Match-Analyse

«Packing» packt die Fussballnerds: Das steckt hinter dem Modebegriff der Euro 2016

Anschauungsunterricht für den Modebegriff Packing: Italien gelingt das vorentscheidende 1:0: Emanuele Giaccherini bezwingt Belgiens Goalie Thibaut Courtois

Anschauungsunterricht für den Modebegriff Packing: Italien gelingt das vorentscheidende 1:0: Emanuele Giaccherini bezwingt Belgiens Goalie Thibaut Courtois

Diese EM bringt nicht nur spannende Spiele. Sie bringt auch ein neues Analysemodell ans Licht. Alle sprechen momentan vom sogenannten «Packing». Das steckt dahinter.

Fussball – das einfache Spiel elf gegen elf auf zwei eckige Tore mit einem runden Ball. Wer nach 90 Minuten mehr Tore als der Gegner erzielt hat, gewinnt. Einverstanden, die Regeln sind mit der Zeit etwas komplizierter geworden, aber die Grundsätze sind einfach geblieben.

Die Analyse dagegen wird immer interessanter und die Möglichkeiten scheinen unbeschränkt. Die Fussballverbände leisten grossen Aufwand, um keinen Spielzug und keinen Pass des nächsten Gegners zu verpassen. Die neusten technischen Methoden liefern die Hilfsmittel dazu. Wer hat wie viel Ballbesitz? Wer spielt mehr Pässe? Wie viele Pässe kommen beim Mitspieler an? Wo bewegen sich die Spieler auf dem Feld? 

Wer packt es wirklich?

Viele genaue Pässe sind gut. So sagt der Wert der angekommenen Pässe eines Spielers viel über die Qualität seines Spiels und am Ende auch der Mannschaft aus. Doch wer kennt sie nicht, die langweiligen Querpässe – die neue Analyse, genannt «Packing», soll nun die Effektivität der Pässe messen.

Am Sonntagabend, nach dem Spiel Deutschland–Ukraine, stellte Stefan Reinartz (Ex-Fussballprofi) das «Packing» etwas genauer vor. Zusammen mit seinem Kollegen Jens Hegeler (ebenfalls Ex-Profi) gründete Reinartz die Firma Impect.

Folgende Überlegung steckt dahinter: «Wir haben uns gefragt, warum die gängigen Werte wie Laufleistung und Passquote alle relativ wenig Aussagekraft in Bezug auf das Ergebnis haben», so Reinartz im Studio bei der ARD.

Der neue Wert ist eigentlich ganz einfach erklärt. Es wird untersucht, wie viele Gegenspieler mit einem Pass überspielt werden. Noch etwas genauer ausgedrückt: wie viele Gegenspieler, die vor dem Pass noch hinter dem Ball standen, anschliessend vor dem Ball und Empfänger stehen. Weiter heisst es auf der Website von Impect: Diese überspielten Gegner können ihr Tor nicht mehr verteidigen. Sie sind daher gepackt und aus dem Spiel genommen.

Wichtiges Zusatzkriterium: Der Pass muss vom Mitspieler auch einigermassen verarbeitet werden können. 

Packing - Gegner überspielen im Fußball

Packing - Gegner überspielen im Fußball: So funktionierts

«Packing» – ein Beispiel

Wunderschöner Anschauungsunterricht für einen wirklichen Superpass gab es gestern im Spiel Belgien gegen Italien. Beim Tor von Emanuele Giaccherini zum 1:0 für die «Azzurri» machte sich Leonardo Bonucci direkt zum «Packing-Monster». 

Mit einem Pass überspielte Bonucci zehn Gegenspieler und ebnete somit seinem Teamkollegen den Weg zum Tor. Unsere Nachbarn aus Deutschland konnten es bei der Präsentation am Sonntag auch nicht lassen, den 7:1-Erfolg im WM-Halbfinal gegen Brasilien aufleben zu lassen. Zuerst die gängigen statistischen Werte zum Spiel:

WM 2014 Halbfinale

WM 2014 Halbfinale

Trotz einer 1:7-Schlappe weist die «Seleçâo» bei allen drei Punkten die (eigentlich) besseren Werte aus. «Packing» spricht dann allerdings eine andere Sprache:

Packing WM Halbfinale 2014

Packing WM Halbfinale 2014

Es zeigt, dass Deutschland viel mehr Gegner und auch Verteidiger überspielte, also ingesamt die effektiveren, gefährlicheren Pässe produzierte. Diese Werte widerspiegeln laut Reinartz dann auch das Endresultat besser. 

Analyse Deutschland-Ukraine

Analyse Deutschland-Ukraine

Wird jetzt alles anders?

Orientiert sich nun die neue Analyse vermehrt an diesem «Packing»-Wert? Mit Bestimmtheit ist er ein guter Indikator und gibt Ballbesitz und Passstatistik mehr Aussagekraft. Der deutsche Ex-Fussballprofi und TV-Experte Mehmet Scholl hält grosse Stücke auf das «Packing»: «Ich glaube, dass dieser Wert das Scouting und die Trainingsmethoden verändern wird.»

Da hat Scholl bestimmt Recht, denn wer diese neue Entwicklung verpennt, der ist bald von gestern. Jedoch gewinnt man damit alleine noch keine Spiele. Die Meinungen auf Twitter gehen auseinander – vor allem aber wird der Begriff etwas auf die Schippe genommen: 

Relaunch: Watson Box (JSON Feed)

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