Nur wenig mehr als zwei Jahre ist es her, da gewann Egan Bernal die fünftägige Sibiu-Rundfahrt in Rumänien. Hauptgegner im Kampf um den Gesamtsieg in diesem Rennen der dritthöchsten Stufe waren mit Colin Stüssi und Valentin Baillifard zwei Schweizer. Einige Wochen später triumphierte der starke Kletterer aus der Anden-Stadt Zipaquira, die knapp 50 km nördlich von Bogota und auf 2650 m Höhe liegt, an der Tour de l'Avenir.

Am 27. August 2017, dem Schlusstag dieser prestigeträchtigen U23-Rundfahrt, gab das Team Sky die Verpflichtung des Südamerikaners vom kleinen italienischen Team Androni bekannt. Eine sechsstellige Ablösesumme, kolportiert werden 250'000 Euro, soll dabei auch geflossen sein. Bernal gehöre zu den "allergrössten Nachwuchshoffnungen im Radsport", so liess der seit diesem Mai unter Ineos firmierende britische Rennstall im Communiqué verlauten. Egal wie hoch die Summe auch war, der ehemalige Mountainbiker, der im Cross Country an Junioren-Weltmeisterschaften zweimal auf dem Podest stand (2014 und 2015), hat diese innert kürzester Zeit mit seinen Erfolgen bereits mehr als zurückgezahlt.

Der wegweisende Sturz im Mai

Dabei liess sich Bernal in den letzten 16 Monaten auch von drei schweren Stürzen mit Verletzungsfolge nicht bremsen. Der erste Crash erfolgte Ende März 2018 in der Katalonien-Rundfahrt. Doch schon einen Monat später in der Tour de Romandie lächelte Bernal bereits wieder als Gesamt-Zweiter. Im Mai entschied er die Kalifornien-Rundfahrt für sich. Doch nach dem erfolgreichen Tour-de-France-Debüt als Helfer des siegreichen Briten Geraint Thomas erforderte ein schwerer Sturz bei der Clasica Ciclista in San Sebastian die nächste Rennpause.

Der dritte und letzte Sturz - und dieser sollte seine Karriere entscheidend beeinflussen - ereignete sich am 4. Mai dieses Jahres im Training. Bernal zog sich dabei einen Schlüsselbeinbruch zu. Wie geplant den Gesamtsieg am Giro d'Italia anzupeilen, war keine Option mehr. Vielleicht habe aber alles im Leben seinen Sinn, so sinnierte Bernal am Samstag nach der Bergankunft in Val Thorens. "Wegen dieses Sturzes habe ich nun die Tour de France gewonnen."

Dieser Tour-Sieg sei sein grosser Traum gewesen, sagte Bernal. Als er am Freitagabend nach der abgebrochenen Chaos-Etappe in Tignes erstmals ins Maillot jaune schlüpfen durfte, war der immer bescheiden auftretende und höfliche Südamerikaner sichtlich ergriffen. Er wurde im danach folgenden Interview schon nach wenigen Sekunden von den Emotionen übermannt und konnte nicht mehr weiter reden. Am Samstag in Val Thorens flossen nur noch wenige Tränen. Bernal erwähnte zwar anfänglich - wie das alle Tour-Leader am Vorabend ihres grössten Triumphs tun -, "dass ich zunächst heil nach Paris kommen muss". Doch danach kam er ins Reden. "Ich bin sehr stolz darauf, dass ich als erster Kolumbianer die Tour gewinnen konnte." Er könne es kaum erwarten, das Gelbe Trikot nach Kolumbien zu bringen.

Bernal, der kommende Tour-Dominator?

Unter vielem weiterem gibt er auch zu, dass der Erfolg süchtig macht. "Wenn man einmal die Tour gewonnen hat, will man immer mehr. Das ist wie eine Droge. Man denkt dann bald einmal schon an das nächste Rennen und den zweiten oder dritten Sieg." Bernard Hinault, seines Zeichens fünffacher Tour-Champion wie Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Miguel Indurain, sprach gar davon, "dass Bernal es weiter bringen kann als jeder von uns". Auch andere Grössen der Radsportszene sehen den 22-Jährigen als Tour-Dominator der nächsten Dekade.

Doch aufgepasst: Fast das Gleiche war auch dem damals nur ein Jahr älteren Jan Ullrich nach dessen Tour-Sieg 1997 prognostiziert worden. Letztlich sollte es der einzige Gesamtsieg des Deutschen in Frankreich bleiben. Zum Seriensieger avancierte in der Folge vielmehr ein gewisser Lance Armstrong. Die sieben Triumphe des Amerikaners sind allerdings in der Zwischenzeit wegen Dopings längst wieder annulliert worden.