Die prägnante Stimme mit dem Ostschweizer Dialekt ist im ganzen Raum zu hören. Jolanda Neff beantwortet im Fernseh-Interview gerade ausschweifend und enthusiastisch eine Frage. Man hört sie immer wieder lachen. Die gute Laune der amtierenden Weltmeisterin ist ansteckend. Wer in ihr lächelndes Gesicht blickt, der kann gar nicht anders, als ihr morgen eine erfolgreiche Titelverteidigung zu gönnen.

Jolanda Neff kann sich eigentlich nur selber schlagen. Sie gewann in dieser Saison vier von sieben Cross-Country-Weltcup-Rennen (und fuhr noch zweimal aufs Podest). An der EM in Glasgow im August triumphierte sie ebenso. Sie sagt vor dem morgigen Saisonhöhepunkt: «Ich fühle mich sehr gut. Und ich freue mich riesig auf das Rennen.»

Nur zehntbeste Runde im Staffelrennen

Der Optimismus und die Zuversicht sind bei ihr gross. Aber genauso trägt sie immer noch den Rucksack mit sich herum, dass sie als Athletin gilt, die im entscheidenden Moment bei den Grossanlässen versagt. Der WM-Titel des Vorjahrs war diesbezüglich ein Befreiungsschlag. Aber wer Neff beim Staffelrennen vom Mittwoch beobachtete, der musste sich schon ein wenig Sorgen machen, ob die alten Muster wieder aufbrechen.

Sie fuhr lediglich die zehntbeste Rundenzeit aller gestarteten Frauen und wurde dabei sogar von einigen U23-Fahrerinnen übertrumpft – unter anderem auch von ihrer Teamkollegin Sina Frei. «Ja, das Rennen war sehr hart. Ich bin sehr, sehr motiviert auf meine Runde gegangen. Am Anfang wollte ich mich etwas zurückhalten. Doch schon nach 200 Meter habe ich gemerkt, dass ich voll am Anschlag fahre.» Übermotiviert sei sie aber nicht gewesen, sagt Neff. Sie habe mehr Mühe damit gehabt, dass sie beim Wechsel so lange habe warten müssen und sei deshalb zu schnell losgefahren.

«Den Code noch nicht geknackt»

Selbst wenn sie sich nichts sehnlicher wünscht, als den Titel vor heimischen Publikum zu verteidigen, so ist sich Jolanda Neff bewusst, dass dieses Unterfangen alles andere als ein Selbstläufer ist. Zumal sie in Lenzerheide auch noch keines der bisher drei Weltcup-Rennen gewonnen hat: «Ich habe mit dieser Strecke noch eine Rechnung offen. Ich habe den Code noch nicht geknackt», sagt Neff und fügt an: «Die Konkurrenz ist gross. Es gibt Fahrerinnen, die sich seit Wochen ganz gezielt auf diese WM vorbereiten und deshalb auch auf die Teilnahme an Weltcup-Rennen oder an der EM verzichtet haben.» Kommt dazu: «Es ist schon schwierig, einen WM-Titel zu gewinnen. Den Titel zu verteidigen, ist aber noch einmal eine ganz andere Schuhgrösse.»

Dass auch noch andere Fallen lauern, erlebte Jolanda Neff erst kürzlich am eigenen Leib. Beim Weltcup-Final in La Bresse erlitt sie gleich zwei Platten – etwas, was ihr in ihrer ganzen Karriere zuvor überhaupt erst zweimal passiert ist. «Ich hoffe, dieses Thema habe ich durch», sagt sie lachend. Dafür hofft sie umso mehr darauf, dass sich am Freitag, wie prognostiziert, noch die Himmelsschleusen öffnen und es ordentlich regnet. Das würde die technisch anspruchsvolle Strecke noch ein wenig schwieriger machen, was wiederum den Fähigkeiten der amtierenden Weltmeisterin in die Karten spielen würde.

Es kann aber kommen, wie es will – die gute Laune lässt sich Jolanda Neff durch nichts mehr vermiesen.