Junge Generation
«Ich liebe es, zu attackieren»: Weshalb diese Tour de France einen Stilwechsel einleitet

Die Tour de France wird von Angriffslust und instinktivem Fahren einer jüngeren Generation geprägt. Protagonisten sind Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard. Aber auch Mathieu van der Poel, der die Tour bereits verlassen hat, gehört dazu.

Tom Mustroph
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Unerschrocken: Der 22-jährige Tadej Pogacar.

Unerschrocken: Der 22-jährige Tadej Pogacar.

Christophe Petit-Tesson/EPA

An blutjunge Tour-de-France-Sieger hat man sich gewöhnt. Egan Bernal war 22-jährig, als er 2019 die Tour gewann. Tadej Pogacar gelang dies im vergangenen Jahr einen Tag vor seinem 22. Geburtstag.

Jetzt ist der Slowene 22 – und auf bestem Wege, die Tour ein zweites Mal zu gewinnen. Als ernsthaftester Herausforderer hat sich ein Tourneuling herauskristallisiert: Jonas Vingegaard, 24-jährig, aus Dänemark. Vor vier Jahren jobbte er noch halbtags in einer Fischfabrik, bei einem Co-Sponsor seines damaligen Rennstalls. Jetzt lehrte er als Einziger aus dem gesamten Peloton den Titelverteidiger das Fürchten.

Der Däne Jonas Vingegaard bezwingt den Pass Col de la Colombiere.

Der Däne Jonas Vingegaard bezwingt den Pass Col de la Colombiere.

Christophe Ena/AP

Am Mont Ventoux trat er an. Er riss sogleich eine Lücke. Pogacar heftete sich kurz darauf an seine Fersen, musste dann aber abreissen lassen. «Ich hatte keine Kraft zu folgen. Ich musste dann erst meinen eigenen Rhythmus finden», sagte er.

Es wird nicht mehr lange gefackelt

Es war der klassische Ausspruch der Verlierer. Ungewohnt war es, ihn aus Pogacars Mund zu vernehmen. Denn wenn er in die Berge geht, ist der junge Slowene gewöhnlich nicht aufzuhalten.

Er konnte sich trösten: Auf der Abfahrt fing er Vingegaard noch ab. Aber die mutige Aktion des Dänen unterstreicht einen Mentalitätswandel im Peloton. Es wird nicht mehr lange gefackelt, sondern lieber attackiert.

Das ist Pogacars Devise. In den Alpen holte er auf diese Art das gelbe Trikot. Er wartete auch nicht auf den letzten Anstieg, sondern nutzte den vorletzten Gipfel. Er hatte keine Scheu vor einer Solofahrt von 30 km.

Das ist neu, und zugleich eine Rückkehr zum alten Modus der heroischen 1960er- und 1970er-Jahre. Erst in den letzten zwei Dekaden, in den Dominanzeiten von Lance Armstrong und dem britischen Rennstall Sky/Ineos, wurde es Mode, den Toursieger in einer Art Ausscheidungsfahren zu ermitteln.

Der Bergzug gibt das Tempo vor, dünnt die Konkurrenz aus, und im letzten Drittel des letzten Anstiegs tritt der Captain bei ideal vorbereitetem Tempo aus dem Schatten der Adjutanten und vollendet als Solist.

Wenn ein Plan nicht aufgeht

Bis auf wenige Ausnahmen bei Armstrong und bei Chris Froome war dies das Muster. Bernals Toursieg 2019 rührte daher, dass der junge Kolumbianer vorgeschickt wurde, um die Konkurrenz müde zu fahren.

Der Kolumbianer Egan Bernal 2019 auf dem Weg zum Sieg in der Tour de France.

Der Kolumbianer Egan Bernal 2019 auf dem Weg zum Sieg in der Tour de France.

Thibault Camus/AP

Sein damals fünf Sekunden hinter ihm im Klassement liegender Captain Geraint Thomas sollte dann vollenden. Der Plan ging nicht auf, weil wegen Wetterunbilden die Etappe verkürzt wurde und die Zeitdifferenzen beim Abbruch zählten. Bernal war damals die Panne im Sky-Plan, welche die Briten freilich glücklich machte.

Der designierte Nachfolger Primoz Roglic und dessen Team Jumbo-Visma folgen in ihrer taktischen Ausrichtung ebenfalls diesem Muster. Pogacar hingegen nicht. Er verfügt zum einen nicht über diesen starken Bergzug. Zum anderen lässt er seine Rennfahrerpersönlichkeit nicht so leicht in Schemata pressen. «Ich liebe es, zu attackieren», betont er. «Angriff ist die beste Verteidigung», ist ebenfalls ein Spruch aus seinem Repertoire.

Nur noch vier statt sieben Helfer

Vingegaard ist ähnlich gesinnt. «Ich wollte auf dem Mont Ventoux zunächst schauen, dass ich an den anderen dranbleibe. Das war der Plan. Aber dann, wenn ich in guter Verfassung bin, kann ich angreifen. Das war auch der Plan», sagte der neue Leader des Jumbo-Visma-Teams.

Auf grossartige Angriffsvorbereitung seiner Teamkollegen kann er sich ohnehin nicht stützen. Nur vier Helfer statt deren sieben hat er noch, und die verbliebenen sind durch Verletzungen nur eingeschränkt arbeitsfähig.

Angriffslust prägte allerdings auch schon die erste Tourwoche. Julian Alaphilippe holte mit einer Soloattacke das erste gelbe Trikot. Tags darauf setzte Universaltalent Mathieu van der Poel gleich eine Doppelattacke bei der zweifachen Überfahrt der Mur-de-Bretagne – und löste so Alaphilippe ab. Von ihm ging Gelb direkt an Pogacar – auch er ein Mitglied im Klub der Attackereiter. Zu Beginn der Etappe sprachen die beiden noch miteinander. «Mathieu sagte mir, dass er es schön finden würde, wenn ich das Gelbe übernehme, sollte er es verlieren», erzählte Pogacar später.

Marc Hirschi nach seinem schweren Sturz.

Marc Hirschi nach seinem schweren Sturz.

Anne-Christine Poujoulat/EPA

Ein weiteres Mitglied im Klub der jungen Attackierer konnte bislang keine Akzente setzen. Marc Hirschi leidet weiter an den Sturzverletzungen. Die Kraft, die er hat, setzt er für Pogacar ein. «Das ist unser Hauptziel, wir wollen Tadej aus allen Problemen heraushalten, damit er Gelb verteidigt», so der Berner. Seine Wildheit ist momentan doppelt gebremst.