Ski alpin

Phänomen Feuz: ein Erklärungsversuch

Beat Feuz mit Bestzeit im Ziel: die Freude ist sichtbar.

Beat Feuz mit Bestzeit im Ziel: die Freude ist sichtbar.

Nach Rang zwei in der Hanhnenkamm-Abfahrt: Der Schweizer ist schneller zurück auf dem Podest als von vielen erwartet.

Beat Feuz ist ein Phänomen. Sein Teamkollege Marc Gisin brachte es auf den Punkt. Nach einer Abfahrt in Kitzbühel notabene, die Gisin als Fünfter beendete und somit besser klassiert als jemals zuvor im Weltcup. «Ich habe mir gesagt, der Beat hat jetzt fünf oder sechs Abfahrtsläufe in dieser Saison und der fährt mir nicht um die Ohren. Und jetzt ist er mir doch um die Ohren gefahren.» Gisin sagte es und lachte. Er gönnt dem Teamkollegen den zweiten Platz auf der Streif: «Beat ist ein unglaublicher Skifahrer.»

Beat Feuz gewinnt die Lauberhorn-Abfahrt 2012.

Beat Feuz gewinnt die Lauberhorn-Abfahrt 2012.

Ende August hatte sich Beat Feuz im Training einen Teilriss der Achillessehne zugezogen. Die Vorbereitung auf die Saison fand ein jähes Ende. Schon kurze Zeit später gab der 28-Jährige das Ziel bekannt, in Wengen in den Weltcup einzusteigen. «Das Ziel ist, in drei bis vier Monaten wieder auf den Ski zu stehen», sagte er. Viele hielten diesen Plan für verrückt.

Wenn es schnell geht

Mitte Dezember, also nur dreieinhalb Monate nach der Operation, kehrte Feuz auf die Piste zurück. «Der Versuch hat sich den Umständen entsprechend gut angefühlt. Von einem Training auf Weltcup-Niveau bin ich aber noch weit entfernt», liess er damals verlauten. Nach einigen Tagen fuhr er im Training einen Super-G. «Auf flachem Gelände. Trotzdem war es unmöglich, die Kurven auf Zug zu fahren.»

Mitte Januar kam Feuz nach Wengen. Sprünge hatte er bis dahin noch keine trainiert. Trotzdem wagte er sich im Abfahrtstraining über den Hundschopf und entschied: «Ich fahre.»

Bei seiner dritten Fahrt auf Abfahrtsski fährt er am Lauberhorn auf Rang 11. In Kitzbühel kommen zwei Trainings dazu. Danach sagt er: «Ich werde in der Abfahrt wahrscheinlich am Start stehen. Die Erwartungen dürfen nicht zu hoch sein. Mir fehlt das Training. Irgendwann wird es vorwärtsgehen.» Der Rest ist bekannt: Auf der Streif fährt er am Samstag auf Rang zwei. «Unglaublich, ich kann es nicht richtig realisieren. Es ging so schnell.»

Wie ist ein solcher Exploit möglich? Er selbst kann es sich nicht wirklich erklären. Wir versuchen es trotzdem:

Gefühl

Spricht man mit Trainern und Experten, fällt immer wieder ein Ausdruck: «Gefühlsskifahrer.» Feuz verfügt über einen ausgezeichneten Instinkt auf der Piste, er weiss intuitiv, wie er fahren muss. Wann es mehr Druck braucht und wann das An-die-Linie-Krallen langsam macht. Mit Gefühl kann er kompensieren, was andere in vielen Trainings erst üben müssen.

Auch Beat Feuz griff beim diesjährigen Abfahrts-Training tief in die Trickkiste.

Beat Feuz griff beim diesjährigen Abfahrts-Training in Kitzbühel tief in die Trickkiste.

Erfahrung

Die Verletzungsakte von Beat Feuz ist lang. Alleine elfmal wurde er am linken Knie operiert. Nach einer Entzündung war sogar unklar, ob er die Karrie fortsetzen kann. Die unschönen Erlebnisse helfen ihm jetzt. Sein Teamkollege Carlo Janka sagt: «Beat hat mit seiner Geschichte Erfahrungen mit wenig Training.» Feuz weiss, wie sein Körper reagiert.

Ehrgeiz

Es gibt Trainingsweltmeister und es gibt «Rennhunde». Feuz gehört zur zweiten Kategorie. Wenn es zählt, ist er bereit. Er setzt seine Energien bewusst dann ein, wenn er spürt, dass etwas geht. So holte er Abfahrts-Bronze an der WM 2015 und gewann schon in Wengen.

Lockerheit

Ehrgeiz kombiniert sich am besten mit Lockerheit. In Kitzbühel zeigte Feuz im Training beim Zielsprung einen Freestyle-Trick. Feuz selbst sagt: «Ich habe Riesenspass am Skifahren, das hilft sicher.» Mit Freude lässt sich Schmerz besiegen.

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