Radsport
Giro und Tour im selben Jahr: Contador wagt das Unmögliche

Alberto Contador will das, was bisher erst sieben Fahrern gelungen ist: Der spanische Profi will sowohl den Giro d’Italia als auch die Tour de France im selben Jahr gewinnen.

Simon Steiner
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Vor vier Jahren liess sich Alberto Contador als Giro-Sieger vor dem Mailänder Dom feiern, doch dann wurde er rückwirkend gesperrt seine Resultate gestrichen.

Vor vier Jahren liess sich Alberto Contador als Giro-Sieger vor dem Mailänder Dom feiern, doch dann wurde er rückwirkend gesperrt seine Resultate gestrichen.

KEYSTONE

Fährt Alberto Contador sehenden Auges ins Verderben? Das Unternehmen, das sich der 32-jährige Spanier für dieses Jahr vorgenommen hat, gilt im modernen Radsport als Himmelfahrtskommando: Contador will hintereinander den Giro d’Italia und die Tour de France gewinnen. Seit dem später an einer Überdosis Kokain verstorbenen Italiener Marco Pantani 1998 hat kein Fahrer mehr das Double der beiden Grand Tour geschafft.

Das macht die Ausgangslage für Contador erst richtig interessant. «Das Giro-Tour-Double ist deshalb so attraktiv, weil es so schwierig zu erreichen ist und von manchen Leuten als unmöglich angesehen wird», sagt der Profi aus dem Team Tinkoff-Saxo vor dem Giro d’Italia, der heute mit einem Teamzeitfahren zwischen San Lorenzo al Mare und Sanremo an der ligurischen Küste beginnt. «Ich habe das Gefühl, dass ein weiterer Tour-de-France-Sieg mein Palmarès nicht viel reicher macht. Aber wenn du den Giro und die Tour im gleichen Jahr gewinnst, erreichst du eine neue Dimension.»

Palmarès mit Dopingsperre

Zu einem exklusiven Zirkel gehört Contador bereits heute: Als einer von nur fünf Fahrern hat er mit dem Giro d’Italia (2008), der Tour de France (2007 und 2009) und der Vuelta a España (2008, 2012 und 2014) alle drei Grand Tours gewonnen. Zwei weitere Siege in dreiwöchigen Rundfahrten wurden ihm wegen Dopings nachträglich aberkannt: Bei der gewonnenen Tour de France 2010 wurde er positiv auf Clenbuterol getestet. Während des laufenden Verfahrens startete er im Frühling 2011 zum Giro d’Italia, den er von A bis Z dominierte – ehe er rückwirkend für zwei Jahre gesperrt wurde und alle Resultate in dieser Zeit aus den Ranglisten gestrichen wurde. Contador, der zuvor bereits auf der ominösen Kundenliste des Doktor Fuentes aufgetaucht sein soll, bestreitet bis heute jegliches absichtliche Vergehen.

Bisherige Double-Gewinner

1949 Fausto Coppi

1952 Fausto Coppi

1964 Jacques Anquetil

1970 Eddy Merckx

1972 Eddy Merckx

1974 Eddy Merckx

1982 Bernard Hinault

1985 Bernard Hinault

1987 Stephen Roche

1992 Miguel Indurain

1993 Miguel Indurain

1998 Marco Pantani

Ein übler Sturz an der Katalonien-Rundfahrt im März konnte Contador nicht von seinem ambitiösen Ziel abbringen. Im Unterschied zu 2008, als sein damaliges Team Astana in letzter Minute per Wildcard zum Giro eingeladen wurde, hat sich Contador seit Monaten gezielt auf die Herausforderung vorbereitet – zuletzt in einem dreiwöchigen Höhentrainingslager auf Teneriffa. Der Vermutung, er nutze den Giro nur als Vorbereitungsrennen für die Tour de France, widerspricht er in einem Interview mit dem Magazin «Procycling» klar: «Ich bin nicht der Typ Fahrer, der mit einem Taschenrechner in der Trikottasche in ein Rennen geht. Es wäre nicht meine Art, mir etwas aufzusparen, weil ich an die Tour denke.»

Für Contador spricht, dass er mental äusserst stark ist. «Ich bin psychologisch auf das Programm mit Giro und Tour vorbereitet. Das ist der springende Punkt», sagt er. Der Franzose Bernard Hinault, der das Double selber zweimal schaffte, traut dem Spanier das Kunststück auf jeden Fall zu. «Zwischen den beiden Rennen liegen fast fünf Wochen. Das reicht zur Erholung.»

Dillier und Küng mit Debüt

Zuerst muss Contador allerdings erst einmal in Italien gewinnen. Als gefährlichste Herausforderer gelten der Sarde Fabio Aru, dessen Stern von einem Jahr beim Giro aufging, der Kolumbianer Rigoberto Urán, der Australier Richie Porte oder der Belgier Jurgen van den Broeck. Nicht zu den Favoriten, aber zu den Anwärtern auf eine gute Klassierung in der Gesamtwertung gehört der Schweizer Sébastien Reichenbach, der als Leader von IAM Cycling ins Rennen geht. Als weitere Schweizer sind die beiden BMC-Profis Silvan Dillier und Stefan Küng am Start, die zu ihrem Grand-Tour-Debüt kommen.

Die Entscheidung um den Gesamtsieg dürfte erst in der letzten Rennwoche fallen. In den Bergetappen stehen dann unter anderen berüchtigte Aufstiege wie der Mortirolo-Pass oder der Colle delle Finestre auf dem Programm. Erstmals seit 2008 macht der Giro zudem wieder in der Schweiz Halt. Die 17. Etappe führt nach Lugano, dem Wohnsitz von – Alberto Contador.

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