Vendée Globe

Pleiten, Pech und Pannen bei Solo-Segler Alan Roura, der sagt: «Ich bin verzweifelt, es geht nur noch ums nackte Überleben»

Alan Roura bei der Reparatur seines Kielschadens.

Alan Roura bei der Reparatur seines Kielschadens.

Alan Roura kommt mit seinem beschädigten Segelboot nicht mehr wie gewünscht vom Fleck und wird sein ambitioniertes Ziel klar verpassen. Enttäuschung, Einsamkeit und Verzweiflung fordern ihren Tribut.

Seine Botschaften wirken zunehmend verzweifelt und enttäuscht. Der Genfer Solo-Segler Alan Roura führt einen aussichtslosen und einsamen Kampf gegen die Launen des Meeres, gegen die Strömung, die Stürme und Wellen. Nicht einmal mehr sein Boot weiss er auf seiner Seite. Am zweiten Weihnachtstag, kurz nachdem er das Kaap Leeuwin am südwestlichen Zipfel Australiens passiert hatte, geriet der 27-Jährige in Seenot. Nach einer Halse bei 30 Knoten Wind löste sich eine Leitung im Hydrauliksystem am Ende des Kiels. Die Folge war ein Ölleck – zum zweiten Mal, seit er Anfang November in Les Sables-d'0lonne an der französischen Westküste zu seiner zweiten Weltumseglung, der Vendée Globe, aufgebrochen war.

Zwölf Stunden dauerte es, bis Roura das Boot stabilisiert hatte. Doch eine Woche später besteht das Problem weiter. Der 27-Jährige, der im Sommer erstmals Vater geworden war, treibt mit beschädigtem Boot im Pazifik.

Mit dem Kippkiel kann die Kielbombe unter dem Boot in die Windrichtung geschwenkt werden. Weil sich so der Schwerpunkt verschiebt, fährt das Boot aufrechter und ist leistungsfähiger. Diese Karte kann Roura nun nicht mehr zücken. Er muss eine Überbelastung des Kielsystems vermeiden.

Duplizität der Ereignisse am Point Nemo

Er sagt: «Ich bin nicht mehr zu hundert Prozent im Rennen. Das ist schwer zu akzeptieren, aber ich will diese Weltumrundung zu Ende bringen.» Er werde weiterfahren, solange seine Sicherheit nicht gefährdet sei. Er sagt: «Es geht fast nur noch ums nackte Überleben.» Die Situation nagt an ihm, der vor vier Jahren mit 23 Jahren als jüngster Segler der Geschichte das Ziel der härtesten Regatta der Welt erreicht hatte. Nach fast drei Monaten in Einsamkeit, mit Schlafmangel und Erschöpfung als Begleiter, ausgesetzt den Launen der Natur, Wind, Wetter, und Verzicht. Das Meer ist schon längst nicht mehr sein Komplize. Dazu kommt der Hunger, weil er die Nahrung rationieren musste, weil er hinter seinem Zeitplan zurückliegt.

Anfang Woche befand er sich südlich des Point Nemo, zwischen Chile und Neuseeland. Es ist der isolierteste Punkt des Planeten, 2688 Kilometer von festem Boden entfernt. Zum Vergleich: Die Raumstation ISS kreist in 408 Kilometern Höhe um die Erde. Selbst mit motorisierten Schnellbooten dauert es Tage, bis man hierhin gelangt. Eine Havarie gleicht fast einem Todesurteil. Vor vier Jahren kollidierte Roura dort mit einem Gegenstand, der ein Loch in den Rumpf riss. Der Wind blies heftig, die Wellen waren acht Meter hoch. Roura brachte sein Boot in Schräglage, kletterte über Bord und flickte das Loch. Es ist eine grausame Duplizität der Ereignisse, dass er nun erneut dort an seinem persönlichen Tiefpunkt aufschlägt.

Bei der Reparatur wird ersichtlich, wie schwer Rouras Boot beschädigt ist. «Überall ist Öl. Ich bin verzweifelt und habe nicht einmal mehr Lust, zu weinen», sagt der Romand. Und dann fliessen doch Tränen. Er sagt: «Ich will nicht aufgeben. Ich werde niemals aufgeben.» Denn in Momenten wie diesen, in denen die Lage hoffnungslos erscheint, zeige sich, wer ein guter Seemann sei. Inzwischen hat Roura Boot und Gemütslage stabilisiert. Er liegt im 15. Rang, fast 5000 Kilometer hinter dem führenden Franzosen, Yanick Bestaven, der das Kap Hoorn bereits am 3. Januar erreicht hat. Am Donnerstag berichtete Roura von der «schönsten Halse meines Lebens». «Fabuleux» sei es gewesen. Am Freitag war es bitterkalt und es schneite. So nah sind sich Freud und Leid bei der härteste Solo-Regatta der Welt.

Sein Ziel, den Hafen von Les Sables-d'Olonne in unter 80 Tagen wieder zu erreichen, wird er verfehlen. Bislang mussten 6 der 33 Teilnehmenden das Rennen aufgeben. Roura will nicht aufgeben. Er sucht die beste Route, die sicherste, eine mit nicht zu starkem Wind. Der Kompromisslose muss Kompromisse eingehen. Er sagt: «Ich komme nicht mehr vom Fleck.» Dazu kommt, dass er nur Nahrung für 80 Tage an Bord hat. Weil er weit hinter seinem eigenen Zeitplan zurückliegt, hat er bereits zur Rennhälfte damit begonnen, die Nahrung zu rationieren. Das bedeutet: noch weniger von den gefriergetrockneten Menus, die «irgendwann sowieso alle gleich schmecken». Immerhin nähert er sich dem Kap Hoorn am Südzipfel von Südamerika. Dann gönnt er sich wieder einen Schluck Cognac. Das wärmt den Körper. Aber auch die Seele.

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