Ist Veloprofi Chris Froome nun primär ein bedauernswerter Asthmatiker oder vielmehr ein skrupelloser Lügner und Doper? Spätestens wenn der Brite in knapp drei Wochen den Giro d’Italia gewinnen sollte, wird diese Frage zurück in den Mittelpunkt des Radsports rücken.

Eines ist klar: Das mit Spannung erwartete Verdikt des Internationalen Veloverbandes (UCI) wegen Froomes zu hoher Dosis Salbutamol im letzten Herbst wird keine definitive Antworten liefern.

Denn selbst wenn der fünffache Sieger der Tour de France eine mehrmonatige Sperre aufgebrummt erhält, hat er zwar Antidoping-Regeln missachtet, aber nicht zwingend zur bewussten Leistungssteigerung. Denn der Einsatz des Asthmamittels liegt im Graubereich des Spitzensports.

Salbutamol gehört zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten im Ausdauersport. Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) tut sich seit Jahren schwer mit der Einordnung dieses zur Entspannung der Bronchialmuskulatur eingesetzten Mittels.

Entsprechend hat sie in den letzten 15 Jahren mehrmals die Spielregeln verändert – meist nach dem Erscheinen von neuen wissenschaftlichen Studien zur anabolen Nebenwirkung. Zuerst war der Einsatz nach vorgängiger Deklaration legal, dann sieben Jahre lang ohne Einschränkung erlaubt, 2009 ein Jahr lang ganz verboten.

Derzeit gilt eine erlaubte Höchstmenge zur Inhalation. Als Tablette oder per Spritze verabreicht, ist Salbutamol verboten. Wer wegen akuten Asthmas eine höhere Dosis benötigt, braucht dafür eine medizinische Ausnahmebewilligung.

Eine solche hatte Chris Froome nicht, als er nach der 18. Etappe der Spanien-Rundfahrt in der Urinprobe exakt die doppelte Menge des erlaubten Grenzwerts aufwies. Mit der Erklärung des Teamarztes, nach einem akuten Anfall des Athleten am Vortag die Dosis innerhalb der möglichen 16 Inhalator-Stössen innert 24 Stunden erhöht zu haben, ist Froomes Wert definitiv nicht kompatibel.

Weil der Athlet bei einem solchen Vergehen Erklärungen nachliefern darf, zieht sich der Fall nun seit Monaten dahin. Egal wie er ausgeht, die unterlegene Partei wird das Urteil ans Sportgericht (CAS) weiterziehen. Froomes Versuch, mit einem klinischen Versuch eine anatomische Besonderheit nachzuweisen, soll gemäss Insidern gescheitert sein.

Nun scheint die Argumentation der Verteidigung auf die Wada zu zielen. Denn eine brandaktuelle britische Studie kommt zum Schluss, dass die Antidoping-Regeln betreffend Salbutamol «generell fehlerhaft» seien. Derzeit wird also ein neues Kapitel dieses Lieblingsmedikaments unter Athleten geschrieben. Es wird nicht das Letzte sein.