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Cancellara: «Das Wunder von Bern gibt es nicht»

Fabian Cancellara soll am Sonntag zum Abschluss der Tour de Suisse in seiner Heimatstadt für die grosse Show sorgen. Doch der Hauptdarsteller ist bisher nicht auf der Höhe seiner Rolle angelangt.

Simon Steiner
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Fabian Cancellara kann die Tour durch die Heimat nur bedingt geniessen.

Fabian Cancellara kann die Tour durch die Heimat nur bedingt geniessen.

KEYSTONE

Sonntag wäre eigentlich der grosse Tag des Fabian Cancellara. Ein Zeitfahren in der eigenen Stadt zum Abschluss der Tour de Suisse – was kann sich ein Olympiasieger und vierfacher Weltmeister im Kampf gegen die Uhr für ein besseres Rennen wünschen?

Im Jahr 2009 ging die Tour de Suisse letztmals mit einem Zeitfahren in Bern zu Ende – und mit einem grandiosen Triumph Cancellaras. Der Lokalmatador gewann nicht nur überlegen die Tageswertung, sondern sicherte sich damit gleich auch noch den Gesamtsieg der Schweizer Rundfahrt, als bis anhin letzter einheimischer Profi.

Davon ist Cancellara heute meilenweit entfernt. Mehr als anderthalb Stunden Rückstand weist der 34-Jährige im Gesamtklassement auf. Nur sechs Fahrer sind noch hinter ihm klassiert. Und auch sonst präsentiert sich die Ausgangslage für den Star des Schweizer Radsports ganz anders als vor sechs Jahren. Die Angina von letzter Woche mit anschliessender Antibiotikabehandlung hat beim Berner ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die Strapazen der zurückliegenden acht Etappen.

Zu wenig Flachstücke

«Es gibt kein Wunder von Bern im Radsport», stellte Cancellara nach dem gestrigen Renntag fest – und spielte damit auf den überraschenden Triumph der deutschen Fussballer im WM-Final von 1954 im Wankdorf-Stadion an. An gleicher Stätte, unmittelbar neben dem heutigen Stade de Suisse, endete die zweitletzte Etappe, die er 13 Minuten hinter Tagessieger Alexej Luzenko abschloss. Und dort befindet sich auch heute das Ziel des 38 km langen Zeitfahrens, das auf dem gleichen Rundkurs ausgetragen wird wie das gestrige Teilstück.

Und dieser Parcours ist, als hätte Cancellara mit den Nachwehen seiner Krankheit nicht schon genug zu kämpfen, auch nicht gerade auf ihn zugeschnitten. Zu hügelig ist er, mit vielen Richtungs- und Rhythmuswechseln. Gleich reihenweise beklagten sich die ausländischen Profikollegen gestern beim Berner über den anspruchsvollen Kurs. «Ich kann auch nichts dafür», sagt Cancellara. «Ich hätte auch lieber etwas mehr Flachstücke.»

«Etappe ist mir wichtig»

Unter diesen Umständen dürfte es für ihn schwierig werden, an seinen zweiten Platz im Prolog vom vergangenen Samstag in Rotkreuz anzuknüpfen – geschweige denn zu gewinnen. Dies erst recht, zumal er in den letzten Tagen auch noch mit Magen-Darm-Beschwerden zu kämpfen hatte.

«Ich muss froh sein, dass ich die Tour de Suisse überhaupt bis hierhin durchgestanden habe», sagt er. Der Umstand, dass andere exzellente Zeitfahrer wie Prologsieger Tom Dumoulin oder Geraint Thomas noch um den Gesamtsieg kämpfen, macht die Aufgabe für ihn auch nicht einfacher.

Cancellara wäre nicht Cancellara, wenn er heute nicht trotzdem alles versuchen würde, eine Topklassierung zu erreichen. «Diese Etappe ist mir wichtig», sagt der Berner, der nach seinem schweren Sturz von Ende März und dem Bruch zweier Lendenwirbel gerade erst auf die Tour de Suisse hin wieder in Form gekommen war. Oder diese an der Tour de France besser ausspielen kann? Die Frankreich-Rundfahrt beginnt am 4. Juli im holländischen Utrecht mit einem Prolog, der ihm besser liegen sollte als das Zeitfahren von Bern.