Wohl haben die Fahrer bei IAM Cycling die Nachricht zur Kenntnis genommen. Daran glauben mag aber noch niemand so richtig. Nachdem Teamchef Michel Thétaz im Mai nach erfolgloser Suche nach einem Co-Sponsor beschlossen hat, die Mannschaft per Ende Jahr aufzulösen, könnte sich doch noch eine Rettung abzeichnen. Mehr als ein schwacher Hoffnungsschimmer sind die Verhandlungen mit dem drittklassigen belgischen Team 3M und dessen global tätigen Titelsponsor bislang allerdings nicht.

Das bedeutet: Die 28 Profis in Diensten der Schweizer Equipe sind auf der Suche nach einem Arbeitgeber für 2017. Dieses Schicksal teilen sie mit den Fahrern des Teams Tinkoff, das sich mit grosser Wahrscheinlichkeit ebenfalls zurückziehen wird, sowie mit zahlreichen Profis aus anderen Mannschaften, die für die kommende Saison noch keinen Vertrag haben. Mehr als 100 Fahrer der World Tour dürften damit gegenwärtig auf Stellensuche sein, womit die Nachfrage deutlich höher ist als das Angebot.

Weil die Teams grösstenteils am Tropf von einzelnen Sponsoren hängen, ist das System anfällig dafür, dass Equipen so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Zwar existieren auch Projekte für neue Mannschaften, etwa vom bahrainischen Scheich Nasser bin Hamad Al Khalifa oder vom früheren dänischen Profi und langjährigen Teamchef Bjarne Riis. Ob sich diese Pläne aber bereits für nächstes Jahr realisierenlassen, ist noch alles andere als sicher.

Offiziell wird die Transferperiode erst nach der Tour de France eröffnet. Ab 1. August dürfen Teams und Fahrer neue Verträge gemäss den Regeln des Rad-Weltverbandes UCI abschliessen. Hinter den Kulissen aber sind die Verhandlungen für nächste Saison längst in vollem Gang. Dabei sind die Teams tendenziell aufgrund des Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage in einer besseren Position als die Fahrer. Die Mannschaften können darauf zählen, dass auch im Herbst noch genügend Helfer ihre Dienste anbieten.

Hinzu kommt, dass der Fahrermarkt gegenwärtig etwas blockiert ist. Bevor die Zukunft der grossen Stars wie Peter Sagan und Alberto Contador (beide Team Tinkoff) oder Vincenzo Nibali – der Astana-Fahrer wird mit dem Bahrain-Projekt in Verbindung gebracht – nicht geklärt ist, bleibt die grosse Transfer-Dynamik noch beschränkt.

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Im Fahrerlager steigt derweil die Nervosität. «Das wiederholt sich jedes Jahr um diese Zeit», sagt Martin Kohler. «Es ist schon belastend, nicht zu wissen, ob man nächstes Jahr noch einen Vertrag hat.» Der frühere Schweizer Meister hat seine schmerzlichen Erfahrungen gemacht. Nach sieben Jahren in Diensten von BMC heuerte der Rheintaler im vergangenen Jahr bei der zweitklassigen australischen Mannschaft Drapac an, ehe er auf diese Saison hin zum Team Roth in die Schweiz zurückkehrte. «Im Fussball wird der Trainer ausgewechselt, wenn es nicht läuft. Bei uns sind es die Fahrer, so ist halt das System», sagt Kohler. «Immerhin hat man es selber in der Hand, sich mit guten Leistungen zu empfehlen.»

Gut gelungen ist das zuletzt IAM-Profi Reto Hollenstein. Wenige Tage nach der Nachricht vom Ende des Rennstalls beendete der Thurgauer die Belgien-Rundfahrt hinter seinem Teamkollegen Dries Devenyns auf dem zweiten Rang. Daneben sucht Hollenstein aktiv den Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern. «Ich spreche mit allen möglichen Leuten», sagt der 30-jährige Familienvater, der seine Situation einigermassen entspannt sieht. «Es bringt nichts, mich verrückt machen zu lassen. Ich konzentriere mich lieber auf meine Leistung.»

Vergleichsweise komfortabel ist die Situation für IAM-Leader Mathias Frank. Der 29-jährige Luzerner, der bei der Tour de Suisse zu den Mitfavoriten gehört, kann sich auf einen Agenten verlassen, der für ihn die Verhandlungen führt. Und dies offenbar mit Erfolg: Frank liegen für nächste Saison bereits mehrere Angebote vor. Der Tour-de-France-Achte braucht also nicht um seine Zukunft zu bangen, sondern wird sich primär entscheiden müssen, ob er eher eine Leaderrolle in einem kleineren Team oder eine untergeordnete in einem grossen anstrebt.

Dieses Privileg haben nicht alle: Die meisten Fahrer müssen froh sein, wenn sie irgendwo als Helfer ein Auskommen finden. Für den Herbst sind deshalb teaminterne Spannungen programmiert. «Wenn man dann noch ohne Vertrag ist, will man durch gute eigene Resultate auf sich aufmerksam machen», sagt Martin Kohler. «Dann ist es hart, wenn man sich permanent in den Dienst von Teamkollegen stellen muss, die schon einen Vertrag haben.»