Rad
Cancellaras letzte Klassiker

Mit Mailand-Sanremo startet Fabian Cancellara am Samstag in seine letzte Klassikersaison. Ein Kehraus-Jahr gibt es für den Berner nicht: Der 35-Jährige will sich als Sieger aus dem Radsport verabschieden.

Simon Steiner
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Fabian Cancellara beendet seine Karriere per Ende der Saison.

Fabian Cancellara beendet seine Karriere per Ende der Saison.

KEYSTONE/AP ANSA/CLAUDIO PERI

Inzwischen hat sich auch im Profifeld herumgesprochen, dass Fabian Cancellara seine Karriere nach dieser Saison beendet. Immer wieder wurde der Berner während der letzten Rennen gefragt, ob er es wirklich ernst meine mit dem Rücktritt.

«Viele Fahrer haben mir gesagt, ich könnte doch gut noch einige Jahre weiterfahren», sagt Cancellara, der heute seinen 35. Geburtstag feiern kann. Doch ein Zurück gibt es für ihn nicht, der Entschluss steht fest. «Es gibt auch ein Leben nach dem Radsport», sagt er. «Und darauf freue ich mich.»
Noch ist es aber nicht so weit. Noch ist Fabian Cancellara Radprofi – und als solcher will er sich mit Stil verabschieden. Oder vielleicht besser: mit Siegen. Dass die Saison 2015 mit zwei schweren Stürzen wenig erfolgreich verlaufen ist, ändert für ihn nichts an der Ausgangslage.

«Ich habe keinen Druck, ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Aber für mich ist es wichtig, den Radsport so zu verlassen, wie ich in den letzten Jahren gefahren bin», hält er fest. «Es gibt kein Ausrolljahr, sonst hätte ich ja gleich aufhören können.»
Seine letzte Saison ist Cancellara denn auch nicht anders angegangen als die vorhergehenden. «Wenn ich zu sehr ans Aufhören denke, beginne ich nur Fehler zu machen», sagt der Profi, der auch in der Vorbereitung keine Experimente machte und sein Trainingsprogramm wunschgemäss durchziehen konnte. «Ich konnte eine gute Formbasis aufbauen, vermutlich die beste meiner Karriere.»
Dass seine körperliche Verfassung gut ist, hat Cancellara im bisherigen Saisonverlauf auch schon gezeigt. Schon vor Beginn der Klassikersaison, dem ersten grossen Saisonhöhepunkt, hat der Zeitfahr-Olympiasieger vier Siege auf dem Konto – so viele wie seit 2008 nicht mehr zu diesem Zeitpunkt des Jahres.

Cancellara bei der Siegerehrung nach seinem Sieg bei Strade Bianche.

Cancellara bei der Siegerehrung nach seinem Sieg bei Strade Bianche.

KEYSTONE/EPA ANSA/ANGELO CARCONI

Am Dienstag gewann er überlegen das abschliessende Zeitfahren beim Tirreno–Adriatico, obwohl er zu Beginn der Rundfahrt gesundheitlich noch leicht angeschlagen war. Zuvor hatte er auf Mallorca, das Zeitfahren der Algarve-Rundfahrt sowie mit Strade Bianche das bisher wichtigste Eintagesrennen der Saison gewonnen.

Fokus auf die Pavé-Rennen

Mit seinem dortigen Triumph, bei dem er physische Stärke und taktische Cleverness bewies, demonstrierte Cancellara eindrücklich, dass er bereit ist für die Klassikersaison, die morgen mit Mailand–Sanremo beginnt.

Obwohl sein Hauptfokus auf den Pavé-Klassikern Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix nach Ostern liegt – beide Rennen hat er schon drei Mal gewonnen – zählt der Berner auch beim mit 291 km längsten Eintagesrennen der World-Tour mit Ziel an der italienischen Riviera zu den Mitfavoriten.
Für den Sieg bei Mailand–Sanremo kommen allerdings zahlreiche Fahrer infrage. Die Chance ist gross, dass die «Primavera» wie meist in den letzten Jahren im Sprint entschieden wird – erst recht, nachdem auf dieses Jahr hin eine der Steigungen in der Schlussphase des Rennens aus dem Parcours gestrichen wurde.

Cancellara vergleicht den italienischen Klassiker deshalb mit einer «Lotterie». Das grosse Los hat er in Sanremo 2008 einmal gezogen, als er die Sprinter mit frühem Antritt düpierte, seither reichte es immerhin noch vier Mal aufs Podest.
Zum weiteren Rennprogramm nach den Frühjahresklassikern will sich Cancellara noch nicht im Detail äussern. Klar ist aber, dass seine letzte Saison mit der Teilnahme am Giro d’Italia nicht ganz nach gewohntem Schema ablaufen wird. Am Auffahrtswochenende wird Cancellara im Prolog-Zeitfahren im niederländischen Apeldoorn versuchen, die «Maglia Rosa» zu erobern – das einzige Leadertrikot der drei grossen Rundfahrten, das er noch nie getragen hat.

Geplant ist auch die Teilnahme an der Tour de Suisse (11. – 19. Juni), obwohl er dort aufgrund der topografisch anspruchsvollen Strecke keine Chance auf den Gesamtsieg haben wird. Ob für ihn auch die Tour de France – mit dem Abstecher in seine Heimat Bern – und die Olympischen Spiele in Rio ein Thema sind, will Cancellara vorläufig noch nicht verraten. «Ich habe 2015 gesehen, wie schnell Pläne über den Haufen geworfen werden können.»

Respekt vor dem «Leben danach»

Fest steht aber, dass auf Cancellara im Herbst mit seinem Rücktritt nach 16 Profijahren eine grosse Zäsur in seinem Leben zukommen wird. «Ich freue mich darauf, nicht mehr dauernd aus dem Koffer zu leben und mehr Zeit für Familie und Freunde zu haben», sagt der Vater zweier Töchter.

Gleichzeitig hat Cancellara, der dem Veloausrüster seines Teams auch in Zukunft in irgendeiner Form verbunden bleiben wird, Respekt vor dem Übergang in den sportlichen Ruhestand.

«Ich werde wohl zuerst einmal eine neue Balance in meinem Leben finden müssen.» Dabei wird er nach wie vor viel Zeit im Sattel verbringen: «Es wäre nicht gesund, das Training plötzlich von 100 auf 0 zu reduzieren.»