Die 101. Tour de France geht heute in England mit der Etappe von Leeds nach Harrogate los. Die 190,5 km zum Auftakt scheinen wie die folgenden zwei Teilstücke nach Sheffield (mit allerdings neun kleineren Bergpreiswertungen) und London für Sprintankünfte geeignet. Für die Anwärter auf den Gesamtsieg geht es hingegen in der ersten Tour-Woche vor allem darum, nicht zu stürzen und keine Zeit auf die Konkurrenten einzubüssen.

Die wohl schwierigste Etappe in der ersten Phase der Rundfahrt steht am fünften Tag auf dem Programm, wenn auf den 155,5 km von Ypres (Be) nach Arenberg auch neun Sektoren mit Kopfsteinpflaster befahren werden. Pavé- und Klassiker-Spezialisten wie Fabian Cancellara, Sep Vanmarcke oder auch Peter Sagan werden mit dieser Mini-Version von Paris-Roubaix gut zurechtkommen. Gut möglich allerdings, dass unter den Tour-Favoriten, die mit ihren Helfern um die besten Positionen im vordersten Teil des Feldes kämpfen werden, das Chaos ausbrechen wird. Denn Froome, Contador und Co. zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie über keine - oder höchstens schlechte - Erfahrungen auf den Pavés verfügen.

Die Jubiläums-Tour im vergangenen Jahr ähnelte ab der achten Etappe nach Ax 3 Domaines, als er mit seinem Solo-Sieg die Gesamtführung übernahm, einer einzigen Triumph-Fahrt von Chris Froome. Als bester Zeitfahrer und stärkster Kletterer geriet der Brite danach kaum mehr in reelle Gefahr, den Tour-Sieg noch zu verspielen. Umso mehr als Alberto Contador daran scheiterte, die Topform seiner Siegerjahre 2007 und 2009 zu finden. Am Ende verpasste der Spanier als Vierter gar noch das Tour-Podest.

In dieser Saison präsentierte sich der in der Schweiz wohnhafte Contador in ganz anderer Verfassung. Der 31-Jährige aus Madrid, der alle drei grossen Rundfahrten schon mindestens einmal gewonnen hat, holte sich die Gesamtsiege beim Tirreno-Adriatico und der Baskenland-Rundfahrt. An der Dauphiné-Rundfahrt, der Tour-Hauptprobe, wurde er zwar nur Zweiter hinter dem überraschenden Amerikaner Andrew Talansky. Doch Vorjahressieger Froome, der nach einem Sturz an den folgenden zwei Tagen nicht mit der Spitze mithalten konnte, klassierte sich letztlich ausserhalb der Top 10.

Schon zuvor in der Saison war es dem erfolgsverwöhnten Briten nicht mehr so traumwandlerisch leicht wie 2013 gelaufen. "Ich hatte einige Herausforderungen zu bewältigen, hatte mehr Probleme mit Krankheiten und Stürzen", so Froome. Die Frage stellt sich nun, ob der 29-Jährige ab Samstag den Schalter einfach wieder umlegen und Contadors Attacken - die mit Sicherheit und wiederholt erfolgen werden - jeweils kontern kann. Beim Spanier seinerseits ist offen, wie er und sein Team den kurzfristigen Verlust des letztjährigen Edel-Helfers Roman Kreuziger verkraften. Der Tscheche muss wegen Unregelmässigkeiten im Blutpass vorerst pausieren. Wohingegen Froome vom Team Sky sagt: "Wir haben wahrscheinlich das stärkste Team im Feld."

Vincenzo Nibali will dafür sorgen, dass aus dem erwarteten Zwei- ein Dreikampf wird. Der 29-jährige Italiener, Giro-Sieger 2013 und Tour-Dritter 2012, zeigte sich allerdings vor drei Wochen im Dauphiné mit dem Formaufbau noch im Rückstand. Zu beachten ist Nibali, der wie Contador gerne offensiv fährt, allemal. Aussenseiterchancen werden auch dem spanischen Routinier Alejandro Valverde (34) sowie den zwei 25-jährigen Amerikanern Andrew Talansky und Tejay van Garderen eingeräumt. Nicht mit von der Partie ist hingegen Bradley Wiggins. Der Tour-Sieger von 2012 wurde von seinem Team Sky nicht berücksichtigt, weil restlos alles auf Froome ausgerichtet ist.