Lauberhorn
Patrick Küng sucht wieder den Lauberhorn-Modus

Vor einem Jahr triumphierte der Schweizer Patrick Küngin der Abfahrt von Wengen – seither läuft es ihm nicht mehr rund. Vor allem die Olympischen Spiele in Sotschi gingen, um seine Formulierung zu verwenden, «wortwörtlich in die Hosen».

Richard Hegglin, Wengen
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Patrick Küng lässt sich nach seinem Lauberhornsieg im Januar 2014 feiern.

Patrick Küng lässt sich nach seinem Lauberhornsieg im Januar 2014 feiern.

KEYSTONE

Es waren die ereignisreichsten Tage in seinem Leben. Am 11. Januar 2014 feiert er seinen 30. Geburtstag, einen Tag vorher heiratet sein Bruder – und am 18. Januar gewinnt er die Lauberhorn-Abfahrt. Patrick Küng ist ganz oben angekommen. Und muss in der Folge erfahren, dass die Luft dort oben dünn und der Skisport keine Einbahn-Strasse ist.

Seit jenem Triumph kam er in den Abfahrten nur noch zweimal in die Top Ten – mit einem 8. Rang als Bestresultat. Im Super-G stand er in Kvitfjell noch einmal auf dem Podest. Vor allem die Olympischen Spiele in Sotschi gingen, um seine Formulierung zu verwenden, «wortwörtlich in die Hosen». Wegen einer Magen-Darm-Grippe war er nicht im Vollbesitz seiner Kräfte.

In diese Saison stieg er mit grosser Zuversicht: «Das Training verlief wunschgemäss, ich war nie verletzt und fühlte mich in guter Form.» Auch seine Körpersprache verriet: Patrick Küng war parat. Er befand sich in beiden Speed-Disziplinen in den Top 7, die den eigentlichen Kern der Weltklasse bilden.

Der Start in die Saison in Lake Louise verlief weitgehend nach Plan: Der 8. Rang war okay. Lake Louise ist nicht seine Strecke, dort war er nie besser. Doch dann geriet Sand ins Getriebe. In der Abfahrt von Beaver Creek schied er schon nach 30 Sekunden aus: «Ich war zu übermütig.» Auch im Super-G, in dem er ein Jahr zuvor seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hatte, kam er nicht ins Ziel. Und im Super-G von Val Gardena ebenfalls nicht. «Solche Ausfälle sind dem Selbstvertrauen nicht förderlich», resümiert er, «aber das ist jetzt Vergangenheit.»

Die Rückkehr an den Tatort

Nun ist er wieder in Wengen und sagt: «Es gefällt mir hier, eine schöne Strecke.» Nichts von Euphorie, die ehemalige Sieger in der Regel empfinden, wo sie an die Stätte ihres Triumphes zurückkehren. Vor einem Jahr war er fast in eine Art Trance gefallen: «Ich war emotional überfordert – all die Eindrücke und Gefühle. Es war schwierig, das alles zu verarbeiten. Man möchte es für sich geniessen. Aber es ist alles so hektisch: Gratulationen, Interviews, Siegesfeiern – und dann geht es schon wieder weiter zu den nächsten Rennen. Und wenn man endlich Zeit hat, ist es Frühling.»

Jetzt versucht er wieder den Lauberhorn-Modus einzuschalten. Die erste Fahrt war ‹Business as usual›, nichts Aussergewöhnliches: «Ein normales Training. Es liegt noch viel drin – bei allen.» Und trotzdem: «Ich habe wieder das Gefühl für den Ski bekommen. Ich bin der Pilot, ich fahre wieder Ski, nicht der Ski mit mir.» So mache Skifahren wieder Spass.

Und das Ergebnis für eine scheinbare Dutzend-Fahrt darf sich sehen lassen: Bei der letzten Zwischenzeit war er noch Drittbester: «Dann habe ich das Ziel-S verhauen.» Rund eine Sekunde liess er dort liegen und war am Schluss gleichwohl Achtbester, wenn man Olympiasieger Matthias Mayer subtrahiert, der zwei Tore ausliess. Dabei fühlte er sich am Morgen gerädert, er hat eine leichte Grippe hinter sich und hustet, «Cologna-Husten», wie er sagt. Renntauglich fühlt er sich trotzdem, obwohl eine Abfahrt über zweieinhalb Minuten allfällige physische Defizite schonungslos aufdeckt.

Patrick Küng führt, seit er am Lauberhorn startet, Tagebuch. Im letzten Jahr schrieb er vor dem Rennen hinein: «Das Ziel-S entscheidet.» Weil das Rennen auf verkürzter Strecke stattfand, war diese Passage noch wichtiger als sonst. Küng erwischte sie, im Gegensatz zum jetzigen Training, optimal. Seine Siegesfahrt hat er hin und wieder gesehen, «aber nicht im Sinne einer mentalen Vorbereitung auf das heurige Rennen, sondern eher zufälligerweise am TV».

Der Vergleich mit Cuche

Am Wochenende ist Küng 31-jährig geworden und damit im besten Rennfahrer-Alter. Auch Didier Cuches Karriere kam erst in diesem Alter so richtig in Schwung. Drei Viertel seiner Siege holte der Neuenburger als über 32-Jähriger. Küng befindet sich demzufolge im «Fahrplan», relativiert aber: «Mit Didier möchte ich mich nicht vergleichen. Er hatte eine «Riesen»-Karriere». Und fügt mit Schalk an: «Aber am Lauberhorn führe ich mit 1:0.» Und das Spiel ist noch nicht zu Ende.