Rad
Fabian Cancellara ist die rollende Zielscheibe

Zu seiner letzten Flandern-Rundfahrt startet der Schweizer Fabian Cancellara als Favorit. Und genau das ist sein Problem.

Simon Steiner
Drucken
Teilen
Fabian Cancellara bei der Flandern-Rundfahrt.

Fabian Cancellara bei der Flandern-Rundfahrt.

Keystone

Für Nostalgie ist kein Raum bei Fabian Cancellara. Auch nicht vor der Flandern-Rundfahrt, die er am Sonntag zum letzten Mal bestreitet. Auch nicht vor diesem Klassiker im radsportverrückten Belgien, mit dem sich der Berner lange schwergetan hatte, der in den vergangenen Jahren aber neben Paris–Roubaix zu seinem Lieblingsrennen avancierte.

Und den er dreimal gewonnen hat. Seine Konzentration gilt ganz dem Rennen, ob es sich nun um eine Derniere handelt oder nicht. «Daran denke ich nicht», sagt Cancellara, der seine Profikarriere Ende Saison beenden wird. «Ich bin nicht auf Abschiedstournee. Ich will noch einmal gewinnen.»
Natürlich ist sein Abschied trotzdem allgegenwärtig. In jedem Interview wird er darauf angesprochen, und von seiner grossen Fangemeinde erst recht. Am «Oude Kwaremont», der bekanntesten aller Steigungen in den flämischen Ardennen, feiert sein belgischer Fanclub am Freitagabend vor dem Rennen zusammen mit einer Delegation aus der Schweiz eine grosse Party.

Spätestens nach seinem Double von 2010, als Cancellara innert Wochenfrist die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix in überlegener Manier gewann, haben ihn die Flamen adoptiert – wie einen echten Flandrien, wie sie die grossen Helden der Landstrasse nennen.
Ob er einen besonderen Druck verspüre, weil es sich um seine letzte Siegchance bei der Flandern-Rundfahrt handle, wird er beispielsweise gefragt. «Im Gegenteil: Ich habe mehr Freiheit als die anderen Fahrer», antwortet er darauf. «Schliesslich muss ich nicht mehr um einen neuen Vertrag fahren. Ich darf gewinnen, ich muss nicht.»

Alle gegen Cancellara

Überhaupt scheint es Cancellara zu geniessen, wie die Konkurrenz mit dem Finger auf ihn zeigt, wenn es darum geht, den Topfavoriten zu bestimmen. Er weiss genau, dass am Sonntag alle Augen im Peloton auf ihn gerichtet sein werden, als würde er mit einer neongelben Leuchtweste antreten.

Er weiss auch, dass die anderen Teams versuchen werden, seinem Angriff in der Schlussphase des Rennens entweder mit einer früheren Flucht zuvorzukommen oder sich im entscheidenden Moment an sein Hinterrad zu helfen. «L’homme à battre» heisst Cancellara, er ist die rollende Zielscheibe, der Mann, den es zu schlagen gilt.
Diese Ausgangslage dürfte es für ihn umso schwieriger machen, sich auf den 255 Kilometern zwischen Brügge und Oudenaarde mit den für Flandern charakteristischen Anstiegen mit dem vierten Triumph zum alleinigen Rekordsieger der Rundfahrt zu machen. Doch Cancellara befindet sich nicht zum ersten Mal in dieser Situation. Und der vierfache Saisonsieger verfügt über ein intaktes Selbstvertrauen.

Er weiss, dass er sich in einer exzellenten Form befindet. Er weiss, dass er am Karfreitag beim E3-Rennen in Harelbeke der stärkste Mann im Feld war, obwohl er nach einem Defekt und minutenlangem Warten auf ein Ersatzrad am Ende knapp neben dem Podest landete. Und er weiss auch, dass er im Finale cleverer fahren kann, als er dies am Ostersonntag bei Gent–Wevelgem tat, wo er wiederum knapp neben dem Podest landete.
«Ich habe meine Hausaufgaben gemacht», sagt Cancellara, der am Donnerstag zu Hause in Bern noch ein intensives Abschlusstraining hinter dem Motorrad von Teamchef Luca Guercilena absolvierte. «Wenn ich nach dem Rennen immer noch sagen kann, dass ich alles zu hundert Prozent richtig gemacht habe, bin ich zufrieden – auch wenn ich nicht gewinne», sagt Cancellara.

Und unabhängig vom Resultat dürfte sich bei ihm dann doch noch etwas Nostalgie bemerkbar machen. Schliesslich ist es die letzte Flandern-Rundfahrt.

Aktuelle Nachrichten