Nino Schurter, nach dem Highlight auf der Bikestrecke mit Olympiagold folgte am Abend im Maracanã-Stadion gleich das nächste.

Nino Schurter: Es war eine grosse Ehre, dass ich für das Schweizer Team die Fahne an der Abschlussfeier tragen durfte. Speziell war auch, dass ich schon vor meinem Rennen dafür ausgewählt worden war. Für das Vertrauen von Swiss Olympic möchte ich mich bedanken.

Ein paar Stunden zuvor, gleich nach der Zieleinfahrt, hoben Sie gleich Ihr Bike in die Höhe, einer Trophäe gleich. Was waren Ihre Gedanken in jenem Moment?

Dass es für mich das perfekte Rennen war. Ich hatte vier Jahre lang darauf hingearbeitet, und alles ging auf. Ich hatte beim Start zwar eine kleine Schrecksekunde, als mir Daniel McConnell fast ins Rad fuhr. Danach konnte ich aber das Rennen stets kontrollieren. Ich merkte rasch, dass ich schneller war am Berg als Jaroslav Kulhavy. Ich versuchte deshalb, mich in der ersten Rennhälfte zu schonen. In der zweitletzten Runde griff ich an und kam weg. Perfekt!

Tersnaus im Valsertal feiert seinen Olympiahelden – «Gewaltig, diese Unterstützung aus der Heimat», sagt Nino Schurter kurz nach seinem Sieg.

Tersnaus im Valsertal feiert seinen Olympiahelden – «Gewaltig, diese Unterstützung aus der Heimat», sagt Nino Schurter kurz nach seinem Sieg.

Wie wählten Sie den Moment des Angriffs aus?

Ich wollte nicht zu früh attackieren, da es viele Rollerpassagen gab, die ich nicht allein vorn fahren wollte.

Und danach?

Ich konnte schnell einen Vorsprung rausfahren, danach trugen mich die Glücksgefühle.

Dachten Sie während des Rennens auch an die letzten vier Jahre oder an London?

Nein, die letzten Rennen gingen mir nie durch den Kopf. Aber die ganze Vorbereitung. Alles, was ich für diesen Tag gemacht habe. Und dann hoffte ich, dass ich sicher durchs Rennen komme, keinen Defekt oder einen Sturz erleide.

Vor dem Start wirkten Sie etwas nervös.

Ich hatte plötzlich ein kurioses Gefühl und war mir nicht mehr sicher, die richtige Reifenwahl getroffen zu haben. Ich fühlte mich auf einmal unter Druck. Zum Glück hatte ich die richtigen Leute um mich herum, die dann die richtige Entscheidung trafen.

Es ging um die nasse Strecke nach dem Gewitter in der Vornacht. Wie problematisch wurde diese während des Rennens?

Vor dem Rennen machte mir das schon Sorgen. Ich wusste, dass ich bei trockenen Bedingungen perfekt vorbereitet bin. Und dann kam der Regen. Dann weisst du plötzlich nicht mehr so genau, wie du dich auf die Strecke einstellen sollst. Du fragst dich, wie die Strecke sein wird, ob das Wetter hält. Das war meine letzte Prüfung: diese Herausforderung cool zu meistern und nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden. Denn es war ja für alle gleich. Keiner wusste wirklich, welche Reifen er wählen soll. Mein Teamchef Thomas Frischknecht und mein Mechaniker Yanick Gyger halfen bei der Entscheidung.

Wie haben Sie sich entschieden?

Ich bin komplett mit Trockenreifen gefahren. Ich glaube, das war die richtige Wahl. Das Rollen war entscheidend, du brauchtest schnelle Reifen. Es gab nur eine Passage, die wirklich rutschig wurde. Und auch dort kam ich jeweils gut durch.

Es kam wie schon in London zum Duell mit Jaroslav Kulhavy. Eine spezielle Geschichte.

Ich wusste schon vor dem Rennen, dass zu 90 Prozent Jaroslav Kulhavy oder Julien Absalon meine Gegner sein würden, wenn ich um den Sieg fahren kann. Darum war ich nicht erstaunt, als Jaroslav dann dort vorn dabei war. Für mich war es perfekt, weil er auch Führungsarbeit übernahm und viel fürs Tempo tat. Ich wusste, dass ich mich irgendwie durch die erste Hälfte mogeln musste, um dann eine schöne Attacke zu starten.

Sie wollten kaum mit Kulhavy in einen Endspurt wie 2012?

Nein, mit ihm nicht. Wenn ich mit Absalon alleine auf die letzte Runde gegangen wäre, hätte ich mich getraut, einen Sprint zu versuchen. Bei Jaroslav wusste ich aber, dass er eventuell endschneller ist als ich. Darum musste ich die Entscheidung am Berg forcieren. Wäre mir das in der zweitletzten Runde nicht gelungen, hätte ich es genau gleich in der letzten Runde versucht.

Welche Gefühle kamen auf den letzten 300 Metern in Ihnen hoch?

Ich habe meine Beine kaum gespürt. Es war alles sehr emotional. Ich wusste, dass mir niemand mehr den Sieg nehmen konnte. Bereits bei der letzten Fahrt durch die Tech-Zone gab mir mein Mechaniker Yanick ein «High Five!»

Was dachten Sie, als nach dem Start plötzlich Peter Sagan zuvorderst war? Mit dem Strassenweltmeister hatten Sie vor dem Rennen explizit nicht an der Spitze gerechnet.

Ich erschrak ein wenig. Vor allem, weil er so schnell schon vorn war. Er kam beim allerersten Aufstieg herangeschossen. Da war ich etwas erstaunt. Ich versuchte, den Fokus auf mir selbst zu behalten und nicht plötzlich Angst vor ihm zu haben. Und in der zweiten Runde fiel er dann schon wieder zurück. Aber sein Auftritt war erstaunlich. Für uns Biker ist es cool, dass er dabei war. Wenn er sich wieder aufs Mountainbiken konzentrieren würde, wäre er sicher jemand, der um Siege mitfahren könnte.

Seit Peking 2008 war der Olympiasieg Ihr übergeordnetes Ziel. Nun haben Sie es erreicht. Ist Ihre Karriere nun perfekt?

Meine Karriere ist noch nicht zu Ende. Aber ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Mir macht das Biken sehr viel Spass, ich werde darum genauso zielstrebig bleiben, um weitere Weltcupsiege zu erringen. Und ich hoffe, auch bei Tokio 2020 noch am Start zu sein.

Sie haben nun Gold, Bronze und Silber.

Rückblickend auf London, kann ich sagen, dass es wohl Silber sein musste, damit ich wirklich an allen Details zu arbeiten begann und nun in Rio Gold gewinnen konnte. Es gibt für mich nichts Schöneres als diese ganze Medaillenkollektion.

Apropos «nichts Schöneres». Sie wollten Ihre Frau Nina gleich nach dem Rennen anrufen.

Ja, aber Sie nahm das Telefon nicht ab. Vielleicht hat Sie das Rennen gar nicht geschaut (lacht). Nein, ich denke, sie war auch am Feiern.