Challenge League
Präsident zu FC-Wil-Fans: «Habt ihr Angst? Macht euch keine Sorgen!»

Im Dezember 2014 hat Fussballnetzwerker Erdal Keser Kontakt zum FC Wil aufgenommen. Jetzt ist der Millionendeal zwischen dem Challenge-League-Klub und den türkischen Investoren perfekt. Wohin geht die Reise des FC Wil?

Markus Brütsch
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Roger Bigger ist guten Mutes, was die neuen Investoren betrifft.

Roger Bigger ist guten Mutes, was die neuen Investoren betrifft.

Keystone

Roger Bigger schnappt sich das Mikrofon und ruft: «Habt ihr Angst? Macht euch keine Sorgen!» Der Präsident des FC Wil 1900 ist gut drauf an diesem prächtigen Sommerabend in der IGP Arena. Er ist gekommen, um Fans, Sponsoren und Medienvertreter vom Projekt zu überzeugen, das dem Traditionsverein eine glanzvolle Ära bescheren soll.

Bigger steht die Vorfreude ins Gesicht geschrieben: In wenigen Minuten wird hier die neue Mannschaft präsentiert. Es hat sich herumgesprochen, dass auch der eine oder andere Hochkaräter dabei ist.

Die Gehälter lassen staunen

Nicht mehr aber Marko Muslin. Der Captain hatte zwar noch einen Vertrag für drei Jahre, sich aber dennoch entschieden, den Verein zu verlassen und beim FC Wohlen zu unterschreiben. «Nach Gesprächen mit den neuen Leuten hatte ich kein gutes Gefühl. Ich bin gespannt darauf, ob meine in Wil gebliebenen Kollegen noch zum Einsatz kommen.» Etwa die jungen, finanziell bisher knapp gehaltenen Akteure Basil Stillhart, Dario Koller und Silvano Schäppi, neuerdings ausgerüstet mit Fünfjahresverträgen und teilweise auf 9000 Franken verdreifachten Monatssalären.

Schon acht Neue sind dazugekommen, und von Winterthur wird Seat Hajrovic mit einem üppig dotierten Kontrakt angelockt. Der Verteidiger zeigt Interesse, als hätte sein Bruder Izet bei Galatasaray mit Türken gute Erfahrungen gemacht.

So schildern es zumindest Insider, was sich an den Wiler Verhandlungstischen tut. Der beste Schweizer, Ivan Audino, kassiere nun gegen 25 000 Franken. Was aber immer noch nicht in jene Sphären reicht, in denen sich die Hochkaräter bewegen. Aussenverteidiger André Santos (32) hat früher für Arsenal gespielt und ist 25-mal für Brasilien aufgelaufen; Stürmer Mert Nobre (34, Brasilianer) hat zuletzt Kayserispor mit 16 Toren in die Süper Lig geschossen, und Innenverteidiger Egemen Korkmaz (32) war für die Türkei, Trabzonspor, Besiktas und Fenerbahce engagiert. «Ich habe in meiner Heimat alles gesehen. Es ist Zeit, einen Punkt zu setzen und einen Neuanfang zu machen», sagt Korkmaz. Er hat die Avancen des Spitzenklubs Trabzonspor zurückgewiesen.

Doch auch beim FC Wil muss er nicht darben. Er, Santos und Nobre sollen mehr als eine halbe Million bekommen. Der schweizerisch-türkische Doppelbürger Endogan Adili ist von Galatasaray ausgeliehen; die fürstliche Lohnsumme von angeblich 600 000 Franken übernehmen weiter die Istanbuler.

Der neue Sportchef Erdal Keser will solche Zahlen nicht bestätigen. Dass Korkmaz bei Trabzonspor gemäss türkischen Quellen 1,5 Millionen Euro hätte verdienen können, lässt jedoch darauf schliessen, dass er in Wil nicht für ein Butterbrot spielt.

Alle scheinen den neuen Investoren zu vertrauen

So ist erstaunlich, dass es angesichts dieser kolportierten Zahlen weder den Wiler Supportern um Walo Hegelbach noch dem Liga-Präsidenten Heinrich Schifferle unwohl wird und auch Stadtrat Daniel Meili keine Bedenken kennt: «Wichtig ist, dass der Verein weiterhin lokal verankert bleibt.»

Vergessen scheint die Zeit vor zwölf Jahren, in der Präsident Andreas Hafen als Banker Geld veruntreut hatte, ins Gefängnis musste, den FC Wil auf einem Schuldenberg von drei Millionen Franken sitzenliess und in die Arme des Ukrainers Igor Belanow trieb. «Wir hatten damals keine Zeit, uns den Investor anzusehen, deshalb kam es nicht gut», sagt Bigger. «Jetzt ist alles ganz anders.»

Auch Schifferle kennt den Fall Belanow und alle anderen Geschichten, in denen Schweizer Klubs wie Servette und Xamax ausländischen Investoren auf den Leim gegangen sind. Bis heute gibt es kein einziges Beispiel mit fremden Fötzeln im Schweizer Fussball, das nicht im Desaster geendet hätte. Daran denkt wohl auch der FC St. Gallen. Er will seine Zusammenarbeit mit dem FC Wil beim Nachwuchsprojekt FutureChampsOstschweiz auf den Prüfstand stellen.

Dennoch sagt Schifferle: «Es ist legitim, was der FC Wil macht. Aus Sicht der Liga gibt es keinen Grund, gegen die neuen Besitzer zu sein. Das Lizenzierungsverfahren nach der Übernahme ist korrekt verlaufen.» Hegelbach, Präsident des Club 2000, sagt: «Die Begeisterung bei uns hält sich in Grenzen. Es hat auch schon ein paar Austritte gegeben. Persönlich aber sage ich: Wir müssen den neuen Leuten Vertrauen schenken.»

Die Namen jener, die mit der grossen Kelle anrichten

Wer aber sind diese Neuen, die in der Schweiz einen Klub gekauft haben, um etwas Grosses aus ihm zu machen? Über allen steht Mehmet Nazif Günal, Besitzer eines Konsortiums namens MNG mit Sitz in Ankara, das mit 20 000 Mitarbeitern in verschiedenen Sektoren tätig ist. Vom Baugewerbe übers Fluggeschäft bis zum Tourismus.

Als starker Mann tritt in Wil nach aussen aber Erdal Keser auf. Der 54-jährige frühere Dortmunder Profi ist vor allem im türkischen und deutschen Fussball bestens vernetzt und sagt: «Wir möchten langfristig etwas aufbauen. Wir wollen in die Super League und dann europäisch spielen.» Ob das Budget für die erste Saison nun acht oder zehn Millionen beträgt, will Keser nicht sagen.

Über die Beweggründe, in den FC Wil zu investieren, sagt er: «Wir wollen unsere Vision von einem Fussballklub verwirklichen. Es geht uns nicht darum, Spieler ins Schaufenster zu stellen, um sie dann teuer weiterzuverkaufen. Der FC Wil ist auch nicht unser Spielzeug.»

Hehre Absichten. Aber auch ehrliche? Der neue Trainer ist Fuat Capa, 46 Jahre alt. Ob seine drei Assistenten eine Arbeitsbewilligung bekommen, ist noch fraglich. Capa darf bleiben. Der belgisch-türkische Fussballtrainer ist zuletzt mit Antalyaspor abgestiegen und sagt: «Wir haben eine gute Mannschaft, brauchen aber noch etwas Zeit, bis wir eingespielt sind.» Schaffhausens Trainer Maurizio Jacobacci sagt: «Wil ist nun der Kronfavorit auf den Aufstieg.»

Noch nichts gesagt in der Öffentlichkeit hat Abdullah Cila. Er soll das Sagen in dieser türkischen Abordnung haben und die Spielerverträge machen nach dem Motto: Friss oder stirb! Solche, die schon mit ihm zu tun hatten, sagen, er sei arrogant. Oder behaupten, er behandle Leute wie Hunde. Cila war angeklagt im Skandal um den gekauften Meistertitel von Fenerbahce 2011.

Der Druck auf den Präsidenten ist hoch

Roger Bigger steht im 13. Jahr als Präsident des FC Wil, mit dem er 2004 Cupsieger geworden war. Er sagt, das Fifa-Verbot, Transferrechte an Dritte abzugeben, habe den Pakt mit einem Investor notwendig werden lassen. Er versichert aber, die beiden Parteien hätten sechs Monate Zeit gehabt, einander zu durchleuchten. Vielleicht haben er und seine Mitstreiter beim Verkauf der Aktien – von sechzig Prozent ist die Rede – einen Superdeal gemacht. Sechs Millionen Franken sollen es sein.

Aber als Finanzchef der Swiss Football League und Verbandsrat im SFV kann sich Bigger keinen zweiten Reinfall mit einem ausländischen Investor leisten. Nicht ganz uneigennützig hat er darauf hingewirkt, dass demnächst von der Liga das Anforderungsprofil an ein Super-League-Stadion reduziert wird. Mit der kleinen IGP Arena hätte er diesen Investor sonst nicht gekriegt.

An der ausserordentlichen Generalversammlung vom 28. Juli aber wird vermutlich Abdullah Cila zum Präsidenten des FC Wil gewählt. Bigger will zumindest Verwaltungsrat bleiben. Der 46-jährige Finanzfachmann spricht von einem Märchen, das in Wil geschrieben wird: «Wir wissen, wen wir geheiratet haben. Das ist ein einzigartiger Glücksfall. Nur in der Europa League lässt sich Geld verdienen.»

Hat er nicht eben die Seele seines FC Wil verkauft? Was passiert, wenn der Aufstieg nicht gelingt? Sind dann die Türken weg, bevor die Wiler auf drei gezählt haben? Zu guter Letzt beugt sich Bigger an diesem heissen Juliabend übers Mikrofon und ruft den applaudierenden Fans zu: «Gebt uns doch bitte eine Chance!»

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