Sport

Plädoyer für die Prügelknaben: Schweizer Profisportvereine schaffen Arbeitsplätze, sind ein Wirtschaftsmotor und sozialer Kitt

Journalist Simon Häring bricht eine Lanze für den Profisport.

Journalist Simon Häring bricht eine Lanze für den Profisport.

Die Schweizer Profisportvereine sind Herz und Motor eines wichtigen Wirtschaftszweigs. Sie schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sondern finanzieren indirekt auch den Amateur- und Breitensport mit, und sichern Strukturen für den Nachwuchssport. Ein Plädoyer.

Verwöhnte Millionäre, die mit ihren Luxuskarossen durch die Strassen fahren und nur an ihren nächsten Coiffeur-Besuch denken. Die Vorurteile, mit denen sich Berufssportler in der Schweiz konfrontiert sehen, sind zahlreich, und sicher nicht nur falsch. Es sind Bilder und Argumente, mit denen nun gearbeitet wird, wenn im Parlament und an den Stammtischen darüber verhandelt wird, ob und mit wie vielen Millionen die öffentliche Hand Profivereine wie den FC Basel, der schon vor der Corona-Pandemie Millionenverluste eingefahren hat, oder die Grasshoppers, die dank den neuen Besitzern aus China wieder mit Geld um sich werfen, unterstützen soll. Der Profisport ist gerade ein äusserst willkommener Prügelknabe.

Die Bedenken und Einwände sind absolut berechtigt und es ist richtig und wichtig, die Funktionalität eines Systems in Frage zu stellen, das in dieser Form vielerorts nur dank Mäzenatentum am Leben erhalten werden kann. Mit Schrecken sei daran erinnert, dass kurz nach der Jahrtausendwende mit dem FC Lugano, Servette, Lausanne und Xamax vier Traditionsvereine des Schweizer Fussballs in Konkurs gingen. Auch Wil und Luzern mussten die Bilanz deponieren und überlebten nur dank Nachlassstundungen. Fast überall im Schweizer Fussball wurde in den letzten zwei Jahrzehnten irgendwann dermassen über die eigenen Verhältnisse gelebt, dass man nur noch den Kopf über die grassierende Masslosigkeit schütteln konnte.

Um die Jahrtausendwende haben Misswirtschaft und Grössenwahn im Schweizer Profifussball zu zahlreichen Konkursen geführt.

Um die Jahrtausendwende haben Misswirtschaft und Grössenwahn im Schweizer Profifussball zu zahlreichen Konkursen geführt.

Doch wer nun glaubt, der Profisport sei ein System, das es nicht verdient, mit Bundesgeldern unterstützt zu werden, irrt gewaltig. Mehr noch: Er verhöhnt Arbeitnehmer. Es ist Zeit, mit Missverständnissen aufzuräumen.

Fakt ist: Der Sport ist in der Schweiz ein bedeutender Wirtschaftsmotor, an dem knapp 100'000 Arbeitsplätze hängen. Das geht aus einer Studie des Bundesamts für Sport hervor. 2,4 Prozent aller Beschäftigten sind in der Sportwirtschaft angestellt. Die Wertschöpfung liegt bei jährlich 11,4 Milliarden Franken, oder 1,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts BIP der Schweiz. Das ist mehr als doppelt so viel wie der Beitrag der Land- und Forstwirtschaft. Aber hier geht es nicht darum, einzelne Wirtschaftszweige gegeneinander auszuspielen. Sondern darum, die Bedeutung des Sports für die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Gesundheit, die Integration und das Zusammenleben in der Schweiz hervorzustreichen. Denn welche zentrale Rolle Bewegung und Sport für die Bevölkerung spielen, ist unbestritten.

Die Sportwirtschaft generiert jährlich über 11 Milliarden Schweizer Franken Wertschöpfung und trägt 1,7 Prozent zum BIP bei.

Die Sportwirtschaft generiert jährlich über 11 Milliarden Schweizer Franken Wertschöpfung und trägt 1,7 Prozent zum BIP bei.

Nichts begeistert die Bevölkerung wie der Sport

Beispiele? Ein guter Viertel der Bevölkerung gehört einem der knapp 20'000 Sportvereine an. Über die Hälfte der Bevölkerung verfolgt das Sportgeschehen mindestens einmal wöchentlich im Radio, am Fernsehen oder in Tageszeitungen. Die Lauberhorn-Abfahrt verfolgten im Januar durchschnittlich 880'000 Zuschauer – ein Rekordwert für SRF2. Und den Schlussgang beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019 sahen durchschnittlich 836'000. Brot und Spiele, mögen Miesepeter lamentieren.

Aber die Frage sei erlaubt: Was, wenn nicht etwas, dass wie der Sport in der breiten Bevölkerung, in allen Landesteilen, in allen Altersgruppen und durch alle Schichten hindurch für Begeisterung sorgt, ist erhaltenswert?

Welche Rolle der Profisport in diesem Räderwerk spielt, erkennt, wer sich von der Bedienung von Stereotypen verabschiedet und die Vereine als das anerkennt, was sie sind: das Herz eines Systems, das Integration fördert, ein sozialer Kitt in der Gesellschaft ist und Strukturen für den Breitensport bereitstellt. Beispiel SC Kriens. Die Luzerner zählen 650 Juniorinnen und Junioren und stellen damit eine der grössten Nachwuchsabteilungen der Schweiz. Beispiel ZSC Lions. Mit mehr als 70 Mannschaften und 1400 Junioren betreiben die Zürcher die grösste Eishockey-Organisation Europas. Natürlich tun die Vereine das nicht nur aus Selbstzweck, sondern erhoffen sich auch, dass dem einen oder anderen der Durchbruch gelingt.

Der Sport begeistert die Massen in der Schweiz, wie hier bei den Weltcup-Rennen in Adelboden, aber auch vor den Fernsehern.

Der Sport begeistert die Massen in der Schweiz, wie hier bei den Weltcup-Rennen in Adelboden, aber auch vor den Fernsehern.

Koexistenz zwischen Amateur- und Profivereinen

Die Beweggründe sind auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass diese Vereine damit Kindern den Zugang zum Sport ermöglichen und damit eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen. Denn erwiesen ist, dass wer bereits als Kind Sport treibt, als Erwachsener nicht nur auf ein zusätzliches soziales Netz zurückgreifen kann, sondern auch seltener an gesundheitlichen Problemen leidet, die Druck auf das Gesundheitssystem erzeugen und damit Kosten verursachen. Auch deshalb ist es wichtig, die Profisportvereine in der Schweiz zu erhalten. Weil von einem Konkurs oft auch Nachwuchsabteilungen betroffen wären. Und damit Kinder einen Teil ihres sozialen Netzes und ihre Freizeitbeschäftigung verlieren würden.

Auch für viele Amateurvereine ist die Koexistenz mit Profisportvereinen und Veranstaltungen existenziell. Der FC Concordia Basel zum Beispiel stellt bei den Heimspielen des FC Basel das Catering im St. Jakobs-Park sicher. Das Geld fliesst in die Nachwuchsarbeit. Als im vorletzten Jahr die Catering-Einnahmen um 30 Prozent einbrachen, war das auch für den Zweitligisten ein schwerer Schlag. Man kann das Abhängigkeit nennen, oder Koexistenz. Doch es zeigt vor allem, dass es grundsätzlich falsch ist, den Profisport als isoliertes System zu betrachten und auf Berufssportler zu reduzieren. Wer das tut, bedient sich eines plumpen Populismus und verhöhnt Arbeitnehmer, die um ihre Existenzgrundlage fürchten.

Man kann, nein man soll und muss über Dysfunktionalitäten und die Auswüchse im Profisport diskutieren. Aber man sollte nicht den Fehler machen, ihm die Legitimität abzusprechen. Denn das wäre ein Schlag ins Gesicht von Tausenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.

Meistgesehen

Artboard 1