Rio 2016

Fabian Cancellaras Abgang mit goldenem Ausrufezeichen

Freudensprung: Fabian Cancellaras ausgelassener Jubel nach dem Besteigen des obersten Siegertreppchens.

Freudensprung: Fabian Cancellaras ausgelassener Jubel nach dem Besteigen des obersten Siegertreppchens.

Fabian Cancellara triumphiert beim Zeitfahren in Rio. Er gewann ein Rennen, das er vor einem Jahr eigentlich gar nicht mehr hatte bestreiten wollen.

Der Himmel über Barra de Tijuca weinte, als Fabian Cancellara das oberste Siegertreppchen erklomm und einen Freudensprung vollführte. Die garstigen äusseren Bedingungen an diesem wunderbaren, direkt am langen Sandstrand gelegenen Ort der olympischen Siegerehrung passten so gar nicht zur Stimmungslage beim 35-Jährigen.

Man merkte in diesen Momenten des Triumphs, welch grosse Genugtuung diese zweite Olympia-Goldmedaille für ihn ist. Man merkte, dass er jetzt, im Angesicht seines immer näher rückenden Karriereendes, endgültig seinen inneren Frieden gefunden hat.

Fabian Cancellara hat noch keine Zeit für die Glückwünsche aus der Schweiz

Fabian Cancellara hat noch keine Zeit für die Glückwünsche aus der Schweiz

An der Pressekonferenz beantwortet der Profisportler die Frage, ob ihm viele Freunde aus der Schweiz gratuliert haben.

Als mit Chris Froome der letzte Konkurrent die Ziellinie überquert hatte und der Sieg von Fabian Cancellara feststand, da war im Schweizer Lager unbeschreiblicher Jubel ausgebrochen. Alle herzten sich, klopften sich auf die Schulter.

Mitten drin der strahlende Sieger, der sein Glück kaum fassen konnte. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, kam als einer der ersten Gratulanten zum Schweizer, der am Telefon eben noch mit seiner Familie in der Schweiz, Ehefrau Stephanie sowie den beiden Töchtern Giuliana (10) und Elina (5), gesprochen hatte.

Olympia-Gold für Cancellara

Olympia-Gold für Cancellara

Mit einem 47-sekündigen Vorsprung holt der 35-Jährige in Rio seine zweite olympische Goldmedaille.

Fabian Cancellara: Zuversicht vor den Rennen

Fabian Cancellara: Die Zuversicht war berechtigt

Fabian Cancellara nahm vor den Rennen in Rio Stellung und versprühte dabei Zuversicht. Nun konnte der Berner das umsetzen, was er sich vorgenommen hatte.

Das Schreckgespenst London

Thomas Peter, der Teamchef der Schweizer Radfahrer, rang angesichts der Emotionen um Fassung. «Seit London habe ich vier Jahre lang an nichts mehr anderes gedacht», sagte er mit brechender Stimme. London – dieses Schreckgespenst hatte Swiss Cycling nie mehr richtig abschütteln können. Vor vier Jahren war alles bereit gewesen für den Olympia-Sieg Cancellaras im Strassenrennen, ehe er 15 Kilometer vor dem Ziel einen verhängnisvollen Fahrfehler beging und stürzte. Die sicher geglaubte Goldmedaille war weg. Und wegen der erlittenen Verletzungen ebenso die Chance, im Zeitfahren um Edelmetall mitfahren zu können.

Dass sich Fabian Cancellara überhaupt noch einmal aufgerafft hatte, in Rio an den Start zu gehen, war auch das Verdienst von Thomas Peter, dem technischen Direktor von Swiss Cycling. Er leistete die Überzeugungsarbeit, die es brauchte, damit sich der Ittiger für das Olympia-Projekt begeisterte: «Er war im Sommer des vergangenen Jahrs nicht mehr überzeugt, ob er das alles auf sich nehmen soll. Aber ich habe ihm gesagt: Wenn du in Erinnerung bleiben willst, dann musst du so abtreten. Nur dann kannst du nationale oder sogar internationale Sportgeschichte schreiben.»

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Thomas Peter war zusammen mit Nationaltrainer Luca Guercilena auch die Triebfeder hinter der idealenVorbereitungen auf Rio.Nach seiner vorzeitigenAufgabe an der Tour deFrance setzte man alle Hebel in Bewegung. Guercilena fuhr stundenlang mit dem Töff vor Cancellara her, damit dieser seine Kilometer auf dem Zeitfahrvelo abspulen konnte.

Man suchte zu Trainingszwecken sogar einen «Musteraufstieg», wo er die Steigung des olympischen Parcours simulieren konnte. Fündig wurde man schliesslich im Limpachtal im Kanton Solothurn. «Es hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, alles zu versuchen», sagte Thomas Peter nicht ohne Stolz. Und wurde wieder emotional: «Fabian war ein grosser Champion und wird jetzt als noch grösserer Champion gehen. Es ist unglaublich.»

Fabian Cancellara schien den Rummelum seine Person nach dem grossen Sieg fast schon zu geniessen. Die Siegerehrung, der ganze Pressemarathon und später noch die Feier im House of Switzerland. Es schien ihm bewusst zu sein, dass er dieses Pflichtprogramm zum letzten Mal in seiner Karriere würde absolvieren müssen.

Tweet: Bundesrat Guy Parmelin freut sich mit Cancellara

Die Antworten an der offiziellen Pressekonferenz fielen noch länger aus als sonst schon bei ihm üblich. Cancellaraliess noch einmal alles Revue passieren. Und beantwortete die Frage, ob er sich angesichts des Alters der 43-jährigen Frauensiegerin Kristin Armstrong nicht vorstellen könnte, in vier Jahren noch einmal einen Anlauf zu nehmen, lächelnd mit einem klaren «Nein». Offen liess er, ob er überhaupt noch ein Rennen bestreiten wird: «Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Da hat auch mein Team ein Wörtchen mitzureden.»

Die letzten 24 Stunden vor dem Rennen waren für ihn «die schlimmsten» gewesen, wie er sagte.» Ich war alleine in meinem Zimmer, mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Es stand eines meiner letzten Rennen an, ich wollte nicht versagen. Ich machte mir Gedanken über alles. Die Reifen, die Räder, die Massage. Nach dem Nachtessen musste ich aus dem Saal und ging zu den anderen Schweizer Athleten. Ich wollte nicht mehr an das Rennen denken.» Er sagte sich: «Ich habe alles gemacht, was in meiner Macht steht. Ich kann beruhigt schlafen. Und am Morgen bin ich ebenso beruhigt aufgewacht. Ich war bereit.»

Grosse Emotionen bei Cancellara

Eine Machtdemonstration

Was folgte, war eine Demonstration seines Könnens. Fabian Cancellara
distanzierte die Konkurrenz deutlich. Der Holländer Tom Dumoulin wies als Zweiter 47 Sekunden Rückstand auf, Tour-de-France-Sieger Chris Froome als Dritter schon über eine Minute. Auch deshalb musste Froome zugeben: «Fabian war eine Klasse für sich. Er ist der verdiente Sieger, keine Frage.» Der Schweizer sagte über sein Rennen: «Ich habe heute meine 16 Jahre Erfahrung reingeworfen. Und alles ist aufgegangen. Deshalb ist dieser Sieg der speziellste meiner Karriere.»

Bereits heute Abend wird Fabian Cancellara ins Flugzeug Richtung Schweiz steigen, damit er am 12. August zu Hause ist. Dann feiert er mit seiner Frau den 10. Hochzeitstag. Ein schöneres Geschenk als die Goldmedaille könnte er gar nicht mitbringen.

House of Switzerland feiert Fabian Cancellara

House of Switzerland feiert Fabian Cancellara

Am fünften Tag in Rio feiert die Schweiz ihren ersten Goldtriumph: Fabian Cancellara gewinnt an den Olympischen Spielen in Rio zum zweiten Mal nach 2008 das Olympia-Zeitfahren. Entsprechend wird er am Abend im House of Switzerland empfangen.

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Grafik: Elia Diehl

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

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