Nationalmannschaft

Petkovics Ära macht erstaunlichen Rückschritt

Vladimir Petkovic spricht oft und gern über seine «Liebe zum Fussball».

Vladimir Petkovic spricht oft und gern über seine «Liebe zum Fussball».

Wir analysieren zum Ende des Länderspieljahres den erstaunlichen Rückschritt des Teams rund um Trainer Vladimir Petkovic. Die Fassade der einst von einer völlig neuen, anmutenden Philosophie geprägten Mannschaft beginnt zu bröckeln.

Die Tage werden kürzer. Die Weihnachtszeit naht. Es ist die Zeit der Besinnung. Auch für die Schweizer Fussballer. Zehn Spiele bestritt das Team von Vladimir Petkovic im Jahr 2015. Die Statistik ist ein Grund zur Freude, sieben Siege, ein Unentschieden, nur zwei Niederlagen. Und die EM-Qualifikation ist geschafft. Dazu der versöhnliche Abschluss am Dienstag in Wien, wo die Schweizer schafften, was zuvor in diesem Jahr keiner anderen Mannschaft gelang: Österreich zu besiegen – 2:1.

Die nackten Zahlen und Fakten erzählen die Geschichte eines schönen Gemäldes, das Petkovic geschaffen hat. Aber dieses Schweizer Gemälde trügt. Als würde die Farbe plötzlich abblättern, wenn man es an der Wand aufhängen möchte. Wer genauer hinschaut, erkennt: Das Fussballjahr 2015 erzählt auch noch eine andere Geschichte. Es ist keine erfreuliche. Petkovic ist ein Trainer, der gerne über das Ergebnis hinausschaut. Für ihn ist die Ästhetik genauso wichtig.

Mit diesem Anspruch ist er im Sommer 2014 angetreten. Es sollte eine sanfte Evolution sein im Vergleich zum häufig resultatorientierten Fussball unter Ottmar Hitzfeld. Von «Liebe zum Fussball» spricht Petkovic gerne. Und tatsächlich: Zwischen Ende 2014 und Anfang 2015 dachte man: Diese Schweizer Mannschaft beginnt, die Philosophie ihres Trainers mitzutragen.

Von der Liebe zur Schönheit zum Resultatfanatiker

Acht Monate nach dem 3:0 gegen Estland im ersten Spiel 2015 bleibt die Feststellung: Die Schönheit des idealistischen Petkovic-Fussballs bröckelt. Etwas bösartig muss man sogar feststellen: Die Schweiz, Ausgabe November 2015, hat spielerisch Rückschritte gemacht im Vergleich zu den Zeiten Hitzfelds. Es sind Gedanken, die noch Anfang September dieses Jahres, vor den entscheidenden vier EM-Qualifikationsspielen, völlig fremd schienen. Derselbe Trainer, der sein Team nach der Niederlage in der EM-Qualifikation in Slowenien aus ästhetischen Gründen über den Klee gelobt hatte, sieht nun in einem glücklichen Sieg, der quasi ohne spielerische Glanzlichter zustande kommt, fast ausschliesslich Gutes. Es ist, als hätte Petkovic aufgehört, Petkovic zu sein.

Probleme im Klub kann die Schweiz nicht auffangen

Auf dem Rasen ist das Jahr des Nationalteams zwar abgeschlossen. Auf der Teppichetage geht es weiter. Und auch hier geht es um Petkovic. Um die Frage, ob sein Vertrag über die EM hinaus verlängert werden soll. Es ist eine tückische Frage. Weil es Widersprüche gibt.

Petkovic erreichte auf der einen Seite, was gefordert war (die EM-Qualifikation). Aber mehr nicht. Es gibt kaum einen Spieler, der unter Petkovic aufgeblüht wäre. Und Petkovic traut sich selbst noch immer kaum aus dem Schatten von Hitzfeld. Er spürt, dass er Akzente setzen sollte. Aber er fürchtet sich vor den Folgen. Dabei wäre die Zeit gekommen, dieses Schweizer Team um Granit Xhaka herum zu bauen. Er ist der einzige Mittelfeld-Spieler, der im Klub konstant gute Leistungen zeigt. Er muss es sein, der die Schweiz an der EM anführt.

Ein anderes Problem ist das latente Misstrauen von Petkovic. Hinter jeder Ecke, sogar wenn sie durchsichtig ist, wittert er eine Verschwörung. Damit tut er weder sich noch der Mannschaft einen Gefallen. Am Dienstagabend in Wien, als die Österreicher die offizielle Zuschauerzahl bekannt gaben, stand da auf dem Screen geschrieben: 27 600 Teamchefs. Man stellt sich selbiges in der Schweiz lieber nicht vor. Für eines aber kann Petkovic nichts: Für die Probleme, welche die Schweizer aus ihrem Klubleben in die Nationalmannschaft tragen. Es sind zu viele derzeit. Akteure wie Inler, Schär oder Drmic spielen zu wenig. Shaqiri ist ebenfalls auf eine schräge Karriere-Bahn geraten. Solche Probleme kann die Schweiz nicht auffangen. Es muss sich ändern, sonst droht an der EM im nächsten Sommer ein böses Erwachen.

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