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Erste Woche der Tour de France: Bloss heil durchkommen!

Zu Beginn der Tour lauern die grössten Gefahren: Kopfsteinpflaster, Seitenwind und ein nervöses Fahrerfeld werden in den kommenden Tagen ihre Opfer fordern.

Simon Steiner aus Utrecht
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REUTERS

«Es ist verrückt», sagt Michael Schär. «Im Frühling tun wir alles, um ins Aufgebot für die Tour de France zu kommen. Und jetzt sind wir hier, und keiner freut sich auf die nächsten Tage. Jeder geht am Abend ins Bett und hat Angst vor dem nächsten Tag.»

Schär weiss, wovon er spricht. Der 28-jährige Luzerner bestreitet für das BMC Racing Team seine fünfte Tour. Mit 1,96 m gehört er zu den grössten Fahrern im Feld, und seine Rolle in der Mannschaft ist klar umrissen und gleicht jener eines Bodyguards. Seine Aufgabe ist es, den Teamleader insbesondere in den den flacheren Teilstücken der ersten Tage zu beschützen und jeglichem Trubel herauszuhalten, damit jener auf dem Weg zu den Bergetappen der zweiten und dritten Woche möglichst Kraft verbraucht.

Das klingt einfacher, als es ist. Der Beginn der Tour ist traditionellerweise geprägt durch viele Stürze. Im letzten Jahr führte dies unter anderem dazu, dass die beiden Topfavoriten Chris Froome und Alberto Contador wie auch der mit Ambitionen für die Gesamtwertung angetretene Schweizer Mathias Frank nach der ersten Woche bereits nicht mehr mit von der Partie waren.

Kampf um Positionen

«In den ersten Tagen herrscht stets eine unglaubliche Hektik im Feld», sagt Michael Schär, der morgen mit Teamcaptain Tejay van Garderen und Maillot-jaune-Träger Rohan Dennis gleich für zwei Leader fahrer wird. «Alle Fahrer sind noch frisch und wollen vorne mitfahren.» Dies zeigt sich bereits früh in den Etappen und akzentuiert sich jeweils in der Schlussphase: Die Teams der Sprinter und Etappenjäger haben ein Interesse daran, ihren Mann in eine gute Position zu bringen.

Die Teams der Aspiranten auf das Gesamtklassement ebenfalls, schliesslich soll ihr Mann in Finale keine Sekunde zuviel auf die Konkurrenz verlieren.

Weil aber nicht alle Fahrer gleichzeitig an der Spitze fahren können, entwickelt sich ein ständiger Kampf um Positionen, in dem vor allem bei Helfern wie Schär regelmässig die Ellbogen zum Einsatz kommen. «Wer nicht aggressiv fährt, hat schon verloren.» Dass stets noch einige Tourdebütanten dabei sind, die es im wichtigsten Rennen des Jahres besonders gut machen sollen, macht die Situation auch nicht einfacher. «Es gibt Fahrer, die scheinen vor lauter Aufregung um die Tour zu vergessen, wie man in einem Feld Velo fährt», sagt Schär.

Nicht an Pavé gewohnt

Weil es unter diesen Voraussetzungen zu vielen Stürzen kommt und alle darum wissen, versuchen die Teams erst recht, ihre Leader im vorderen Teil des Feldes zu platzieren, wo das Sturzrisiko geringer ist: ein Teufelskreis.

Die ausgeprägte Nervosität in der ersten Tourwoche ist kein neues Phänomen. Die Streckenwahl verschärft die Ausgangslage aber zusätzlich. Wie im letzten Jahr steht eine Paris–Roubaix-ähnliche Etappe mit Kopfsteinpflaster auf dem Programm, zudem imitiert die Tour mit einer Zielankunft an der Mur de Huy nach einer Schlaufe über enge Strässchen mit Flèche Wallonne einen weiteren Frühlingsklassiker.

«Fahrlässig», findet der Zuger Profi und Cancellara-Helfer Grégory Rast. «Wer die Klassiker fahren will, kann dies im April tun. Hier werden Fahrer dazu gezwungen, die sich das Pavé nicht gewohnt sind.» Bereits dürften die Fahrer eine weitere Herausforderung zu bewältigen haben: In der Etappe an die holländische Küste nach Zeeland ist mit starkem Seitenwind zu rechnen. Verhältnisse, bei denen die Fahrer sich zu Windstaffeln formieren, indem sie seitlich versetzt fahren und die ganze Breite der Strasse nutzen. Wetten, dass jedes Team versuchen wird, in der vordersten Staffel Unterschlupf zu finden?

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