Stefanos Tsitsipas, dieser 21 Jahre junge Grieche mit dem wallend blonden Haar und dem engelsgleichen Gesicht, ein Liebling der Massen, einer, der kein Wässerchen zu trüben scheint, scheiterte bei den US Open als Anwärter auf den Sieg zum dritten Mal in Folge in der Startrunde. Und er tat es nicht ohne Nebengeräusche.

Dass ihn der Schiedsrichter, Damien Dumusois, erst wegen Coachings und dann wegen Zeitüberschreitung verwarnt hatte, als Tsitsipas unter Krämpfen zu leiden schien, stiess beim Griechen auf wenig Verständnis. «Ich weiss nicht, was du gegen mich hast», blaffte er in Richtung des Franzosen. «Wahrscheinlich weil du Franzose bist. Ihr seid alles Spinner!»

Dumusois blieb stumm. Er wird sich nie zu diesem Vorfall äussern. Weil er es nicht darf. So steht es in seinem Vertrag mit der Profi-Tour, der ATP. Sie verpasst ihren Referees, wie auch die WTA und damit ihr Pendant bei den Frauen, einen Maulkorb. Carlos Ramos heisst der Mann, der sich im letzten Jahr während des Frauen-Finals und damit vor einem Millionenpublikum von Serena Williams einen Sexisten und Rassisten schimpfen lassen musste und bis heute nie seine Version der Geschichte erzählen konnte.

Hätte es der Portugiese dennoch getan, er hätte seinen Job verloren. Er wird in diesem Jahr keine Spiele von Serena und deren älterer Schwester Venus leiten. Und er muss verdauen, dass ihn die 23-fache Grand-Slam-Siegerin ein weiteres Mal desavouierte, als sie sagte: «Yeah, ich weiss nicht, wer das ist.»

Als Sexisten und Rassisten beschimpft und bespuckt

Jüngst sorgte Nick Kyrgios in Cincinnati für einen weiteren Eklat, als er Schiedsrichter Fergus Murphy nicht nur mit einer Schimpftirade eindeckte, sondern auch in dessen Richtung zu spucken schien. Tennis-Schiedsrichter sind Prügelknaben, den Launen der Sportler ausgeliefert und leicht austauschbare Befehlsempfänger ohne Stimme. Wer gegen diese Doktrin verstösst, verliert seine Arbeit. So ist es Damian Steiner ergangen.

Vor sechs Wochen stand der Argentinier im Zenit seiner Karriere, als er den historischen Wimbledon-Final zwischen Roger Federer und Novak Djokovic leitete. Nun machte die «New York Times» publik, dass der 44-jährige Argentinier Mitte August von der ATP und entlassen worden war. Die ATP war Hauptarbeitgeber des Argentiniers, der mit dem Gold-Badge-Abzeichen die höchste Qualifikation für einen Schiedsrichter vorweist und im Tennis-Zirkus ein bekanntes Gesicht ist.

Der Argentinier habe in seiner Heimat «zahlreiche Interviews» gegeben, ohne sich zuvor mit der Spieler- und Turnierorganisation abzusprechen. Er habe dabei Regeln verletzt, die es Schiedsrichtern untersagen, «im Interesse der Unparteilichkeit über spezifische Vorkommnisse, einzelne Spieler, andere Offizielle und die Regeln zu sprechen». So äusserte er im Tennis-Podcast «3iguales» die Meinung, die Benutzung von Handtüchern zwischen den Ballwechseln müsse eingeschränkt werden.

Und er sagte, bei den Matchbällen Federers sei er überzeugt gewesen, dass dieser gewinnen werde. Als hätte er eine Vorahnung gehabt, sagte er auch: «Ich bin sicher, dass es mein letzter Wimbledon-Final war.» Vielleicht hat er seinen Rauswurf auch ein wenig provoziert. Er sei jetzt seit 25 Jahren Schiedsrichter, «und ich habe Lust auf andere Sachen.» Man werde sehen, was die nächsten Monate für ihn bringen.

Steiners Entlassung gilt zwar grundsätzlich nur für Anlässe der ATP und nicht für Grand-Slam-Events, die vom internationalen Tennisverband ITF durchgeführt werden. Dennoch wurde der Argentinier auch für die US Open in New York nicht aufgeboten, was mancherorts für Kopfschütteln sorgte.

So sagte der amerikanische Tennis-Spieler John Isner: «Ich kenne zwar nicht alle Hintergründe, aber das erscheint mir absurd. Damian Steiner ist ein fantastischer Schiedsrichter und geniesst den Respekt der Spieler.» Steiner war von der «New York Times» für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Immerhin: Diesen Maulkorb hatte sich der plaudernde Prügelknabe selber verpasst.