Er ist jung, talentiert und ehrgeizig. Mit seinen Gardemassen von 1,93 Metern und 82 Kilogramm bringt Stefan Küng auch optimale körperliche Voraussetzungen mit, um dereinst in die grossen Fussstapfen von Fabian Cancellara zu treten.

Sein grosses Potenzial angedeutet hat Küng schon mehrfach. 2015 und 2017 glänzte der 24-Jährige mit dem Übernamen "King Küng" an der Tour de Romandie jeweils als Etappensieger. Im letzten Jahr stellte er an der Tour de Suisse und später an der Tour de France mit drei 2. Plätzen im Zeitfahren auch seine exzellenten Rollerqualitäten unter Beweis. Der ganz grosse Coup blieb ihm bislang aber (noch) verwehrt.

Küngs Trainer Marco Pinotti traut seinem Schützling eines Tages nichts weniger als den Sieg bei Paris - Roubaix zu. Auch Küng selbst ist überzeugt, bei den Classiques dereinst eine wichtige Rolle einnehmen zu können. Besonders das Rennen mit den vielen Kopfsteinpflaster-Abschnitten hat es ihm angetan. "Paris - Roubaix kommt meinem Fahrstil entgegen. Ich fühle mich sehr wohl auf den Pavés", schwärmt er. Und im Gegensatz zu vielen anderen Fahrern im Peloton seien seine Hände und Füsse praktisch schmerzresistent.

Nach einem 63. (2015) und 41. Rang (2016) musste er das Rennen im letzten Jahr nach einer Kollision mit einem Mannschaftsauto aufgeben. In dieser Saison ist er bislang verletzungsfrei geblieben.

"Kann noch viel dazu lernen"

Noch muss sich Küng am prestigeträchtigsten Eintagesrennen der Welt aber hinten anstellen. Wie zuletzt an der Flandern-Rundfahrt wird der Schweizer auch am Sonntag im Team BMC Helferdienste für seinen Captain und Vorjahressieger Greg van Avermaet verrichten müssen. Doch wie lange noch? Wann darf er auf eigene Rechnung fahren?

Dass sich Helfer ihrem Leader unterordnen, ist Teil des Geschäfts. "Der moderne Radsport ist ein Teamsport. Da muss man seine eigenen Ansprüche manchmal hinten anstellen", ist sich Küng bewusst. Er sagt, er könne in der Helferrolle noch viel dazu lernen.

Tatsächlich scheint der Faktor Erfahrung in den grossen Radklassikern eine entscheidende Rolle zu spielen. Ein Blick in die Siegerlisten der fünf Radsport-Monumente zeigt, dass viele Fahrer ihr höchstes Leistungsniveau erst Ende 20 erreichen. Mit Ausnahmen wie Fabian Cancellara, der im Alter von 25 Jahren erstmals in Roubaix triumphierte, will sich Küng bewusst nicht messen.

Szenekenner befürchten dennoch, Küng könnte in der Rolle des Helfers versauern. Um mehr Freiheiten zu erhalten, könnte ein Teamwechsel Abhilfe schaffen. Fakt ist: Küngs Vertrag bei BMC läuft Ende Saison aus. Ein baldiger Entscheid über seine sportliche Zukunft steht bevor; er wird wegweisend für den weiteren Karriereverlauf sein.

BMC-Entscheid spätestens im Mai

Noch ist nicht sicher, ob es das BMC Racing Team in der jetzigen Form auch in der nächsten Saison noch geben wird. Die amerikanisch-schweizerische Equipe gehört zu den professionellsten und budgetstärksten im Radzirkus. Weil der Zürcher Unternehmer Andy Rihs seine Millionenzuschüsse beim World-Tour-Team per Ende 2018 aber einstellen wird, weibelt Teamchef Jim Ochowicz seit Wochen für einen neuen Hauptsponsor.

Die Fahrer und alle anderen Angestellten befinden sich derzeit im Ungewissen. "Bis am 1. Mai wird informiert, wie es weitergeht", erklärt Küng. Aus Loyalität zu seinem Arbeitgeber will er bis dann bewusst keine Gespräche mit anderen Teams führen. "Ich bin nun schon seit sechs Jahren in dieser Organisation. Deshalb finde ich es nur fair, dass ich ihnen die Zeit gebe, eine Lösung zu finden."

Angst um seine sportliche Existenz muss er keine haben. Mit seinen starken Auftritten hat der Bahn-Weltmeister von 2015 in der Einzelverfolgung längst Begehrlichkeiten bei anderen Teams geweckt. Doch Küng hält noch einmal fest: "Ich fühle mich wohl bei BMC." Er wolle sich deshalb zuerst das Angebot seines jetzigen Teams anhören und erst dann über seine Zukunft entscheiden.

Mit starken Leistungen auf der Strasse könnten die BMC-Profis ihrem Chef gewichtige Argumente am Verhandlungstisch mit möglichen neuen Sponsoren liefern. Dies muss auch weiter das Ziel von Stefan Küng sein, damit sich der Schweizer künftig für höhere Aufgaben empfehlen kann.