Der Frühling hat Einzug gehalten in der Toskana, auch wenn vom Mittelmeer her ein recht kühles Lüftchen weht. Der Badeort nördlich von Livorno ist trotz Vorsaison belebt, die Sonne lockt die Einheimischen auf die Strasse. Absperrgitter deuten darauf hin, dass hier zwei Tage später das Rad-Etappenrennen Tirreno–Adriatico beginnen wird. Dieses bestreitet Fabian Cancellara primär als Vorbereitung auf seine Lieblingsrennen, die grossen Eintagesklassiker des Frühlings. Bevor er bereit ist zum Interview in der Lobby des Teamhotels, telefoniert er noch mit seiner Familie daheim in Ittigen bei Bern, wo die Windpocken ausgebrochen sind.

Fabian Cancellara, Sie können am Mittwoch Ihren 34. Geburtstag feiern. Fühlen Sie sich manchmal alt?

Fabian Cancellara: Als Sportler bin ich ja tatsächlich nicht mehr so jung. Ich merke aber weniger mein Alter als die 15 Jahre, die ich nun schon Radprofi bin. Suchen Sie mal einen Fah-rer, der so lange dabei ist. Da gibt es
nicht viele. Diese Zeit hinterlässt ihre Spuren.

Inwiefern?

Dieses Zigeunerleben hat man irgendwann satt. Mal ist man im Trainingslager, dann reist man von Rennen zu Rennen – und zwischendurch ist man zu Hause, aber doch nie richtig. Ich trainiere immer noch gern, und ich fahre auch gern Rennen, aber anstrengend ist vor allem das ganze Drumherum. Da willst du dich manchmal von gewissen Dingen distanzieren und fragst dich: Was mache ich eigentlich noch hier?

Was sind das für Momente?

Man braucht nicht einmal die Tour de France zu nehmen, wo immer ein riesiger Trubel gemacht wird. Im Februar waren wir an der Oman-Rundfahrt an einem Tag bei Sandsturm und einer Hitze von fast 50 Grad unterwegs.

Worauf Sie sich als Streikführer betätigt haben ...

Wenn wir Fahrer nicht interveniert hätten, wäre die Etappe nicht abgebrochen worden. Dabei war es nur noch gefährlich. Immerhin sind wir im Radsport inzwischen so weit, dass man das Wetter thematisieren darf und die Rennen nicht mehr auf Biegen und Brechen durchbringen will. Da bewegen wir uns in die richtige Richtung. Ich bin der Meinung, dass wir für Radrennen gegen oben und unten Temperaturgrenzen festlegen sollten. Die Langläufer dürfen schliesslich auch keine Wettkämpfe mehr bestreiten, wenn es kälter ist als minus 20 Grad.

Mit solchen Problemen müssen
Sie sich nicht mehr lange herumschlagen. Ihr Profivertrag läuft noch bis Ende 2016, dann wollen Sie Ihre Karriere beenden. Spüren Sie noch keine Torschlusspanik?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin nicht Jens Voigt – mein ehemaliger Teamkollege, der im letzten Herbst mit 43 aufgehört hat. Ich will aufhören, solange ich noch konkurrenzfähig bin. Es bringt mir nichts, weiterzufahren, nur um noch dabei zu sein. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, ich würde mehr verlieren. Ich würde einen Teil von dem verlieren, was ich in meiner Karriere gewonnen habe. Natürlich vergisst man grosse Siege wie bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften oder Paris–Roubaix nicht einfach. Aber ich will nicht, dass es heisst: Das ist doch der, der früher mal …

Sie wollen auf dem Höhepunkt aufhören. Vielleicht schon nach einer erfolgreichen Saison 2015?

In meinem Kopf gibt es Traumszenarien. Wenn ich in diesem Jahr zwei grosse Klassiker gewinne und Weltmeister werde, dann kann ich eigentlich sagen: Das wars. Aber es ist sicher nicht geplant, einfach so Knall auf Fall aufzuhören. Einige Rennfahrerkollegen haben schon das Gefühl, ich sei schon fast im Ruhestand. Das ist nicht der Fall, sie freuen sich zu früh. Aber es ist eine Tatsache, dass der Tag X kommt. Wann der kommt, sage ich. Das ist das Schöne am Ganzen: Ich kann selber die Handbremse ziehen und sagen: Jetzt ist fertig. Dass ich einen Vertrag habe, bedeutet nicht, dass ich muss. Ich muss wollen, und ich will immer noch – darum bereite ich mich jetzt auf die Frühlingsklassiker vor.

An die Olympischen Spiele 2016
in Rio wollen Sie aber nicht mehr, wie kürzlich aus den Medien zu vernehmen war.

Das stimmt nicht, das habe ich nie gesagt. Fakt ist: Rio ist im nächsten Jahr, und was dann ist, interessiert mich im Moment nicht. Ich habe nicht den Kopf dafür. Mein Fokus liegt jetzt auf den Frühjahresklassikern, und mein Horizont reicht bis dorthin. Das heisst nicht, dass ich nicht nach Rio gehen werde, aber es ist zum aktuellen Zeitpunkt kein Thema für mich. Das habe ich den Journalisten an der Katar-Rundfahrt auch gesagt, als mich einer nach Rio fragte. Eine Zeitung, die gar nicht dabei war, hat dies nachher falsch wiedergegeben und damit einen Wirbel ausgelöst, der nicht nötig gewesen wäre. Swiss Olympic hat sich beispielsweise gemeldet.

Dann wissen Sie noch nicht,
wie Ihr Rennprogramm nach den Klassikern aussieht?

Natürlich mache ich mir irgendwo im Hinterkopf Gedanken darüber, wie man Weltmeisterschaften auch noch vorbereiten könnte. Die sind in diesem Jahr speziell, weil sie in den USA stattfinden. Aber Rio – oder auch der Stundenweltrekord – ist definitiv noch zu weit weg. Zuerst interessiert mich, wo wir im Herbst mit der Familie Ferien machen. Das muss schliesslich geplant sein (lacht).

Wenn Sie den Kopf wieder frei haben, tauchen vielleicht sogar für 2017 neue sportliche Ziele auf.

Was sollen das für Ziele sein? Und sowieso: Ich habe ja dann keinen Vertrag mehr.

Verträge kann man verlängern.

Ja, aber man kann sich auch neue Ziele setzen für einen neuen Lebensabschnitt. Wie gesagt: Ich trainiere und fahre immer noch gern, und ich könnte wohl noch bis 40 fahren. Es ist die ganze Reiserei, das Wegsein von zu Hause, von dem ich genug habe. Ich habe auf sehr viel verzichtet, ein richtiges Sozialleben kannst du als Veloprofi gar nicht haben, weil du so viel weg bist.

Und Sie haben eine Familie …

… von der ich auch wirklich ein Teil sein möchte. Ich will meine Kinder aufwachsen sehen, die jetzt 8 und bald 3 Jahre alt sind. Du kannst das Rad nicht zurückdrehen und sagen, jetzt kann ich zwei Jahre mit meinen Kindern geniessen. Klar ist es mit den heutigen Kommunikationsmitteln einfacher geworden, auch auf Distanz in engem Kontakt zu bleiben. Aber du willst nicht immer am Telefon hängen oder am Computer. Der Radsport hat mir viel gegeben und wird mir sicher auch in Zukunft viel geben. Aber der Radsport ist nicht mein Leben, er ist nur ein Teil davon.

Schöpfen Sie zusätzliche Motivation aus der Gewissheit, dass Ihre Karriere in absehbarer Zeit zu Ende geht?

Es ist für mich in mentaler Hinsicht wichtig, dass ich mir diesen Weg so legen kann. Als ich meinen Dreijahresvertrag unterschrieb und gleichzeitig sagte, dies sei mein letzter, wurde dies teilweise als Marketingkalkül interpretiert. Das ist Unsinn: Es war für mich als Typ Mensch wichtig, das Ende einmal abzustecken.

Weshalb?

So kann ich mich darauf vorbereiten, und auf der anderen Seite neue mentale Stärke daraus schöpfen. Während der Saisonvorbereitung im Winter habe ich mir gesagt: Hey, du hast noch zwei Jahre, in denen du Vollgas geben kannst. Irgendwo ist die Energie begrenzt. Deshalb schaue ich auch, dass ich aus mentalen Dingen Stärke ziehen kann. Es gibt im Moment viele junge Fahrer, die Druck machen. Da musst du auch wieder mehr arbeiten und schauen, wo du dich noch verbessern kannst.

Und, wo können Sie das?

Zunächst einmal habe ich mir vorgenommen, nicht in Panik zu geraten und etwas weniger zu denken. In dieser Hinsicht habe ich mich in diesem Winter quasi zu einem jungen Fahrer zurückgebildet. Die Jungen denken weniger, sondern fahren einfach. Sie können unbeschwerter auftreten, mit mehr Coolness – auch, weil sie weniger Verantwortung tragen. Ich habe versucht, mit diese Eigenschaften wieder anzueignen und mit meiner Erfahrung zu kombinieren.

Was bedeutet das konkret?

Ich habe mich im Team stärker auf meine Rolle als Rennfahrer besonnen und kümmere mich um weniger Dinge rundherum. Ich bin in vielen Dingen ein «Tüpflischiisser». Darum habe ich nun versucht, überall etwas Luft zu holen und mich zu distanzieren von gewissen Sachen. Wenn halt jetzt diese Regenjacke nicht genau das ist, was ich gern hätte, dann ist es halt einfach so. Letztes Jahr hätte ich vielleicht noch mehr Energie darauf verwendet, daran etwas zu ändern. Diese Energie brauche ich lieber fürs Training, fürs Rennen, für die Erholung.

Wie überlisten Sie den Pedanten
in sich?

Es ist nicht einfach. Entweder bist du einfach Rennfahrer und fährst – oder du bist zusätzlich ein wenig Materialfreak. Und sobald du das bist, bedeutet das mal Schuhe hier, mal Kleider dort. Wir haben gerade die neuen Freizeitkleider bekommen von unserem Ausrüster. Ein anderer schaut das an und sagt, das sei gut. Für mich ist es auch gut, aber noch nicht ganz gut. Für mich gibt es immer noch Details.

Als Teamleader haben Sie auch eine besondere Verantwortung.

Die Leaderrolle bringt einige Zusatzaufgaben mit sich. Vor diesem Interview habe ich beispielsweise mit den Leuten unseres Ausrüsters und Hauptsponsors Trek drei Stunden Velos getestet, während meine Teamkollegen einen Streckenabschnitt rekognosziert haben. Das gehört dazu. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, ich müsse immer alles selber machen. Ich habe mehr Dinge abgegeben. Dass unser Team nun in der zweiten Saison steht, macht es auch einfacher. Diese Kontinuität ist hilfreich, nachdem wir zuletzt jedes Jahr einen grösseren Umbruch hatten. Gleichzeitig bin ich die-se Saison anders angegangen als die letzten.

In welcher Hinsicht anders?

In den letzten Jahren waren die grossen Rennen das Einzige, was für mich zählte. Im Frühling die Klassiker, im Herbst die Weltmeisterschaften. Das ging zwei, drei Jahre gut, aber irgendwann muss man wieder etwas ändern. Ich habe ständig einen Mittelweg gesucht zwischen meinen Interessen und jenen von Team und Sponsoren. Da habe ich zu viele Kompromisse gemacht und Rennen aufgegeben, um noch an einem Event teilzunehmen. Das will ich nicht mehr: Entweder fahre ich Rennen oder ich bleibe zu Hause. Entweder gehe ich an einen Event oder ich bleibe zu Hause.

Was versprechen Sie sich von dieser Taktik?

Letzte Saison habe ich zwar die Flandern-Rundfahrt gewonnen, hatte am Ende des Jahres aber nur zwei Siege auf dem Konto. Auch deshalb bin ich einen Schritt zurückgegangen und will wieder fahren wie ein junger Athlet. Ich versuche auch in kleineren Rennen wieder mal etwas, anstatt nur mitzufahren. Und siehe da: Im Oman ist mir schon ein Etappensieg gelungen.

Apropos junger Athlet:
Müssen Sie anders zu Ihrem Körper schauen als vor zehn Jahren?

Ich kann nicht mehr sieben Wochen Pause machen wie früher. Je älter ich werde, desto schwieriger wird es, den Körper nach einem längeren Trainingsunterbruch wieder in Schwung zu bringen. Und dann merke ich, dass meine rechte Seite seit den Stürzen bei der Flandern-Rundfahrt (Schlüsselbeinbruch) und den Olympischen Spielen 2012 nicht mehr bei 100 Prozent ist. Nach ein paar Stunden im Sattel merke ich das gut. Da gehe ich halt einmal mehr zum Osteopathen oder Chiropraktiker. Und ich sollte dies noch öfter tun, ich habe in dieser Beziehung eher zu wenig gemacht in letzter Zeit (lacht). Wenn du ein Wehwehchen hast, bist du heute fast 24 Stunden beschäftigt mit Massieren, Erholen, Core Stability, Pilates oder Stretching und so weiter. Alles ist mehr geworden. Natürlich musst du auch wollen und bereit sein dafür. Aber so ist der Radsport heute einfach.

Hat sich das verändert, seit Sie
Veloprofi geworden sind?

Bei Mapei, meinem ersten Profi-Team, haben wir vor allem auf dem Velo viele Tests gemacht. Zum Beispiel, was die Sitzposition angeht. Aber es gab im Team keinen Koch, keinen richtigen Trainer, kein Pilates. Danach war ich bei Fassa Bortolo, da gab es sowieso nur das Training: Da hiess es: Gring ache u fahre. Inzwischen arbeiten die Teams viel professioneller, da hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Vieles hat sich zum Guten entwickelt. Die schwierigen Zeiten, die der Radsport durchgemacht hat, hat sicher Spuren hinterlassen. Aber der Wandel ist da. Das sieht man auch daran, dass die jungen Fahrer nachkommen. Ich hatte in meinen ersten Profijahren gar keine Chance zu gewinnen – es hat höchstens mal für ein kurzes Prologzeitfahren gereicht. Heute haben die Jungen schneller Möglichkeiten, um Rennen zu gewinnen. Vielleicht nicht die ganz langen über 250 Kilometer, weil es da eine gewisse Härte braucht, die man erst mit den Trainingsjahren entwickelt.

Müssen Sie heute einen grösseren Trainingsaufwand betreiben,
um Ihr Niveau zu halten?

Es ist ein anderer Aufwand geworden. Bringt es etwas, noch mehr zu trainieren? Ich weiss es nicht. Ich bin jedenfalls bisher nicht schlechter geworden. Seit 2006 bewege ich mich ungefähr auf dem gleichen Niveau. Da kommen einfach ein paar neue Fahrer und andere gehen. Klar ist, dass es diesen Frühling viel braucht, um zu gewinnen. Nach dem milden Winter in Europa sind schon viele Fahrer gut in Form. Das macht die Rennen schneller und schwieriger.

Sie spüren also, dass nach einem milden Winter das Niveau im Fahrerfeld höher ist?

Ja, das macht viel aus. Ich erinnere mich an ein Jahr, als der Winter in Europa ziemlich schlecht war. Weil ich aber viel auf Gran Canaria trainiert hatte, gewann ich die Rennen im Frühling praktisch mit einem Bein. Im Moment spürt man im Feld auch, dass bei vielen Fahrern die Verträge auslaufen. Sie müssen sich jetzt aufdrängen. Zudem gibt es Fahrer, die das Team gewechselt haben und dadurch neue Motivation geschöpft haben.

Sie haben im Oman gezeigt, dass die Form stimmt. Danach waren Sie jedoch krank.

Das stimmt, ich habe Ende Februar eine Woche kaum trainiert. Aber ich hatte zuvor einen guten Winter. Jetzt bin ich halt mal krank geworden. Wenn man schaut, was für eine Grippewelle europaweit herumgegangen ist, muss man damit rechnen. Ich bin auch nur ein Mensch. Manchmal ist es vielleicht sogar gut, wenn man krank wird. Dann kann der Körper runter- und wieder hochfahren. Im Moment sehe ich es als Vorteil, aber die Abrechnung kommt in den kommenden Wochen. Hat mich die Krankheit weit zurückgeworfen? Hat Sie mir gutgetan? Keine Ahnung. Aber ich hänge auch nicht einfach im luftleeren Raum, sondern weiss, dass meine Form grundsätzlich da ist. Jetzt geht es noch um das Feintuning, um für die kommenden Klassikerrennen noch einmal zulegen zu können.

In den drei grossen Frühjahresklassikern Mailand–Sanremo, Flandern-Rundfahrt und Paris– Roubaix haben Sie es die letzten
zwölf Mal immer auf das Podest geschafft, wenn Sie das Ziel erreicht haben. Ist es für Sie ein Thema, diese Serie fortzusetzen?

Darüber habe ich mir bis jetzt gar keine Gedanken gemacht. Aber wenn Sie so fragen: Ja, doch, ich möchte diese Serie weiterziehen. Natürlich will ich das.