Kolumne
«Play» drücken oder nicht? Der «Unglücks-Voyeurismus» im Sport

Steffi Buchli war «MySports»-Programmleiterin sowie für SRF bei Olympia und anderen Grossanlässen dabei. Sie schreibt als Kolumnistin über Themen aus der Welt des Sports.

Steffi Buchli
Drucken
Teilen
Steffi Buchli, Kolumnistin bei CH Media.

Steffi Buchli, Kolumnistin bei CH Media.





Gaetan Bally / KEYSTONE

In einem kurzen Videoclip, der online auf diversen Portalen tausendfach angeklickt wird, zeigt mir eine Lupe, wohin ich schauen muss, damit ich den Schreckmoment auch sicher nicht verpasse: Der belgische Radrennfahrer Remco Evenepoels stürzt letzte Woche bei der Lombardei-Rundfahrt von einer Brücke.

Wenig später sehe ich den jungen Mann reglos am Boden liegen. Der Schweregrad der Verletzungen ist zum Zeitpunkt der Aufnahmen unklar. Als ich mir diesen Clip anschaue, besteht bereits Gewissheit, dass Evenepoels nicht in Lebensgefahr ist. Mir stellt es dennoch die Nackenhaare auf und ich fühle mich unwohl.

Nächste Beinahe-Katastrophe, nächstes Video – Play! Im Moto GP kollidieren zwei Fahrer, es folgt das, was man gemeinhin unter «Horror-Sturz» versteht. Auf der Strecke herumfliegende Töff-Teile gefährden die übrigen Piloten.

Die beiden gestürzten Rennfahrer liegen im Kies bzw. auf dem Rasen und wissen wohl noch nicht genau, wie ihnen geschehen ist. Beide bewegen sich, gutes Zeichen. Helfer kommen angerannt. In unzähligen Slow Motions kann man sich den Moment des Crashs in der Folge nochmals anschauen. Wieder helfen mir die Lupen im Bild, damit ich nichts verpasse.

Wieder Unbehagen bei mir als Userin. Ich scrolle ein wenig runter. Mir wird schon der nächste Clip vorgeschlagen: Die «heftigsten Motorsport-Crashs der Geschichte». Wieder starker Tobak. Eine Szene gleicht der nächsten, viel Materialschaden und unzählige Knochenbrüche und Hirnerschütterungen.

Nicht immer gehen Unfälle im Sport glimpflich aus. Ebenfalls letzte Woche stirbt der Fricktaler Roger Nachbur beim Extremrennen T«ortur» nach einem Zusammenprall mit einem Motorrad. Ein Video dieses verhängnisvollen Unfalls bleibt uns glücklicherweise erspart. Gezeigt werden Bilder der Unfallstelle, Weggefährten reden über den Verunglückten. Man sieht Blumen am Strassenrand, ein schwarzes Trikot, dazu traurige Musik.

Ich lese auf Social Media noch einige Beileidsbekundungen von Radsport-Fans, einige haben ihn flüchtig gekannt, andere waren mit ihm befreundet. «RIP Roger Nachbur» schreiben sie alle. Bedrückt klappe ich mein Laptop zu und frage mich, weshalb ich mir das antue?

Klar: Am liebsten haben wir die Bilder der Sieger: Vor Freude tanzende Helden, die sich strahlend und johlend in den Armen liegen. Aber genauso ziehen uns die tragischen Helden in den Bann: Die, die alles geben für ihren Sport und dann tragisch scheitern. Die, die alles gewonnen haben und dann alles verlieren.

Wir schauen hin und leiden mit. Ein Phänomen der neuen Medien? Nein, das war schon immer so. Bloss konnte beim Gladiatorenkampf nur die anwesende Zuschauermenge mitfiebern mit den tragischen Helden. Per mehr oder weniger lebhafter Nacherzählung wurde das Gesehene mit der Familie und den Freunden geteilt.

Was fehlte war das Replay und der Video-Clip. Die Kraft der bewegten Bilder haut uns im positiven immer wieder um und bringt uns im negativen an die Grenzen des Erträglichen, nicht nur im Sport. «Play» drücken oder nicht? Meine Entscheidung fälle ich jeweils nach Tagesform. Manchmal juckt mein Finger aus «Gwunder», manchmal ertrage ich nicht einmal die Worte.