Radsport
Für Stefan Küng im Regenbogentrikot soll die Sonne scheinen

Regen und Sonne sind die Zutaten für einen Regenbogen. Stefan Küng hat in seiner noch jungen (Profi-)Karriere schon beides erlebt – an der Bahn-EM in Grenchen sollen diese Woche sonnige Tage folgen.

Michael Forster
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Stefan Küng geht entschlossen an die Heim-EM.

Stefan Küng geht entschlossen an die Heim-EM.

Keystone

Als Stefan Küng diesen Februar den Weltmeistertitel in der Einzelverfolgung gewann, trat er quasi mit der Tür ins Reich der Profis ein. Dass er sein erstes Jahr bei der Elite sogleich mit einem WM-Titel lancieren würde, kam hingegen nicht ganz überraschend. Schliesslich steckte er mit seinen vier EM-Titeln vor Jahresfrist in der Kategorie U23, je zwei auf der Bahn und auf der Strasse, die Grenzen in der nicht eben mit Erfolgen überhäuften Radnation Schweiz neu ab.

Und doch war der Coup des begnadeten Bahnfahrers alles andere als selbstverständlich. Beinahe hätte nämlich eine Lungeninfektion eine WM-Teilnahme verunmöglicht. Sein Arzt sprach nach dem Rennen von einem Wunder, den Titel mit so einer Lunge geholt zu haben.

Jetzt also steht der 21-Jährige an der Heim-EM im Rampenlicht. «Es ist eine Ehre, im Regenbogentrikot starten zu können», sagte er im Rahmen der offiziellen Medienkonferenz des Schweizer Teams – wenngleich er in der Team-Qualifikation vom Mittwoch stattdessen das Dress des Schweizer Teams tragen musste. In den Worten des Thurgauers schwingt eine angenehme Ruhe mit, Bescheidenheit. Gleichzeitig spürt man die Entschlossenheit, mit welcher er seine drei Einsätze in der Uhrenstadt angehen will.

Unbeschwerte Medaillenjagd

Dem WM-Titel zum Trotz: 2015 schien längst nicht immer die Sonne für den Newcomer, der an seinem 14. Renntag als Profi bereits auf der höchsten Stufe reüssierte. Es war in der 4. Etappe der Tour de Romandie, als Küng nach einer Solofahrt über 25 km lange vor der Zieldurchfahrt die Arme in die Höhe reissen konnte – im strömenden Regen. Während die Sonne in der Westschweiz zumindest resultatmässig für ihn lachte, wendete sich das Blatt in der nächsten Rundfahrt, dem Giro d’Italia.

Küng stürzte schwer, die Strassensaison schien nach einem gebrochenen Brustwirbel gelaufen. Gedanken an Silvano Beltrametti kamen in ihm hoch, an den talentierten Skifahrer, der, seit seinem Sturz in der Abfahrt von Val-d’Isère 2001, querschnittgelähmt ist. «Der Sturz hätte ins Auge gehen können», wirkt er nachdenklich, «da macht man sich Gedanken. Was wäre gewesen, wenn ...».

Das Erlebte lasse ihn seitdem mit noch mehr Freude, einer zusätzlichen Portion Unbeschwertheit auch, an die nächsten Aufgaben gehen. Zum Beispiel an die drei Auftritte in Grenchen. «Ich habe viel Leidenschaft und Herzblut für die Bahn und das Olympiaprojekt», sagt er mit Freude. Wenn er über seine Ziele der kommenden vier Tage spricht und auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio vorausblickt, dann lacht die Sonne über der Schweizer Radsporthoffnung.

Drei Medaillen sollen es im Idealfall werden an der Heim-EM, bei ebensovielen Auftritten. Dabei träumte er auch von einem Duell gegen Bradley Wiggins in der Einzelverfolgung vom Samstag. Doch so weit kommt es nicht, denn der britische Superstar startet einzig in der Mannschaftsverfolgung. In dieser, da ist Küng Realist genug, wird es an Wiggins und dem britischen Schnellzug kaum ein Vorbeikommen geben.

Es sei denn, das Publikum trage die Schweizer heute Abend zum Sieg, liess der Kopf des Schweizer Vierers im Anschluss an die Qualifikation gut gelaunt verlauten. Mit starken 3:59,026 und Rang zwei hinter den Briten qualifizierten sich die Schweizer nämlich für das Duell um den Finaleinzug gegen Frankreich, welches kurz vor 13 Uhr über die Grenchner Bahn gehen wird.