Paris-Roubaix
Auf der Suche nach dem sportlichen Glück: Stefan Küng wird vor seinem Lieblingsrennen auf Kopfsteinpflaster zum Tüftler

Stefan Küng träumt vom Sieg von Paris-Roubaix. Es wäre der Höhepunkt einer Saison mit vielen Aber.

Raphael Gutzwiller
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Stefan Küng sucht nach verlorenen Hundertstelsekunden.

Stefan Küng sucht nach verlorenen Hundertstelsekunden.

Manuel Geisser/Imago

Die Strecke ist härter als fast alle anderen auf der Tour. 257,7 Kilometer geht es vom Zentrum Frankreichs hoch in den Norden nach Roubaix an der Grenze zu Belgien. 50 Kilometer davon auf Kopfsteinpflaster. Dort holpert es und wenn es nass wird, rutscht es. Stürze sind immer möglich, sie müssen einkalkuliert werden. Doch für Stefan Küng ist die Strecke des Eintagesklassikers Paris-Roubaix magisch. «Dieses Rennen hat das gewisse Etwas. Schon als Kind versprühte das Rennen eine gewisse Faszination auf mich», erzählt der 27-jährige Thurgauer.

Für Küng ist sein Lieblingsrennen der letzte grosse Höhepunkt eines intensiven Jahres, in dem er mehrfach in den Vordergrund gefahren ist. Wenn er Ende Saison darauf zurückblickt, dann wird er viel Positives finden: starke Auftritte, gute Leistungen. In all jenen Rennen, die er sich zum Jahresbeginn fett markiert hatte, lieferte er und klassierte sich in den Top Fünf.

Grosse Enttäuschung bei Stefan Küng nach seinem vierten Rang beim olympischen Zeitfahren in Tokio.

Grosse Enttäuschung bei Stefan Küng nach seinem vierten Rang beim olympischen Zeitfahren in Tokio.

Laurent Gillieron / Keystone

Und doch steht hinter diesen Resultaten jeweils ein grosses Aber. In den Zeitfahren an der Tour de France verpasste er den Sieg, belegte einmal den zweiten und einmal den vierten Platz, an den Olympischen Spielen verpasste er die Medaille nur um 0,4 Sekunden, und an der Weltmeisterschaft musste er sich mit dem fünften Rang begnügen. «Mit meinen Leistungen konnte ich jeweils zufrieden sein, mit den Resultaten weniger», sagt Küng. «Dass es immer so knapp nicht reichte, sorgt für eine gewisse Frustration. Bei dieser Länge von Strecken kann man Hundertstelsekunden überall suchen.»

Küng will verstehen und begreifen

Die Suche nach dem minimalen Rückstand auf die ärgsten Konkurrenten, die er alle auch immer wieder bezwungen hat, kann Küng verrückt machen. Doch statt Haare zu raufen, arbeitet der Thurgauer Musterprofi weiter. Er hofft, in Sachen Aerodynamik noch ein bisschen mehr herausholen zu können. «Leistungsmässig ist man irgendwann am Limit», sagt er. Doch geht es um die richtige Position auf dem Rad, dann ist das eine Wissenschaft für sich. Ende Saison wird sich Küng zusammensetzen mit Wissenschaftern, Experten des Verbandes und Mechanikern. Aus dem Veloprofi wird ein Tüftler.

Während andere Topathleten oft auf die wissenschaftlichen Experten vertrauen, will Küng selber mitreden, verstehen und begreifen. Denn er ist derjenige, der auf dem Rad den Unterschied spüren wird.

Stefan Küng wird aus einem Veloprofi zum Tüftler.

Stefan Küng wird aus einem Veloprofi zum Tüftler.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Ein Tüftler ist Küng auch in der Vorbereitung auf Paris-Roubaix. Das Material ist in diesem Rennen besonders wichtig, da auf dem Kopfsteinpflaster vieles anders ist als auf den glatt geteerten Strassen. Die teuren Carbon-Velos der Profis sind ein krasser Gegensatz zu den historischen Strassenabschnitten in Nordfrankreich. «Diese Strassen sind wie aus einer anderen Zeit und wir fahren mit unseren teuren Velos darüber. Das ist ein bisschen surreal», findet Küng.

Die Rennräder der Profis verfügen über keine Dämpfung, es schüttelt und rüttelt. «Der Kontakt ist sehr direkt. Die einzige Chance zur Dämpfung ist der Pneu. Wenn dieser ein bisschen breiter ist und der Druck weniger hoch ist, dann holpert es weniger. Doch es braucht einen Kompromiss, da man mit demselben Material ja auch auf normalen Strassen fahren muss», erzählt Küng.

Und so tüftelt der Thurgauer gemeinsam mit seinem Mechaniker vor dem Rennen von Paris-Roubaix daran, das richtige Material für Sonntag zu wählen. Bei der Besichtigung am Freitag fuhr er jeden Abschnitt mit unterschiedlichem Material, um herauszufinden, welches am besten funktioniert. «Ich habe ein gutes Gespür dafür, welches Material funktioniert», sagt Küng, der optimistisch ist, auch dank des passenden Materials einen Vorteil haben zu können.

Erst 2019 kam die Versöhnung mit Paris-Roubaix

Stefan Küng will bei seiner sechsten Teilnahme bei Paris-Roubaix den Sieg.

Stefan Küng will bei seiner sechsten Teilnahme bei Paris-Roubaix den Sieg.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Küngs Lieblingsrennen Paris-Roubaix brachte dem Thurgauer Radprofi, der wie gemacht für diese Strecke scheint, noch kein Glück. 2017 stürzte er unglücklich und der Materialwagen fuhr über Küngs Arm, auch 2018 konnte er das Rennen nicht beenden. «Ich habe schon gezweifelt, weil ich immer Pech hatte bei Paris-Roubaix», so Küng. «Aber 2019 habe ich mich mit dem Rennen versöhnt.» Er überzeugte und klassierte sich auf dem elften Rang.

Bei seiner sechsten Teilnahme will er mehr: am liebsten den Sieg. «Ich bin extrem motiviert, das wäre ein perfekter Abschluss dieser Saison», sagt er, der zugibt, dass er nach diesem intensiven Jahr auf der letzten Rille fährt. Doch dieses Ziel in der Hölle des Nordens hat er noch. Vielleicht hat Stefan Küng dabei endlich mal Glück.

Reusser startet bei erster Frauenaustragung


Das erste Frauenrennen des Klassikers Paris–Roubaix findet heute 17 Monate nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin statt. Die Athletinnen legen auf dem Weg ins Velodrome von Roubaix insgesamt 116,4 Kilometer zurück, 30 davon auf Kopfsteinpflaster. Bei der ersten Ausgabe von Paris-Roubaix Femmes steht auch Marlen Reusser am Start. Die Berner Silbermedaillengewinnerin im Zeitfahren der Olympischen Spielen in Tokio und zuletzt an der Weltmeisterschaft träumt von einem weiteren Exploit in ihrer äusserst erfolgreichen Saison. 

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