Debatte
Pro und Kontra: Ist die Schweiz noch eine Ski-Nation?

Die Ski-Saison beginnt und damit die Debatte ob der Wintersport noch taugt, um Massen zu bewegen. Pro: Martin Probst, Sportredaktor, Kontra: Etienne Wuillemin, stv. Sportchef.

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Das legendäre Rivella-Lied dargeboten vom Schweizer Skinationalteam 1977

Das legendäre Rivella-Lied dargeboten vom Schweizer Skinationalteam 1977

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Mit den Rennen in Übersee nimmt die Ski-Saison an diesem Wochenende so richtig Fahrt auf. Welche Rolle wird die Schweiz spielen? Und taugt der Wintersport noch, um die Gefühle der Massen zu beeinflussen?

PRO von Martin Probst, Sportredaktor

«Darum irren alle Après-Skiler und Stemmbogenfahrer»

Martin Probst

Martin Probst

Zur Verfügung gestellt

Auch wenn die Österreicher mehr Rennen gewinnen als wir: Geht es um die grossen Titel, sind die Schweizer besser.

Kaum fallen im Flachland die ersten Schneeflocken vom Himmel, holen die Stemmbogenfahrer ihre Ski aus dem Keller und verkünden lautstark: «Die Österreicher fahren uns doch schon seit Jahren um die Ohren.

Unsere Skifahrer sind doch nur noch Hinterherfahrer!» Die Wolken über dem Schweizer Skiteam sind, glaubt man den Wetterfröschen der Nation, so dunkel wie die schwarzen Pisten in den Skigebieten.

Doch die Après-Skiler irren. Natürlich ist die Schweiz eine Skination.

Mag sein, dass die Österreicher öfter gewinnen als wir. Mag sein, dass sie im letzten Winter mehr als doppelt so viele Weltcuppunkte für die Nationenwertung sammelten als wir. Aber den wichtigsten Titel der Saison gewann die Schweiz.

Patrick Küng wurde in Beaver Creek Abfahrtsweltmeister. Ach ja: Bronze holten wir auch noch. Dank Beat Feuz. Die Ösis gingen leer aus.

Es ist dies ein Phänomen, das die Schweizer Skifahrerinnen und Skifahrer zuletzt auszeichnete. Dann, wenn es um die grossen Titel geht, sind sie da. Ob am Lauberhorn, an Olympischen Spielen oder an der WM. Was will man mehr?

Mag sein, dass seit Carlo Janka 2010 nie mehr ein Schweizer oder eine Schweizerin den Gesamtweltcup gewann. Doch die Grosswetterlage alleine an den Aushängeschildern auszumachen, ist genau so falsch wie naiv.

Natürlich fehlt der Schweiz aktuell der Superstar. Ein Marcel Hirscher oder eine Lindsey Vonn. Doch die Stars der Szene sind rar. Eine Verletzung – und das Gesamtbild sieht anders aus.

Mal sehen, wie sich die Österreicherinnen in dieser Saison schlagen, nun, wo Anna Fenninger den Winter mit einem Kreuzbandriss verpassen wird.

Die Schweiz hatte in den letzten Jahren auch viel Pech. Ausnahmetalente wie Daniel Albrecht wurden schon früh durch Verletzungen zum Aufhören gezwungen.

Die Krankengeschichte von Beat Feuz oder Carlo Janka ist ebenfalls lang. Sie hätten das Potenzial gehabt, zu Superstars zu werden.

Alleine der Fakt, dass die Schweizer Nachwuchsarbeit immer wieder Talente mit Weltklasseformat herausbringt, spricht dafür, dass wir eine Skination sind
und bleiben.

Durststrecken gehören dazu. Auch Brasilien verliert mal 1:7 und bleibt trotzdem eine Fussballnation.

CONTRA von Etienne Wuillemin, stv. Sportchef

«Billige Flüge, keine Figuren – die Ski-Leidenschaft ist vorbei»

Etienne Wuillemin

Etienne Wuillemin

Mathias Marx

Der Schweizer Vorteil im Ski-Sport ist weg. Selbst im Winter gehen wir in die Sommerferien – dafür gibt es gute Gründe.

Wir erinnern uns an all die Winter, in denen Samstag für Samstag die ganze Familie vor den Fernseher stürmte. Womöglich, als noch nicht mal der ganze Teller leer war.

Wenn die Skifahrer den Berg hinunterrasten, stand die Schweiz still. Aus den Siegen unserer Helden schöpften wir das Glück für Tage oder gar Wochen. Und heute? Wo bleibt das innere Feuer?

Wir schauen schon noch von Zeit zu Zeit, aber mehr, weil wir dem Duo Infernale Hüppi/Russi zuhören wollen. Aber echte, unbändige Ski-Leidenschaft? Nein, das ist vorbei.

Die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Skifahren ist längst belastet. Es ist, als hätte ein gesamtes Volk etwas das Interesse an einem Teil verloren, der früher zu seiner Identität beitrug. Warum ist das so? Skifahren ist kein Alpensport mehr.

Selbst das Skifahren ist ein wenig global geworden. Das Wettrüsten und Feilen der Talente allgegenwärtig. Der Schweizer Standortvorteil ist weg. Und darum fehlen uns die Figuren. Wo sind die Zurbriggens, Müllers, oder Cuches, mit denen wir litten? Wo bleiben die Trockenschwünge, mit denen wir zu Hause Walliser, Schneider oder Hess nachahmten?

Natürlich ist auch unfassbares Pech dabei. Die Schweiz verlor innert kurzer Zeit mit Silvano Beltrametti und Daniel Albrecht zwei grossartige Sportler. Ohne ihre Unfälle wären die Erfolge garantiert zahlreicher.

Jetzt müssen wir uns mit einem ab und an zufällig errungenen WM-Titel begnügen. Und hoffen auf Lara Gut, auf unser verbliebenes Ski-Schätzchen, das sich weigert, ein solches zu sein.

Doch der Sport ist nur die eine Seite. Die Gesellschaft eine andere. Der nächste Flug ist nahe. Auch im Winter. Wohin? Völlig egal, es gibt Tausende Möglichkeiten. Immer. Die Wärme lockt. Und wenn dann der Flug nicht einmal teurer ist als ein einziger Tag auf dem Schnee, fällt die Entscheidung umso leichter.

Welche Eltern sorgen noch dafür, dass ihr Nachwuchs von klein auf Skilatten unter die Füsse kriegt? Kein Wunder, verschwinden immer mehr Skilager. Und wenn die Kinder vom Knie der Nation hören, denken sie nicht an Pirmin Zurbriggen, sondern an einen Fussballer.

Wenn Carlo Janka im Riesenslalom 7,81 Sekunden Rückstand hat, lässt das die Jugend kalt. Aber wehe, Breel Embolo färbt sich die Haare orange-blond.