Leichtathletik-Skandal

Das System Putin: Wie der russische Präsident den Sport für seine Politik nutzt

Wladimir Putin am Rand eines Einsatzes als Eishockey-Spieler bei einem Show-Match im olympischen Stadion von Sotschi. Keystone

Wladimir Putin am Rand eines Einsatzes als Eishockey-Spieler bei einem Show-Match im olympischen Stadion von Sotschi. Keystone

Wladimir Putin ist ein Mann der klaren Worte. «Der Sport soll aus der Politik herausgehalten werden», polterte der russische Präsident bei seinem Auftritt am ersten World Olympians Forum im Oktober in Moskau.

Putin reagierte damit auf westliche Stimmen, die aufgrund des Ukraine-Konflikts zum Boykott der Fussball-WM 2018 in Russland aufgerufen haben. «Sportliche Ideale und Prinzipien werden immer mehr zur Geisel von politischem Opportunismus», sagte Putin weiter. «Dies widerspricht der Philosophie der olympischen Bewegung, die auf Respekt, Gerechtigkeit und Offenheit basiert.»

Zynischer geht es kaum noch. Dass sich Sport und Politik im internationalen Kontext längst nicht mehr trennen lassen, ist die eine Sache. Grossanlässe wie Olympische Spiele oder Fussball-Weltmeisterschaften können ohne Beteiligung der politischen Entscheidungsträger der Gastgeberstaaten unmöglich durchgeführt werden – ein Fakt, der nicht grundsätzlich negativ zu werten ist.

Die andere Sache jedoch ist die, dass seit dem Ende des Kalten Krieges kein anderes Land den Sport so sehr für politische Zwecke instrumentalisiert hat wie Putins Russland. Die Inszenierung pompöser Prestigeprojekte wie der Olympischen Spiele in Sotschi oder der Fussball-WM als Demonstrationen der nationalen Potenz sind dafür nur die offensichtlichsten Zeichen.

Gefolgsleute in den Verbänden

Putin, der sich selber immer wieder gern bei sportlichen Tätigkeiten ablichten lässt und dabei seinen durchtrainierten Oberkörper nicht selten nackt präsentiert, gehört zu den einflussreichsten Männern im Weltsport. Es ist ihm gelungen, seine Gefolgsleute in zahlreichen wichtigen Verbänden in Schlüsselpositionen zu hieven.

Die russische Einflussnahme erfolgt über Geld, was nicht zwingend Korruption bedeuten muss. Der Oligarch Wladimir Potanin, einer der reichsten Männer Russlands, hat die Vorgehensweise im «Forbes»-Magazin so erklärt: «Wenn du Geld für die Organisationen gibst, bedeutet das, dass du die Möglichkeit erhältst, Wettkämpfe durchzuführen und in Führungspositionen zu kommen.»

Die Leichtathletik, die nach dem Wada-Untersuchungsbericht vom Montag am Pranger steht, ist dafür nur ein Beispiel. Die staatliche russische Bank VTB ist einer der Hauptsponsoren des Weltverbandes IAAF. Allein für die WM 2013, die in Moskau stattfand, flossen angeblich 50 Millionen Euro. Der Energie-Riese Gazprom zählt zu den Hauptsponsoren der Fussball-Verbände Fifa und Uefa. Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ist Russland derzeit mit vier Mitgliedern vertreten – allesamt Putin-Getreue. Nur Grossbritannien und die Schweiz kommen auf die gleiche Anzahl Vertreter im IOC.

Die ARD-Reportage: «Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht»

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Ruhe um die Fussball-WM 2018

In der Fifa-Exekutive ist das Regime, das so viel Wert auf Trennung von Sport und Politik legen will, durch den Sportminister persönlich vertreten. Witali Mutko kümmert sich im Fussball-Weltverband um die russischen Anliegen – auch nach der Suspendierung Sepp Blatters, der von Putin noch im Sommer für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden war.

Die Strategie scheint aufzugehen: Um die Fussball-WM 2018 ist es bei allen Skandalen um die Fifa bisher erstaunlich ruhig geblieben. Dass Russland die Rechte zum Schutz der Arbeiter, die am Bau der WM-Stadien beteiligt sind, auszuhöhlen droht, hat bisher nicht für grosse Schlagzeilen gesorgt. Auch der Untersuchungsbericht der Fifa-Ethikkommission (Garcia-Report) zu den umstrittenen WM-Vergaben für 2018 und 2022 brachte in Bezug auf Russland kaum Neues zutage. Allerdings wurde im Bericht festgestellt, das russische Bewerbungskomitee habe den Ermittlern kaum Dokumente zur Verfügung stellen können, da die geleasten Computer nach der Wahl an den Besitzer zurückgegeben und von diesem inzwischen zerstört worden seien.

Zerstört sind nach den neusten Enthüllungen auch 1417 Dopingproben von russischen Leichtathleten. Russische Funktionäre wollen davon allerdings nichts wissen, sondern wittern hinter den Vorwürfen eine westliche Verschwörung. Der Anwalt des russischen Leichtathletik-Verbandes, Artem Pazew, bezeichnete sie als «politisch motiviert», der inzwischen zurückgetretene Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors sprach von einem «Report voller Lügen» und «unglaubwürdigen Zeugen».

Das Schweigen des Chefs

Wladimir Putin hat sich zum Untersuchungsbericht bisher nicht geäussert, sondern schickte einen Kreml-Sprecher vor: «Bis Beweise vorliegen, sind solche Anschuldigungen nur schwer zu akzeptieren, zumal sie eher gegenstandslos erscheinen», sagte Dimitri Peskow, der Pressesekretär des Staatspräsidenten. Dick Pound, der Vorsitzende der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), liess bei der Präsentation des Berichts allerdings keine Zweifel daran, dass das Betrugssystem in Russland staatlich gestützt ist.

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