagement an den Tag gelegt und für den Schweizer Radsport sehr viel gut und richtig gemacht. Das kann man nicht ausblenden, auch wenn das im Moment vielleicht unverständlich und komisch tönt.

Sie betonen, dass Swiss Cycling mit den Athleten offen über Doping spricht. Welche Rolle spielte Hondo in diesen Gesprächen?

Diese Gespräche gingen stark von ihm selbst aus. Mit dem Wissen, das wir nun haben, nahm er sich vermutlich auch nicht grundlos des Themas so stark an. Ich vermute, dass ihn das Thema extrem begleitete. Auch aus dem schlechten Gewissen heraus dürfte er die Jungen immer wieder davor gewarnt haben, in kritischen Momenten nicht schwach zu werden und unverzeihliche Fehler begehen.

Das Nationalteam steht derzeit mit den Teilnahmen an der Tour de Romandie und der Tour de Suisse sowie den bevorstehenden Heim-WM 2020 und 2024 vermehrt im Fokus. Nun kommt dieser Imageschaden. Wie geht der Verband damit um?

Wir sind vorwärts ausgerichtet und wollten nun mit den Heim-Weltmeisterschaften die nächste Stufe in Angriff nehmen. Deshalb ist diese Nachricht natürlich ein Schock. Es wirft uns nicht um, aber sicher zurück.

Hondo arbeitete viel mit den Jungen. Wie haben diese Fahrer reagiert?

Die Fahrer sind schockiert. Sie hielten aber fest, dass sie es bedauern, und hoben seine Qualitäten hervor, insbesondere die taktischen Elemente und den Teamspirit, den er aufzubauen vermochte. Es wird für einige dieser jungen Fahrer wahnsinnig schwierig sein, weil Danilo eine sehr wichtige Bezugsperson war, sie auch bei der Teamwahl und auf ihrem Weg als Rennfahrer beraten hat und sich sehr oft schützend vor sie stellte.

Wie gehen Sie persönlich damit um, dass einer Ihrer engsten Mitarbeiter Sie belogen hat?

Ich hatte noch gar nicht gross Zeit, darüber nachzudenken. Aber die Enttäuschung ist riesig. Es ist ein sehr ungutes Gefühl im Sinn von «Musste das sein?». Wir haben immer das Gefühl, das Negative ist weit weg. Wir feiern gerne Erfolge und schauen nicht gerne in die Abgründe. Aber leider werden wir immer wieder damit konfrontiert.

Und wieder einmal ist der Radsport betroffen ...

Ja, das kann man so sagen. Es trifft uns als Verband nicht im Innersten in Form eines gedopten Fahrers, aber macht uns natürlich betroffen. Dass solche Geschichten in die Öffentlichkeit kommen, ist gut und wichtig. Wir tun alles, um auch nur einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass der Radsport eine bessere Zukunft hat. Auch wenn das aktuell sehr schwierig zu vermitteln ist.

Wie gehts weiter beim Nationalteam?

Die offensive Kommunikation ist ein wichtiger Schritt im Prozess der Verarbeitung. Wie es aus sportlicher Sicht künftig aussieht und wer das Nationalteam zum Beispiel an der Tour de Suisse betreut, können wir noch nicht sagen. Das ist zu früh.