Axl Roses Reibeisenstimme schallt aus den Lautsprechern im Zielbereich der WM-Arena in Lenzerheide. «Knocking on heavens door», der Klassiker von Guns’n’Roses läuft. Gleichzeitig stürzen sich die Downhiller über den furchteinflössenden Zielsprung, ehe sie im Auslauf eine Vollbremsung hinlegen. Wenn man diese Bike-Akrobaten bei ihrem halsbrecherischen Treiben beobachtet, dann tauchen im Kopf unweigerlich Bilder auf, wie diese Jungs und Mädels viel zu früh an die Himmelspforte klopfen.

Da passt es ins Bild, dass sich das Qualifikationsrennen der Männer um eine halbe Stunde verzögert, weil man erst noch eine verunfallte Athletin per Helikopter aus dem Hang bergen muss. Und dann stürzen sie sich in die Tiefe, die über 100 gemeldeten Downhiller. Als wäre nichts gewesen. Spricht man mit Janis Lehmann, dem 20-jährigen Talent aus dem solothurnischen Hessigkofen, dann merkt man schnell, wie diese Jungs ticken. Am 21. Mai zog sich Lehmann bei einer Trainingsfahrt in Frankreich einen Oberschenkelbruch zu. Wie es dazu kam? «Ich habe die Strecke nicht gut genug besichtigt, mich in einer Kurve verschätzt, musste bremsen, wurde abgeworfen und knallte mit dem Bein in einen Baum. Weh hat es nicht wirklich getan. Aber ich war natürlich sauer, weil ich dachte, dass die Saison für mich gelaufen ist», sagt er locker lässig.

Alles nur Adrenalin-Junkies?

Nur zweieinhalb Monate später stand er bereits wieder am Start. Angst? «Nein. Ich wollte einfach so schnell wie möglich wieder aufs Bike», erzählt Lehmann lachend und fügt an: «Angst darf man nicht haben. Man sollte genau wissen, was man macht. Und man sollte davon überzeugt sein.» Mit seiner wallenden Mähne und seiner legeren Art entspricht der Solothurner dem Klischee-Bild, das man als Aussenstehender von dieser Extremsportler-Gruppe hat. Wer sich auf einem Bike derart wahnwitzig den Berg hinunterstürzt, der muss fast zwingend irgendwie verrückt sein. Also alles nur Spass, Party, Risiko? Ein Sammelsurium von Adrenalin-Junkies?

Mitnichten, sagt der derzeit beste Schweizer Downhiller, Noel Niederberger: «Wir sind nicht die, die Bier trinken und kiffen und nebenbei noch ein wenig Sport treiben. Wir sind Profis und wir trainieren genauso hart wie zum Beispiel die Abfahrer im alpinen Skisport.» Klar müsse man auch ein wenig ein AdrenalinJunkie sein, «aber das Gleiche gilt ja für andere Speed-Sportarten.»

Hartes Training

Niederberger, der seit dieser Saison Profi ist, betreibt einen riesigen Aufwand, um irgendwann den Sprung an die absolute Weltspitze zu schaffen: «Ich trainiere viel auf dem Velo, auf dem Motocross-Töff. Dann gehört Kraft- und Konditionstraining dazu, ebenso Arbeit im mentalen Bereich. Es braucht eine ausgewogene Vorbereitung, damit man die drei Minuten auf dem Bike, in denen jeder Muskel des Körpers beansprucht wird, übersteht», beschreibt der Aargauer das umfangreiche Pensum.

Janis Lehmann vergleicht eine Downhill-Fahrt mit «drei Minuten Liegestützen am Stück». Der ganze Körper werde belastet. Man müsse die ganzen Schläge abfangen, das Velo bei hohem Tempo um die Kurven wuchten, die Sprünge stehen. Und neben dem physischen Aspekt kommt eben noch der mentale dazu, der gemäss Niederberger «80 Prozent des Gesamtpakets ausmacht». Will heissen: Wer mehr riskiert, der gewinnt. «Im Normalfall hat man keine Angst, aber Respekt. Und es gibt Linien, die fährt man nicht, weil sie zu riskant sind», sagt der 23-Jährige.

Ziel: Schweizer Meister

Wer die Marge nicht voll ausreizt, der hat aber keine Chance, sich im Kreis der absoluten Weltklasse-Fahrer zu behaupten. Das merkt Noel Niederberger jeweils, wenn er an Weltcuprennen hinter anderen Athleten herfährt. «Diese Fahrer bremsen oft einfach einen Meter später oder lösen die Bremse einen Meter früher. Und kommen so sogar besser durch schwierige Passagen.»

Am Sonntag stehen die beiden BikeAkrobaten beim WM-Rennen am Start. Ihr Ziel? Schweizer Meister Niederberger, dessen Saison durch die Folgen eines Schleudertraumas und den damit zusammenhängenden Gleichgewichtsstörungen arg beeinträchtigt wurde, mag sich nicht festlegen: «So gut wie möglich fahren», lautet sein Motto. Unter normalen Umständen wäre er sicher ambitionierter. Ähnliches gilt für Janis Lehmann, der nach seinem wundersamen Comeback froh ist, überhaupt an der WM dabei sein zu können. Entsprechend formuliert er seinen Wunsch: «Ich hoffe, ich habe einen geilen Run und Spass. Um das geht es doch im Leben.»