Paris zieht dank einem spielfreudigen Neymar erstmals in den Champions-League-Final ein

Thomas Tuchel behält im deutschen Trainerduell die Oberhand. Julian Nagelsmanns Leipzig bezahlt derweil Lehrgeld.

Renato Schatz
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Neymar (r.) bejubelt zusammen mit Di Maria den Einzug in den Champions-League-Final.

Neymar (r.) bejubelt zusammen mit Di Maria den Einzug in den Champions-League-Final.

Bild: Keystone

Das Spiel war 35 Minuten alt, als Neymar im rechten Couloir einen Freistoss trat. Der Leipziger Goalie Peter Gulacsi blickte konzentriert in die Menschentraube vor ihm, er erwartete eine Flanke. Doch Neymar schoss den Ball mit viel Effet und Geschwindigkeit Richtung Tor. Gulacsi begriff spät und streckte sich. Der Ball klatschte an den Aussenpfosten. Und dann lächelte Neymar. Dieses Lächeln glich einer Vorentscheidung.

Denn wenn dieser ebenso launische wie begnadete Fussballer Spass an seiner Arbeit findet, wird es schwierig für seine Gegner. RB Leipzig war da keine Ausnahme, es lag zu jenem Zeitpunkt bereits mit 0:1 in Rückstand. Marquinhos hatte nach einem Standard per Kopf getroffen. Eben jene Situationen sind befreit von technischen und vor allem taktischen Finessen, gefragt sind vielmehr Physis und Geradlinigkeit. Die Mannschaften von Julian Nagelsmann mögen taktische Chamäleons sein – der 33-Jährige lässt während eines Spieles mehrfach das System wechseln –, doch gerade in den Startminuten waren seine Leipziger überfordert. Weil Paris physisch präsent und geradlinig auftrat. Trainer Thomas Tuchel, einstiger Lehrmeister von Nagelsmann in Augsburg, entdeckt in Paris den Pragmatismus für sich. Er verzichtet auf ständige Systemwechsel, forciert stattdessen das Offensichtliche: Neymar, Kylian Mbappé und Angel Di Maria. Bemerkenswerter als deren Spielfreude in der Offensive war gestern ihre defensive Solidarität. Es ist allerhand, dass Neymar erster Verteidiger war und die Leipziger Abwehr unermüdlich anlief. Der Brasilianer hat lange mit Paris gefremdelt. Die glänzende Ausgangslage in der Champions League versöhnt ihn nun offenbar mit dieser Stadt.

Aber nicht nur das Pariser Kollektiv war Schuld an Leipzigs Ausscheiden. Der Bundesligist stand sich oft selber im Weg: Gulacsis missglückte Spieleröffnung führte zum 0:2. Und vor dem 0:3 durch Juan Bernat reklamierte Nordi Mukiele statt weiterzuspielen. RB bezahlte Lehrgeld im bisher grössten Spiel seiner jungen Vereinsgeschichte. 2009 der Marketingstrategie eines österreichischen Brausegetränkeherstellers entsprungen, entstand ein Fussballverein in Leipzig. Auch PSG wird grosszügig alimentiert. So denn war dieses Spiel nichts für Fussballromantiker. Fussballliebhaber kamen aber auf ihre Kosten. Lächelndem Neymar sei Dank.