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Als der Radsport die ganze Schweiz in seinen Bann zog

Die Tour de Suisse feiert Jubiläum: Morgen beginnt in Lugano die 75. Austragung. Keine andere Begebenheit hat die Geschichte der Landesrundfahrt so sehr geprägt wie das Duell zwischen Ferdy Kübler und Hugo Koblet.

Es sind die grössten Jahre des Schweizer Radsports. Das Land ist geteilt in Kübler- und Koblet-Anhänger: Der Zweikampf der beiden Helden der Landstrasse zieht die Schweiz in ihren Bann. 1950 gewinnt Hugo Koblet den Giro d’Italia und Ferdy Kübler die Tour de France. Im Jahr danach gewinnt Koblet die Tour de France, und Kübler wird Strassen-Weltmeister.

Die beiden Rivalen respektieren sich gegenseitig, doch sie schenken sich nichts. An der Tour de Suisse kulminiert das Duell: in drei aufeinanderfolgenden Jahren kommt es zum Showdown zwischen dem sechs Jahre älteren Kübler und seinem früheren Lehrling und Helfer Koblet. Kübler – bekannt für seinen kämpferische Fahrweise – gilt als sparsamer «Chrampfer», Koblet als eleganter Charmeur mit Hang zur grosszügigen Geste. «Wir haben uns gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben», sagt der bald 92-jährige Ferdy Kübler noch heute.

Koblet vor Kübel

1950 steht die Tour de Suisse zum ersten Mal ganz im Zeichen des Duells der beiden K. An den ersten drei Tagen bewegen sich die Rivalen noch auf gleicher Höhe. Im Einzelzeitfahren von Genf nach Lausanne über 61 Kilometer nimmt Giro-Sieger Koblet seinem Konkurrenten eine Minute ab. Das Rennen ist lanciert. Die Entscheidung fällt in der 6. Etappe von Luzern nach Bellinzona, die über die Naturstrassen des Oberalp- und Lukmanierpasses führt. Kübler stürzt in der Abfahrt vom Lukmanier und verliert bis ins Ziel über 23 Minuten. Koblet gewinnt die Gesamtwertung, Kübler landet auf dem vierten Platz.

Die grosse Revanche folgt im Jahr danach. Während der ersten fünf Etappen der Tour de Suisse 1951 belauern sich die beiden Topfavoriten gegenseitig. Im Einzelzeitfahren über 65 Kilometer von Basel nach Boncourt nimmt Koblet seinem Kontrahenten fast drei Minuten ab, Kübler sichert sich seinerseits dank zwei Etappensiegen eine Minute Zeitgutschrift.

Fahrt ins Tessin ist entscheidend

Wie im Vorjahr fällt die Entscheidung auf der Fahrt ins Tessin. Koblet greift an und nimmt Kübler bis auf den Oberalppass, wo die Strasse von meterhohen Schneewänden gesäumt wird, rund drei Minuten ab. In der Abfahrt beklagt der Stadtzürcher dann gleich mehrere Defekte, muss Kübler passieren lassen und büsst bis ins Ziel in Lugano über acht Minuten ein. Doch Koblet gibt sich noch nicht geschlagen. In der «Bündner Etappe» über Bernina- und Flüelapass nach Davos holt zwar wieder eine Minute heraus und greift auch am Schlusstag auf der Fahrt nach Zürich nochmals an. Erst nach einem letzten, verzweifelten Angriffsversuch am Hasenstrick gibt er auf und sagt zu Kübler: «Du hast gewonnen.»

Das dritte grosse Duell 1952 findet ein frühzeitiges Ende, weil Koblet die Tour mit hohem Fieber abbrechen muss. Kübler muss sich dennoch mit Rang 2 begnügen hinter dem späteren Rekordsieger Pasquale Fornara, der erstmals triumphiert. Die Gesamtbilanz zwischen Kübler und Koblet, der 1964 bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam, ist mit je drei Gesamt- und elf Etappensiegen ausgeglichen. 23-mal endete die Tour der Suisse bisher mit einem Schweizer Sieg. Als Mehrfachsieger taten sich neben Kübler und Koblet auch Louis Pfenninger (1968 und 1972) und Beat Breu (1981 und 1989) hervor. Als letzter Schweizer siegte 2009 Fabian Cancellara.

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