Fussball
Paul Friberg verliess das Bünderland, um Fussballprofi zu werden

Der Wintersport faszinierte Paul Friberg. Doch noch grösser war seine Leidenschaft für Fussball. Von 1978 bis 1991 spielte der Bündner als Profi. Es ist eine aussergewöhnliche Geschichte.

Michael Meier
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Paul Friberg arbeitet heute bei der Suva.

Paul Friberg arbeitet heute bei der Suva.

Chris Iseli

Eigentlich war ihm das Skifahren während seiner Karriere ja verboten, aber das hielt Paul Friberg nicht davon ab. Seine Liebe zum Wintersport ging so weit, dass er nur vier Wochen nach einer Bänderoperation bereits auf die Piste wollte. «Ich konnte zwar noch nicht laufen, dachte aber, im Skischuh habe ich Halt», erinnert er sich. Zwar sei er fast nicht hineingekommen, aber danach klappte es einwandfrei. «Ich war ja ein guter Skifahrer», ergänzt er schelmisch lächelnd.

56-jährig ist Friberg mittlerweile. Er ist einer von ganz wenigen Bündnern, die jemals in der höchsten Schweizer Fussballliga gespielt haben. Aufgewachsen ist Friberg in Tavanasa, einem Dorf zwischen Ilanz und Disentis, auf einem Bauernhof. «Das kam mir sicher gut, da hab ich mir eine gewisse Grundkondition geholt», sieht Friberg das Positive an den Aufgaben, welche er auf dem Hof übernehmen musste. Denn am liebsten hätte er immer Fussball gespielt.

Im Dorf wurde gekickt

Ein Exot war er als Fussball-Liebhaber nicht. Im Sommer wurde jeden Tag auf dem Pausenhof gekickt. Spiele mussten sie als Schülermannschaft noch selbst organisieren: «Da hatten wir eigentlich nur Ilanz als Gegner», sagt er lachend. Doch wie konnte er vor fast 40 Jahren als junger Spieler im Bündnerland auf sich aufmerksam machen?

Friberg war bereits mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft von Tavanasa in der 3. Liga aktiv. «Es gab da noch keine Scouts oder dergleichen, aber viele Klub-Präsidenten studierten die Telegramme aus allen Schweizer Regionen. Und ich habe halt immer viele Tore erzielt», erklärt der ehemalige Stürmer. Da tauchte sein Name natürlich oft auf.

Der Lehre Vorrang geben

Eines Abends dann kam der mittlerweile 18-jährige KV-Lehrling begeistert nach Hause und erzählte von einem Angebot des FC St. Gallen. Die Mutter, selbst ein grosser Fussballfan, war begeistert, aber der Papa bestand darauf, dass Paul zuerst die Lehre fertig macht. Dann also weiter warten.

Ein Jahr später war es doch so weit. Tavanasa einigte sich mit St. Gallen. Bei den Verhandlungen war Friberg nicht dabei. Die Präsidenten beider Vereine legten alles fest, sogar seinen Lohn. «Mir war das völlig egal, Hauptsache, ich konnte Fussball spielen.» Und so begann die grösste Fussballkarriere, die je ein Bündner auf Fussballplätzen hinlegte.

Der gewaltige Schritt von der dritten Liga in die Nationalliga A machte Friberg nichts aus. «Ich bin einfach runter und habe gesagt, was die können ...», erinnert er sich. Von seinen (damaligen) Qualitäten ist er noch immer überzeugt: «Ich war brutal schnell und wendig und hatte den Torriecher.» Diese Vorzüge liessen ihn in der Saisonvorbereitung in drei Spielen fünf Tore erzielen. Der Trainer plante den 19-jährigen Neuling im ersten Saisonspiel in der Startformation ein. Aber es kam anders. Drei Tage vor dem Spiel bekommt Friberg einen Schlag aufs Knie – Bänderriss, sechs Wochen Gips. Die Hinrunde war gelaufen.

Die Verletzungen zogen sich wie ein roter Faden durch Fribergs Zeit beim FC St. Gallen. «In den sieben Jahren hatte ich fünf Operationen», rechnet er vor. Obwohl er während jener Zeit zu den besten Schweizer Stürmern zählte, hat Friberg nur ein Länderspiel absolviert. «Immer wenn ich aufgeboten gewesen wäre, habe ich mich verletzt, es war wie verhext», bedauert er.

Unschöne Erinnerung an die Türkei

Sein einziges Länderspiel absolvierte Friberg für die Schweizer Olympiamannschaft, «eine Art zweite Mannschaft für die Nationalmannschaft, ich weiss nicht mal, ob überhaupt Olympische Spiele stattfanden», erinnert er sich. Das Spiel fand in der Türkei statt, und Friberg hat keine guten Erinnerungen an die Fans des Gastgebers. «Wir wurden mit Tomaten und Aprikosen und allem beworfen. Das war dann sogleich das letzte Spiel der Olympia-Auswahl, danach wurde sie abgeschafft.»

Seit 25 Jahren arbeitet Friberg bei der Suva in Chur als Schadenspezialist. «Da kommen mir alle Verletzungen, die ich hatte, natürlich zugute, ich bin fast ein halber Arzt.» Mit 32 Jahren musste Friberg seine Karriere beenden. Die vielen Verletzungen haben Spuren in Form von Arthrose hinterlassen. Fussball kann er nicht mehr spielen. Dafür geht er jetzt mehrmals die Woche biken und im Winter langlaufen auf der Lenzerheide. Dies kann er dann gleich mit einem Enkel-Besuch verbinden. Der Vater zweier Töchter ist seit einem halben Jahr Grossvater.

Die Familie war auch der Grund, wieso er gegen Ende seiner Karriere zum FC Chur wechselte. «Meine Mädchen waren vor der Einschulung, es war ein Grundsatzentscheid, zurückzukehren ins Bündnerland.» Der damalige Nati-B-Klub machte ihm ein finanziell verlockendes Angebot, und so kehrte Friberg in die Heimat zurück.
Dazwischen lagen erfolgreiche Jahre in der Fremde. Bei St. Gallen sicherte er sich ein halbes Jahr nach jener ersten schweren Verletzung einen Stammplatz und erzielte Tore am Laufmeter. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass Friberg neben dem Fussball noch 45 Stunden die Woche im Büro einer Krankenkasse arbeitete. «Wir hatten jeden Abend Training und über den Mittag jeweils noch ein spezielles Stürmertraining. Das war schon extrem hart», erinnert er sich. Erst bei seiner nächsten Station in Wettingen wurde Friberg Profi. Bei St. Gallen hatte er einen Grundlohn, «der ein guter Lehrlingslohn war».

Friberg weiss, dass er finanziell mehr hätte herausholen können aus seiner Karriere. Aber das war ihm nie wichtig. Die Zeit beim FC St. Gallen hat Friberg immer noch als super Zeit in Erinnerung. «Nach einem Sieg gingen wir jeweils mit dem ganzen Team in den Ausgang und haben die ganze Nacht durchgefestet.»

Einmal quer durch die Schweiz

Später beim FC Wettingen passte es trotz vieler guter Spieler nicht mehr. «Wir waren keine richtige Mannschaft», sagt Friberg dazu. Vor seiner vierten Saison hatte der Klub sehr viele Spieler im Kader. Also fragte der Präsident, wer auf die Transferliste gesetzt werden wolle. Fribergs Antwort: «Also gut, setzt mich da mal drauf.» Was folgte, war ein abenteuerlicher letzter Tag der Transferperiode.

Einem Angebot von Bellinzona folgend, stieg er ins Auto Richtung Tessin. Dort kam man zu einer Vereinbarung, der Vertrag war unterschriftsbereit auf dem Tisch. Doch über Mittag bekam Friberg ein Telefon aus Wettingen: «Nicht unterschreiben, der FC Luzern ist dran.» Zurück ins Auto, hoch in die Innerschweiz. In Luzern musste Friberg bis 20 Uhr warten, bis Trainer Friedel Rausch kam. Am Ende entschied sich der Stürmer aber für Luzern.

Zum Abschluss nach Hause gekehrt

Das erste Jahr war ein erfolgreiches, der FCL wurde Meister. Friberg war gesetzt. Doch im zweiten Jahr liess ihn Rausch plötzlich nicht mehr spielen. In einem Testspiel für die Reservespieler gelangen Friberg in einer Halbzeit zwei Tore, doch im folgenden Meisterschaftsspiel liess ihn Rausch – als einzigen Ersatzspieler – nicht spielen. Da war Friberg so frustriert, dass er dem Trainer seine Schuhe vor die Füsse schmiss, zum Präsidenten ging und sagte, er wechsle. Zurück nach Chur in den Kanton Graubünden, aus dem elf Jahre zuvor ein 19-Jähriger aufgebrochen war, um Bündner Sportgeschichte zu schreiben.