Radsport
Paris-Roubaix - Das war für Stefan Küng Liebe auf den ersten Blick

Profi Stefan Küng ist nach überstandenem Pfeifferschem Drüsenfieber direkt auf die Klassiker in den Rennbetrieb zurückgekehrt. Bei Paris–Roubaix trifft er wieder auf eine Liebe auf den ersten Blick.

Simon Steiner
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Lange war unklar, wann Stefan Küng zurückkehren wird.

Lange war unklar, wann Stefan Küng zurückkehren wird.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Stefan Küng hat die schwierigen Monate hinter sich gelassen. Das hofft er zumindest, denn wer weiss schon, ob die Krankheit nicht wieder zurückkehrt. Im Herbst fühlte sich der 22-jährige Thurgauer ausgelaugt und müde, im Dezember wurde bei ihm das Pfeiffersche Drüsenfieber festgestellt. Eine Diagnose, die eine harte Geduldsprobe nach sich zog für ihn, den Jungstar, dem es kaum schnell genug gehen kann mit dem Aufstieg in die Weltspitze.

Nach einem intensiven ersten Profijahr streikte plötzlich der Körper. Nach einem Jahr, das auf der Bahn mit dem WM-Titel in der Einzelverfolgung begonnen und der Silbermedaille mit dem Vierer an der EM in Grenchen aufgehört hatte. Und das ihm auf der Strasse die ersten Profisiege beschert hatte, bei der Tour de Romandie unter anderem und an der WM in Richmond im Team-Zeitfahren, aber auch den ersten Rückschlag und dem Sturz beim Giro d’Italia mit Wirbelbruch.

Vom eigenen Körper verraten

Und nun also das Drüsenfieber, diese schwer fassbare Krankheit, die wenig dramatisch daherkommt und doch den lange begleiten kann, der sich nicht die nötige Ruhe gönnt. «Das ist schwierig für einen Sportler, der sich gewohnt ist, seinen Körper zu fordern», sagt Küng. «Du verlierst das Vertrauen in deinen Körper.» Mit enger ärztlicher Begleitung durfte der Ostschweizer zwar schon bald wieder mit leichtem Training beginnen und dem Körper für einen gesunden Aufbau gewisse Reize setzen, sich aber keinesfalls in einen höheren Pulsbereich begeben. «Das ist eine Gratwanderung», sagt er. «Jetzt sollte die Krankheit zwar überstanden sein, aber eine gewisse Unsicherheit bleibt doch.»

Stefan Küng «Jetzt sollte die Krankheit zwar überstanden sein, aber eine gewisse Unsicherheit bleibt doch.»

Stefan Küng «Jetzt sollte die Krankheit zwar überstanden sein, aber eine gewisse Unsicherheit bleibt doch.»

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Während seine Profikollegen längst wieder Rennen fuhren, hielt Küng in dieser Zeit bewusst Distanz zum sportlichen Geschehen. Der Matura-Absolvent nutzte die Zeit zum Bücherlesen oder um Freunde zu treffen. Und ist doch froh, darf er jetzt wieder im Sattel sitzen. In der Anfangsphase der Krankheit dachte Küng auch mal darüber nach, wie es wäre, wenn er einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Ein Studium beispielsweise. «Aber sobald es wieder etwas besser lief, habe ich gemerkt, dass es nichts Schöneres gibt als den Radsport», sagt er. «Das Studium läuft mir nicht davon.»

Seit drei Wochen darf Küng seinen Körper nun wieder in voller Intensität belasten. Und seit gut zwei Wochen ist er auch schon wieder rennmässig unterwegs – und wird von seinem Team bereits wieder in den grossen Klassikern eingesetzt. Seine erste Flandern-Rundfahrt am letzten Sonntag hinterliessen dem Thurgauer gemischte Gefühle, nachdem seine Equipe BMC einen rabenschwarzen Tag einzog. Aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie 100 km vor dem Ziel fast alle Mannschaftskollegen zu Boden gingen – und mit ihnen auch die Hoffnung auf ein Spitzenresultat. Küng aber kämpfte sich noch ins Ziel, obwohl er in der Anfangsphase viel Helferdienste geleistet hatte.

Pflastersteine für die Zukunft

Am Sonntag folgt nun Paris–Roubaix, jener Ritt über die Pflastersteine des französischen Nordens, das es ihm bei seiner ersten Teilnahme vor einem Jahr so angetan hat. «Ich habe mich gleich in dieses Rennen verliebt», sagt der grossgewachsene Küng, der von der Statur her an den dreifachen Roubaix-Sieger Fabian Cancellara erinnert. Auch auf Küng sollte der Klassiker zugeschnitten sein. «In Zukunft könnte das zu einem Rennen für mich werden», sagt er.

Bei seinem zweiten Start in der «Hölle des Nordens» dürfte Küng noch nicht um den Sieg mitfahren können, obwohl er sich nach seinem Comeback bereits stärker fühlt als noch letzte Woche. Und obwohl nach dem Ausfall des Teamleaders Greg van Avermaet (Schlüsselbeinbruch) die Chancen gestiegen sind, dass er auf eigene Rechnung fahren kann. «Ich bin nach der Krankheit noch nicht bei 100 Prozent», sagt er. Davor, dass es am Sonntag ein regnerisches Rennen und mit schlammigen Pavé-Sektoren geben könnte, hat er keine Angst. «Darauf sind wir vorbereitet.»

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