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Phantasielos und nervös: Die Auftritte der Schweizer Handballer geben zu denken

François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Das Team von Nationaltrainer Michael Suter startet mit zwei Niederlagen in die EM-Qualifikation. Insbesondere das 23:25 gegen Nordmazedonien bedeutet einen heftigen Rückschlag - eine Analyse.

Für eine Niederlage in Dänemark muss man sich nicht schämen. Schliesslich sind die Dänen immer noch amtierender Weltmeister und Olympiasieger. Eine Handball-Grossmacht. Zieht man noch die spezielle Vorbereitung in Betracht – das Schweizer Nationalteam konnte wegen Corona-Tests erst am Spieltag nach Aarhus reisen – ist die 26:31-Niederlage akzeptabel.

Trotzdem erinnerte der Auftritt der Schweizer an jenen ziemlich missratenen zum Auftakt der EM im Januar gegen Gastgeber Schweden (21:34). Ähnlich nervös, ehrfürchtig und konfus. Immerhin fanden die Schweizer in Dänemark nach der Pause ins Spiel. Entschieden die zweite Halbzeit sogar für sich. Was auch Trainer Michael Suter zuversichtlich stimmte. «All die guten Sachen nehmen wir mit für das Heimspiel gegen Nordmazedonien. Dänemark ist zwar der verdiente Sieger, aber wir haben Moral getankt für Samstag.»

Die Ernüchterung ist gross bei Samuel Röthlisberger und Lenny Rubin nach der 23:25-Niederlage gegen Nordmazedonien.

Die Ernüchterung ist gross bei Samuel Röthlisberger und Lenny Rubin nach der 23:25-Niederlage gegen Nordmazedonien.

Das Ziel ist klar: Platz 2 und damit die sichere Qualifikation für die EM

Die Rollenverteilung in der Gruppe ist klar. Dänemark ist der unbestrittene Favorit. Finnland der klare Aussenseiter. Nordmazedonien und die Schweiz kämpfen um Platz 2, der zur direkten EM-Qualifikation berechtigt. Natürlich, es gibt auch eine Möglichkeit, als einer der besten Gruppendritten an die EM in Ungarn und der Slowakei zu fahren. Darauf zu spekulieren wäre ein Vabanque-Spiel.

Keine Zuschauer in Schaffhausen aber trotzdem viel Druck für die Schweizer gegen Nordmazedonien.

Keine Zuschauer in Schaffhausen aber trotzdem viel Druck für die Schweizer gegen Nordmazedonien.

Nordmazedonien also. Zu Hause, in Schaffhausen. Zwar nur vor 50 Zuschauern. Aber vielleicht ist es ja besser so. Weil Heimspiele gegen Teams vom Balkan selten richtige Heimspiele sind. Ausserdem macht die Mannschaft mental nicht den robustesten Eindruck. Der Druck liegt eh bei den Schweizern. Da hilft es vielleicht, wenn von den Rängen die Erwartungshaltung überschaubar ist.

Die Schweizer erzielen mit den ersten zehn Angriffen lediglich drei Tore

Von wegen. Nichts hilft. Luka Maros vergibt einen Hochkaräter. Marvin Lier trifft nur die Latte. Dimitrij Küttel begeht einen technischen Fehler. Drei Abschlüsse, kein Tor. Falls in Dänemark wirklich Moral getankt wurde, ist bereits nach den ersten Minuten gegen Nordmazedonien nicht mehr viel davon übrig. Aus den ersten zehn Angriffen resultieren bei den Schweizern nur drei Tore - eine Bilanz des Schreckens.

Es ist ein wildes Spiel, ohne Strukturen und Konturen. Mit furchtbar vielen Fehlern, auf beiden Seiten. Was bei den Schweizern auf grosse Nervosität und beim Gegner auf überschaubare Qualität schliessen lässt. Teamleader Andy Schmid sagt hinterher: «Die Angst vor der Niederlage war grösser als die Gier nach dem Sieg. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir am Anfang eines Spiels so viele Chancen ausgelassen haben wie gegen Nordmazedonien. Dabei ist die Nervosität unerklärlich. Denn es war ja für keinen das erste Mal. Der Wunsch, zu gewinnen, hat uns kurze Arme gemacht.»

In der Offensive hängt fast alles von Andy Schmid ab.

In der Offensive hängt fast alles von Andy Schmid ab.

Trotz der kurzen Arme, trotz des phantasielosen und fahrigen Angriffsspiels: Zur Pause ist das Spiel immer noch offen - 10:10. Und plötzlich: Küttel erzielt endlich sein erstes Tor. Schmid involviert endlich erstmals den Kreisläufer Lucas Meister. Es läuft. Und die Last des Müssens scheint abzufallen. Das Spiel wird variabler, unberechenbarer. Die Schweiz zieht auf 18:15 davon. Und es sind nur noch knapp 16 Minuten zu spielen.

Was dann passiert, ist kläglich. «Wenn wir in dieser Phase gut abschliessen, gewinnen wir das Spiel mit vier oder fünf Toren Differenz», hadert Trainer Suter. Aber das tun die Schweizer nicht. Zu labil ist diese Mannschaft an diesem Abend. Die guten 15 Minuten nach der Pause geben keine Sicherheit. «Leider haben wir von diversen Spielern keine gute Leistung gesehen», sagt Suter nach der 23:25-Niederlage. Namen nennt er nicht. «Ich werde mich wie immer vor die Mannschaft stellen.»

Eine Frage der Qualität oder eine Frage der Reife? Oder beides?

Ist es ein Qualitätsproblem? Oder fehlt dieser Mannschaft die Reife? Sicher, andere Teams haben mehr Breite im Kader. Und punkto Routine macht insbesondere Suter Defizite aus im Vergleich mit Gegnern wie Nordmazedonien. Nur: Der Kern des Teams besteht aus Legionären und Spielern von Kadetten Schaffhausen, die jährlich im Europacup engagiert sind. Ausserdem hat diese Mannschaft eine erfolgreiche letzte EM-Qualifikation und eine akzeptable EM absolviert. So unerfahren ist sie nun auch nicht. Und die ganz jungen, die unsere Phantasie wecken wie Samuel Zehnder und Jonas Schelker, kommen bei Suter in dieser EM-Qualifikation (noch) nicht zum Zug.

Nationaltrainer Michael Suter: Er lebt Handball.

Nationaltrainer Michael Suter: Er lebt Handball.

Michael Suter hat grosse Verdienste. Er hat die Nationalmannschaft aus dem Morast der Bedeutungslosigkeit befreit. Er hat ihr professionelles Denken und Handeln vermittelt. Er hat ihr die gröbsten Selbstzweifel genommen und sie mit seinem Enthusiasmus infiziert. Er hat ihr ein sehr gut funktionierendes Defensivkonzept verschrieben. Der nächste und wohl schwierigste Schritt in der Entwicklung führt über die Offensive. Und da ist jeder Trainer halt auch ein Stück weit abhängig von der individuellen Klasse der Spieler, im besten Fall vom Genie. Davon gibt es in der Schweiz nur eines: Andy Schmid.

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François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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