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Vor der Rückkehr in Madrid weiss keiner, wie stark Roger Federer auf Sand noch ist – auch der 37-Jährige selber nicht. Seit rund einem Monat bereitet sich der Basler akribisch auf die Sandsaison vor - auch, weil er auf dieser Unterlage seit drei Jahren kein Turnier mehr bestritten hat. Trotzdem sind die Erwartungen an ihn hoch.
Es ist nicht so, dass Roger Federer sich in den vergangenen Wochen versteckt hätte, aber einen kleinen Spass machte er sich wohl schon daraus, seine Anhänger im Ungewissen zu lassen.
Wechselweise trainierte er in der Region um den Zürichsee oder in Felsberg im Kanton Graubünden, nahe seines Wohnorts Valbella. Hatten die Anhänger erkannt, von wo er in den sozialen Medien grüsste, war er am nächsten Tag mit Bestimmtheit schon nicht mehr dort.
Seit rund einem Monat bereitet sich der Baselbieter auf die Sandsaison vor und damit auf die Rückkehr auf eine Unterlage, auf der er seit drei Jahren kein Turnier mehr bestritten hat.
Wie ernst er das Unterfangen nimmt, zeigt die Tatsache, dass mit Severin Lüthi und Ivan Ljubicic beide Trainer in der Schweiz weilten. Als Trainingspartner standen ihm mit Dan Evans und Miomir Kecmanovic zwei Spieler zur Verfügung, die in der Weltrangliste unter den besten hundert figurieren.
Eng angeleitet wurde Federer von Fitnesstrainer Pierre Paganini, der vom Arbeitsethos seines Schützlings schwärmt. «Er geht das Training wie ein Kind an, das sich auf den ersten Schulausflug freut! Ein Turnier bereitet er vor, als wäre es das erste und zugleich das letzte», sagte er dem «SonntagsBlick».
Federers Anpassungsfähigkeit sei eine der Qualitäten, die am meisten unterschätzt würden. «Roger ist viel strategischer, als man denkt. Sein Spiel ist sehr spontan, aber im Voraus macht er sich immer viele Gedanken.»
Gleichwohl ist die Rückkehr auf Sand mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden. Während die Schläge auf Rücken, Fuss-, Knie- und Hüftgelenke härter, aber kürzer sind, sorgt das Spiel auf Sand für Instabilität im ganzen Körper. Paganini sagt: «Gefährlich sind die Rutschphasen. Man sieht das zwar nicht von aussen, aber in den Gelenken, also in den Knien und im Fussknöchel vibriert es sehr stark.»
Auch deshalb spielte Federer nach seinem Meniskusriss im linken Knie und der Operationim Januar 2016 nur noch sechs Partien auf Sand, die letzte am 12. Mai 2016 in Rom, also vor 1086 Tagen.
Für seinen konsequenten Verzicht wurde Federer reich belohnt: Zwei Siege bei den Australian Open, der neunte Erfolge in Wimbledon und die Rückkehr auf Platz 1 der Weltrangliste. Zwei Jahre war er während der Sandsaison ein Phantom, von dem man nicht wusste, ob es am Ende doch noch auftauchenwürde.
Nun aber hat sich die Rückkehr über Monate hinweg abgezeichnet. Bereits im Januar, nach dem Aus bei den Australian Open, bestätigte Federer seine Teilnahme in Paris. Auch auf Sand zählt der 37-Jährige zu den Besten der Geschichte.
Sandtitel von noch aktiven Spielern:
Er gewann elf seiner 101 Titel auf dieser Unterlage, triumphierte 2009 in Roland Garros, stand vier weitere Male im Final, scheiterte aber jedes Mal am Spanier Rafael Nadal. Federers Jugendfreund Yves Allegro sagt: «Ich habe immer gesagt, dass Sand seine beste Unterlage ist. Roger war in den vergangenen 15 Jahren eindeutig der zweitbeste Spieler der Welt auf Sand.»
Er traut ihm in Paris sogar den Sieg zu, denn: «Nadals Spiel ist perfekt, um Roger zu ärgern. Djokovics Spiel ist ideal, um Nadal zu ärgern. Und Federers Tennis ist perfekt, um Djokovic zu ärgern.»
Kommt hinzu, dass Federers Rivalen zuletzt einen zwiespältigen Eindruck hinterliessen. Rafael Nadal hat erstmals seit 15 Jahren bis im April noch kein Turnier gewonnen. Novak Djokovic gewann zwar in Melbourne, in den letzten drei Turnieren aber nur noch fünf Spiele.
Stattdessen verstrickte er sich in Machtkämpfe um die Besetzung des ATP-Präsidiums. Zuletzt sah sich der Serbe genötigt, im Magazin der «L’Equipe» mit Vorurteilen ihm gegenüber aufzuräumen, als er sagte: «Ich bin kein Veganer, das geht mir viel zu weit.» Und über seinen spirituellen Berater Pepe Imaz: «Der Verdacht der Abhängigkeit ist eine Beleidigung für meine Intelligenz.»
Ins Rampenlicht spielten sich andere: Fabio Fognini, der in Monte Carlo Nadal besiegte und als erster Italiener ein Masters-Turnier gewann, der Österreicher Dominic Thiem, der in Barcelona gegen Nadal gewann und im Vorjahr in Roland Garros den Final erreicht hatte.
Und dann ist da noch das Phantom: Roger Federer. Obwohl er seit dem 12. Mai 2016 nicht mehr auf Sand gespielt hat, haben nur zwei aktive Spieler auf dieser Unterlage mehr Titel gewonnen als er.
In Madrid, wo er am Freitag erstmals trainierte, triumphierte er schon drei Mal (2006 auf Hartbelag, 2009 im Final mit seinem zweiten und bislang letzten Sieg gegen Nadal auf Sand und 2012 auf blauem Sand).
Dazu kommt die wiedergefundene Lust auf das Abenteuer Terre Battue. Er schwärmte vom Winkelspiel. Davon, dass Sand an heissen Tagen so schnell sei wie ein Hartplatz. Von den tausend Möglichkeiten, einen Punkt zu gestalten.
«Das macht es ungemein aufregend.» Es könne gut sein, dass er «etwas reisse», wie er in deutschen Medien zitiert wird, «in Madrid,vielleicht auch in Paris». Auf Sand zu spielen, fühle sich natürlich an. «Es erinnert mich an meine Kindheit.» Damals, als er im TC Ciba Geigy in Allschwil die ersten Bälle spielte. Und an die Zeit beim TC Old Boys Basel am St. Galler-Ring 225.
In den Vorjahren war sein Verzicht auf Sand eine Konzession an die eigene Vergänglichkeit. Anderes war wichtiger: die Gesundheit, Wimbledon. Das trug ihm harsche Kritik ein. Mats Wilander schrieb in der «L’Equipe»: «Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat. Man hat immer eine Verantwortung gegenüber dem Sport. Diese stirbt nie.» Federer fühlte sich damals unverstanden und sagte: «Wenn ich spiele, dann will ich, dass die Zuschauer den besten Federer zu sehen bekommen.»
Seit einem Monat wird auf Sand gespielt. Einen bestechenden Eindruck hinterliess bisher keiner – nicht Nadal, nicht Djokovic, schon gar nicht Alexander Zverev, am ehesten noch Dominic Thiem. Federer, der sagt, es sei der Nervenkitzel, das Ungewisse, das ihn an der Rückkehr reize, trainierte hingegen nur.
Und trotzdem war er in aller Munde. Am Donnerstag wurde er von Madrid-Turnierdirektor Manolo Santana am Flughafen abgeholt. «Was soll ich sagen? Roger ist ein Künstler. Ein Final zwischen ihm und Rafa, das will jeder sehen.»
Zwischen Federer, der in Madrid drei Mal gewonnen hat. Und Nadal, dem fünffachen Rekordsieger. Das Sand-Phantom Federer. In Madrid taucht es wieder auf.