Leichtathletik
Prothesenspringer Markus Rehm sogt für Diskussionen

Markus Rehm genoss die Aufmerksamkeit der Zuschauer und Medien in vollen Zügen. «Das war ein saugeiler Wettkampf», sagte der Prothesenspringer, nachdem er den nicht behinderten Weitspringern erneut die Show gestohlen hatte.

Kristof Stühm
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Bringt die Prothese Markus Rehm einen Vorteil oder nicht? Daran scheiden sich die Geister.

Bringt die Prothese Markus Rehm einen Vorteil oder nicht? Daran scheiden sich die Geister.

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Doch eine Chance, seinen Titel bei den deutschen Meisterschaften im Weitsprung zu verteidigen, hatte Rehm nie – und stand gerade deshalb im Fokus des Interesses. Denn in Nürnberg segelte nicht der neue deutsche Meister Fabian Heinle (8,03 m) am weitesten, sondern Rehm mit 8,11 m. Ein Jahr nach seinem Titel-Triumph wurde der 26-Jährige aber getrennt gewertet.

«Im Moment kann ich mit der Regelung leben», sagte Markus Rehm. Noch ist nicht zweifelsfrei bewiesen, ob der Leverkusener durch seine knapp 10 000 Euro teure Prothese einen Vorteil gegenüber nicht behinderten Athleten hat oder nicht. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) arbeitet an einem Prüfungsverfahren für Prothesen. Die Kosten für das wissenschaftliche Gutachten belaufen sich auf 200 000 bis 300 000 Euro. Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, ist völlig offen.

«Die Kosten sind beträchtlich, sodass wir zunächst versuchen, diese abzudecken», sagte DLV-Präsident Clemens Prokop, «natürlich wäre eine möglichst schnelle Lösung erstrebenswert. Das Thema Inklusion wird bei uns grossgeschrieben.»

Geduldet, aber nicht erwünscht? Der Fall Rehm sorgt wegen des schwebenden Verfahrens jedenfalls weiter für Wirbel. Die nicht behinderten Athleten tun sich sichtlich schwer damit, dass plötzlich ein Prothesenspringer weiter in die Grube fliegt als sie. «Ich hoffe, dass wir Ungereimtheiten in Zukunft direkt und nicht über Dritte austragen», sagte Rehm: «Ein bisschen Rivalität ist gut, aber ich wünsche mir eine ehrliche Kommunikation.» Einige Athleten hatten sich per Protest gegen die Wertung von Rehms Titel 2014 gewehrt. Doch der Vorstoss der nicht behinderten Konkurrenten wurde mittlerweile vom DLV-Rechtsausschuss zurückgewiesen. «Rehm war, ist und bleibt deutscher Meister 2014», sagte Prokop.

Besonders die fehlende Regelklarheit sorgt für Unsicherheit. «Wir werden allein gelassen und hängen in der Luft», sagte Rehms Vereinskollege Alyn Camara, der mit 7,97 m Zweiter wurde. Ob Wettkämpfe mit behinderten und nicht behinderten Athleten sinnvoll sind? «Es ist sehr schwer, eine objektive Meinung zu äussern, weil die sofort zerpflückt wird», sagte Camara und erinnerte an einen «Shitstorm» gegen den Ex-EuropameisterSebastian Bayer, der sich im letzten Jahr kritisch geäussert hatte. «Dürfen wir bei den Behinderten starten? Ist Inklusion eine Einbahnstrasse?», fragte Camara: «Es wäre nett, wenn wir mal offen darüber sprächen.» Der deutsche Meister Heinle meinte: «Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass er bei uns mitspringt.»

Rehm wünscht sich Wettkämpfe mit behinderten und nicht behinderten Athleten auch auf internationaler Bühne – der DLV will am Rande der WM in Peking (22. bis 30. August) über einen entsprechenden Antrag abstimmen lassen. «Das wäre natürlich fantastisch und würde das Thema Inklusion weiter vorantreiben», sagte Rehm und träumt von der ganz grossen Bühne: «Warum macht man bei Olympia die Fackel aus und zwei Wochen später bei den Paralympics wieder an? Ich hoffe, wir rücken näher zusammen.»

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