Rad
Drohungen und Drogen: Stürzt Armstrong den Radsport ins Elend?

Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA wirft Lance Armstrong jahrelanges Doping, Handel mit illegalen Substanzen sowie Einschüchterung von Teamkollegen vor. Stürzt der Radsport damit wieder direkt ins Chaos?

Valentin Oetterli
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In einem umfangreichen Bericht an den Weltverband UCI zeichnet die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA ein erschreckendes Bild der Vorgänge in Lance Armstrongs Teams. Nachfolgend die zentralen Punkte des Reports gegen Armstrong, der Doping stets bestritten hat:

HAUPTVORWURF: Die USADA wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem EPO-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende «mit Doping verseucht» gewesen.

BEWEISE: Die USADA stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus legt die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten vor. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die ihre Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die USADA
dabei nach eigenen Angaben verzichten.

ANZAHL DER DOPINGPROBEN: Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500-mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die USADA ab und rechnet mit rund der Hälfte. Ausserdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche EPO-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives EPO-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI – was der Weltverband seinerseits aber in Abrede stellt – verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schliessen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustande kam, beziffert ein Gutachter auf «kleiner als eins zu einer Million».

ZEUGENAUSSAGEN: Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach überstandener Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit EPO, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer («Motoman») engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die «Dopingverschwörung» immer professioneller geworden.

TESTS: Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmassnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

WICHTIGSTE HELFER: Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als «Dottore EPO». Laut USADA arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Johan Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Profis «auf schädlichste Art und Weise» in «abgeklärte Doper» verwandelt.

GRUPPENZWANG: Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, EPO zu nehmen («Jeder macht das»). «Als ich in meine Wohnung in Spanien zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zu Hause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten», erzählte Zabriskie.

EINSCHÜCHTERUNG: Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen Armstrongs Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-de-France-Etappe vor laufenden Kameraszurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in
einem Restaurant körperlich bedroht («Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle»), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er versucht, Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherungen zu nötigen.