Für die EM in Frankreich hat ihn der Bezahlsender Polsat von Eurosport ausgeliehen. Hajto berichtet live aus Frankreich. Er weiss, wovon er spricht. Er hat für Gornik Zabrze, Duisburg, Schalke und Nürnberg gespielt, danach für Southampton und Derby County. Er ist 62-mal für die polnische Nationalmannschaft aufgelaufen und hat die WM 2002 in Japan und Südkorea bestritten. Hajto ist bestens vernetzt und ein guter Bekannter von Nationalcoach Adam Nawalka.

Herr Hajto, Sie sind zwar in Frankreich engagiert, aber sicher gut über die EM-Stimmung in Polen informiert.
Tomasz Hajto: Natürlich. Die Begeisterung im Land ist enorm. Ich befürchte, sie ist viel zu gross. Alle glauben, Polen werde zumindest den Halbfinal erreichen. Viele sprechen vom Titel.

Was ist Ihre Meinung?
Dass man den Ball flach halten sollte. Es ist zwar schon so, dass die Tableauhälfte mit Polen und der Schweiz zum Spekulieren animiert. Die grossen Brocken befinden sich in der anderen Hälfte. Auch wenn es eine Floskel ist: Wir sollten einfach Spiel für Spiel nehmen. Dann werden wir sehen, was dabei herauskommt. Andererseits sage ich angesichts dieser Konstellation: Wann sollen wir etwas reissen, wenn nicht jetzt? Polen, die Schweiz und Belgien haben eine Riesenchance!

Polen kann den Titel holen? Verbandspräsident Zbigniew Boniek sagt, das Team sei so stark wie jene Mannschaft von 1982, die WM-Dritte wurde.
Ich glaube, der gute Boniek übertreibt. Aber es ist schon so, dass etwas heran- und zusammengewachsen ist. Von grosser Bedeutung war unser Sieg in der Qualifikation gegen Deutschland. Er hat einen Schub und viel Selbstvertrauen gegeben. Die Mannschaft weiss, dass sie viel erreichen kann.

Wie fällt Ihre Analyse nach den Gruppenspielen aus?
In der ersten Partie gegen Nordirland haben wir clever gespielt, mit Geduld auf die Torchance gewartet. Gegen Deutschland haben wir zwei hundertprozentige Chancen gehabt, die Deutschen keine. Gegen die Ukraine waren wir schlecht, haben uns aber das Glück erarbeitet. Hier sah man: Die Ukrainer hatten keinen Teamspirit, weil der Cheftrainer und sein Assistent Schewtschenko Zoff hatten; so kann man keinen Erfolg haben. Bilanzierend nach den Gruppenspielen kann man sagen: Wir haben gut gespielt, und hinten steht die Null.

Sie kennen Adam Nawalka hervorragend. Was sind seine Qualitäten?
Wir stehen ständig in Kontakt. Adam ist ein Arbeitstier, er schuftet 24 Stunden am Tag. Er achtet auf jedes Detail, und ist es noch so klein. Alle sagen, das habe doch keinen Einfluss aufs Spiel. Für ihn hat es Einfluss. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn die Mannschaft im Bus sitzt, um zum Stadion zu fahren, ist der Chauffeur angehalten, nur vorwärtszu-fahren; er darf keinen Zentimeter zurück.

Ist das für die Spieler nicht mühsam, wenn der Trainer so detailversessen ist?
Nein, Nawalka versteht es, die Stimmung im Team positiv zu gestalten. Er gibt jedem Spieler zu spüren, dass er wichtig für ihn ist. Gegen die Ukraine hat er vier Spielern eine Chance gegeben, die bisher kaum gespielt haben. Adam hat sich als Nationaltrainer verändert. Er hat auch zugelassen, dass Frauen und Freundinnen ins Camp durften, was für die Atmosphäre natürlich sehr positiv ist.

Aber die Stimmung war zu Beginn seiner Amtszeit nicht gut.
Genau. Als Jakub Błaszczykowski die Captainbinde an Lewandowski abgeben musste, da gab es viel Stress, viel Kritik. Heute ist alles vergessen. Der Erfolg hat weggewaschen, was vor einem Jahr in Polen war. Erfolg sorgt immer für eine gute Atmosphäre.

Was hat Nawalka in der Vorbereitung anders als in früheren Jahren gemacht?
Wir Polen haben es seit Jahren nicht geschafft, eine Gruppe zu überstehen. Einer der Hauptgründe: Wir waren immer falsch vorbereitet. Nach einer langen, harten Saison wurde wieder Kondition gebolzt. Heute individualisiert Nawalka das Training. Erstmals steht ihm auch ein Staff von elf Spezialisten zur Verfügung. Und: Der Trainer ist sehr intelligent. Er ist ein Bewunderer des italienischen Fussballs. Mit der Folge, dass wir eine sehr starke, kompakte Defensive haben. Auch dank Lewandowski.

Wie bitte?
Sie haben richtig gehört. Lewandowski schiesst derzeit keine Tore, weil er unglaublich viel nach hinten arbeitet. Es ist eine starke Leistung von Nawalka, dass er den grossen Star Lewandowski dazu gebracht hat, sich total in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Aber ist das klug, wenn er keine Tore mehr schiesst?
Das wird er wieder tun. Darauf können Sie sich verlassen. Er hat immer schon Phasen gehabt, wo er ein paar Spiele lang nicht getroffen hat. Dann aber schlägt er plötzlich zu, wie gegen Wolfsburg, als ihm innert neun Minuten fünf Tore gelangen. Fragen Sie Ricardo Rodriguez …

Lewandowski ist ausser Form.
Für mich war er gegen Deutschland der beste Spieler auf dem Platz. Ich habe ihm die Bestnote gegeben. Bei ihm weisst du nie, wann er dem Gegner zwei oder drei Stück reinhaut.

Hoffentlich nicht uns am Samstag.
Ich hoffe ja.

In der Qualifikation hat Polen mit 33 die meisten Tore erzielt. Jetzt in drei Spielen nur zwei. Warum?
Schauen Sie sich die Ausscheidungsgruppe mit Georgien und Gibraltar an. Dann wissen Sie Bescheid: 4:0, 7:0, 8:1.

Wer ist am Samstag Ihr Favorit?
Die Chancen sind 50:50. Beide Mannschaften sind ungefähr gleich stark, Polen hat dazu noch den Weltklassespieler Lewandowski. Wir haben Piszczek, die Schweiz hat Rodriguez. Wir haben Milik, die Schweiz hat Shaqiri. Wir haben Krychowiak, die Schweiz hat Xhaka. Die Schweizer sind alle gut ausgebildet und taktisch stark. Es ist eine gute Mischung mit schnellen Spielern auf den Seiten. Aber auch wir Polen haben mit Błaszczykowski und Grosicki sauschnelle Leute. Ich sage: Am Samstag entscheidet die Tagesform.