Podestjägerin
Michelle Gisin schafft den Grand Slam des Skifahrens und erinnert an Vreni Schneider

Michelle Gisin fährt im Riesenslalom auf die Ränge zwei und drei. Damit stand sie nun in allen fünf alpinen Disziplinen mindestens einmal auf dem Podest. Und wird mit Vreni Schneider verglichen.

Martin Probst
Merken
Drucken
Teilen
Michelle Gisin freut sich über einen weiteren Podestplatz.

Michelle Gisin freut sich über einen weiteren Podestplatz.

Giovanni Auletta / AP

Als Kind hat sie Sonja Nef bewundert, jetzt wird sie mit Vreni Schneider verglichen. Michelle Gisin ist am Wochenende gleich beiden Ikonen etwas näher gekommen. Nef weckte in ihr einst die Liebe für den Riesenslalom. Nach einem dritten und zweiten Platz in Kranjska Gora am Samstag und Sonntag ist Gisin nun selbst eine Podestfahrerin in der Disziplin, die sie am meisten mag.

Die Erfolge in den Riesen­slaloms in Slowenien waren aber gleichzeitig das letzte Puzzleteil zum skifahrerischen Grand Slam. Gisin stand nun in allen fünf alpinen Disziplinen Slalom, Riesenslalom, Abfahrt, Super-G und Kombination mindestens einmal auf dem Podest. Das war zuvor seit Vreni Schneider keiner Schweizer Skifahrerin mehr gelungen. Gisin, vom Schweizer Fernsehen auf den Vergleich angesprochen, sagt:

«Dass ich nun einen kleinen Teil von dem, was sie geschafft hat, erreicht habe, bedeutet mir viel.»

So richtig wohl ist es ihr nicht. Doch Vergleiche gehören zum Sport dazu. Die Fahrerinnen messen sich auf der Piste, und ihre Erfolge werden mit der Vergangenheit verglichen. Obwohl Zweiteres vor allem andere für sie tun.

Die Bürde des Vergleichs

Michelle Gisin ist sich Vergleiche gewohnt. Als jüngstes von drei Geschwistern, die alle eine Skikarriere machten, gehört das dazu. Parallelen werden gesucht, Fahrstile und Charaktereigenschaften verglichen. Das Speed-Talent etwa, heisst es oft, liege den Gisins im Blut. Bruder Marc war Abfahrer, Schwester Dominique gar Olympiasiegerin.

Verglichen zu werden, kann aber zur Bürde werden. Kinder berühmter Eltern haben oft lange, sich zu emanzipieren. Der Vergleich wird zum ständigen Begleiter. Vreni Schneider, 55 Weltcupsiege, je dreimal Olympia- und WM-Gold und dreifache Gesamtweltcup-Gewinnerin, wurde zur besten Schweizer Sportlerin der vergangenen 70 Jahre gewählt. Kein Wunder, ist Gisin, ein Weltcupsieg, einmal Olympiagold, der Vergleich mit ihr unangenehm.

Eine Allrounderin, wie es nur ganz wenige gibt

Die Karriere von Michelle Gisin braucht keine Vergleiche. Ihre Erfolge stehen für sich. Wer es mit 27 Jahren geschafft hat, in ­allen Disziplinen zu reüssieren, hat sich längst selbst bewiesen. Die Engelbergerin träumte davon, eine komplette Allrounderin zu werden. Spätestens jetzt ist sie es geworden. Eine Ausnahmeerscheinung in einer Sportart, die zuletzt vor allem Spezialisten hatte.

Allerdings muss auch Gisin feststellen, dass Podesterfolge in allen Disziplinen in einer Saison noch schwieriger sind. Als sie in den schnellen Disziplinen stärker wurde, litt die Technik. Nun, wo es «nach sieben harten Jahren im Slalom fast von alleine läuft», wie sie sagt. Und jetzt auch im Riesenslalom Erfolge kommen, fehlt ihr etwas der Speed in der Abfahrt.

Trotzdem kann sie in allen Disziplinen punkten. Das macht Gisin zu einer Favoritin im Gesamtweltcup. Derzeit belegt sie mit 60 Punkten Rückstand auf Petra Vlhova Rang zwei. Fragen, ob sie nun zu träumen beginnt, blockt sie anders als in anderen Jahren aber ab. «Wenn wir beim Weltcupfinale immer noch davon reden, ist das schön», sagt sie. Jetzt will sie geniessen. Und nicht schon wieder von Ver­gleichen sprechen.