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Fabian Cancellaras Abschied von der Hölle

Mit einem vierten Sieg will sich Fabian Cancellara heute von Paris–Roubaix verabschieden. Seine Beziehung zur «Königin der Klassiker» ist ambivalent geblieben, obwohl seine sportlichen Qualitäten nirgends besser zum Tragen gekommen sind.

Simon Steiner
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Vor dem letzten Höllenritt: Fabian Cancellara hat bei Paris–Roubaix nochmals den Sieg im Visier.

Vor dem letzten Höllenritt: Fabian Cancellara hat bei Paris–Roubaix nochmals den Sieg im Visier.

KEYSTONE

Immer wenn Fabian Cancellara in der Hitze schmort, ist die Hölle gegenwärtig. In der eigenen Sauna zu Hause in Ittigen bei Bern schwitzt der Radstar mit Blick auf die Trophäen, die er für seine Siege bei Paris–Roubaix gewonnen hat. Drei kantige Pflastersteine sind es, die dort in einer Vitrine stehen.

Ein vierter soll heute dazukommen, wenn Cancellara zum letzten Mal durch die «Hölle des Nordens» fährt – und mit einem weiteren Triumph zu den beiden Rekordsiegern Roger de Vlaeminck und Tom Boonen aufschliessen würde.
Dass dieses archaische Rennen mit seinen langen Passagen über unförmige Pavés auf Cancellara zugeschnitten war, erkannten bereits seine Teamverantwortlichen bei Mapei und Fassa Bortolo in Italien, wo der Berner zu Beginn seiner Profikarriere unter Vertrag stand.

Der steinige Weg

Mit seiner Power, seinem runden, kraftvollen Tritt und seiner stupenden Fahrtechnik verfügte er schon damals über jene Qualitäten, die bei Paris–Roubaix besonders gefragt sind. Bevor er beim Klassiker im Norden Frankreichs zum Sieger wurde, hatte Cancellara aber einen wahrhaft steinigen Weg zurückzulegen.
Seine Premiere bei Paris–Roubaix erlebte Cancellara im Frühling 2003. Seine Equipe tritt ohne grosse Ambitionen an und der junge Schweizer hat keine Helferpflichten zu verrichten – er soll einfach nur fahren. Die einzige Vorgabe der Teamführung lautet, die ersten sechs Pavé-Sektoren zu überstehen.

Cancellara weiss kaum, was ihn erwartet, und fährt so vorsichtig wie möglich über die Pflastersteine, auf einem Velo, das den Anforderungen nicht genügt. Beim zweiten Verpflegungsposten rund 60 Kilometer vor dem Ziel gibt er auf. Die anderen Fahrer, die mit der Entscheidung des Rennens nichts mehr zu tun haben, verschwinden in ihren Teamautos. Nur auf Cancellara hat niemand gewartet.

Bei einem Masseur eines Fremden findet er schliesslich einen Platz, um zum Ziel im Vélodrome von Roubaix zu gelangen. «Es war eine furchtbare Erfahrung», wird er später sagen. Doch er schwört sich, zurückzukehren.
Und wie er das tut: Bei der zweiten Teilnahme 2004 kann sich Cancellara 15 Kilometer vor dem Ziel mit einer vierköpfigen Spitzengruppe absetzen, führt seine drei Begleiter fast im Alleingang nach Roubaix – und landet am Ende auf dem vierten Platz. «An jenem Tag habe ich gelernt, dass man Paris–Roubaix erst verlieren muss, um es gewinnen zu können», sagt er rückblickend.

Der erste Sieg

2006 ist es so weit. Im berüchtigten Wald von Arenberg greift Cancellara an, im Carrefour de l’Arbre, 15 Kilometer vor dem Ziel, schüttelt er seine letzten Begleiter ab. Das Ziel erreicht er solo und gewinnt das Rennen als erster Schweizer nach Heiri Suter (1923), seine drei ersten Verfolger werden disqualifiziert, weil sie eine geschlossene Bahnschranke passiert haben.
Die vielleicht eindrücklichste Leistung seiner Karriere gelingt Cancellara vier Jahre später. Eine Woche nach seinem ersten Triumph bei der Flandern-Rundfahrt setzt sich der Berner im April 2010 rund 50 Kilometer vor dem Ziel von seinen letzten Konkurrenten ab und wird von diesen nicht mehr gesehen. Der beste Zeitfahrer fährt an der Spitze ein Rennen gegen sich selber. Am Ende beträgt sein Vorsprung ganze zwei Minuten – Cancellara hat sich in der Galerie des Pavé-Klassikers definitiv einen Ehrenplatz gesichert.
Dennoch bleibt sein Verhältnis zu Paris–Roubaix ambivalent. Bedingungslose Liebe ist es nicht. «Es ist eher Hassliebe», sagt Cancellara. «Dieses Rennen ist wie ein Gegner, den es zu bezwingen gilt. Die Leute denken, ich möge das Kopfsteinpflaster. Doch die Realität sieht anders aus: Ich überlebe diese Steine nur besser als andere Fahrer.»
Hinzu kommt, dass es für Cancellara nach dem fulminanten Auftritt von 2010 nicht einfacher wird, das Rennen zu gewinnen. Im Gegenteil: Jener Parforce-Ritt wird ihm in der Folge eher zur Last, in zweifacher Hinsicht.

Zum einen ruft seine Überlegenheit bei vielen Beobachtern Zweifel an der Lauterkeit seiner Leistung hervor. Dies erst recht, als ihm in einem Youtube-Video unterstellt wird, er habe das Double Flandern/Roubaix mithilfe eines eingebauten Motörchens gewonnen.
Zum andern wird Cancellara in den Frühjahrs-Classiques von der Konkurrenz seither so eng markiert wie kein anderer Fahrer. Auch 2011 ist der Berner der stärkste Fahrer in Feld. Weil aber auch er nicht jeden Angriff persönlich kontern kann, bleibt ihm hinter Johan Vansummeren am Ende nur Rang 2.

Umso beeindruckender ist es, dass ihm 2013 noch einmal das Double gelingt: Bei Paris–Roubaix scheint Cancellara in jenem Jahr bereits geschlagen, kämpft sich aber in der Schlussphase nach vorne und setzt sich im Zweiersprint gegenüber Sep Vanmarcke durch.

2014 hingegen muss er sich beim Sieg von Niki Terpstra der numerischen Überlegenheit von dessen Team Omega Pharma beugen und wird Dritter. 2012 und 2015 kann er verletzungshalber gar nicht starten.
Und 2016? Noch einmal wagt sich Cancellara in die Hölle – als Topfavorit neben Flandern-Sieger Peter Sagan. Mit dem Willen zum Sieg und den Emotionen des Abschieds. Danach bleibt ihm nur noch das Schmoren in der Sauna, zu Hause in Ittigen.

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