Olympische Spiele
Der Traum von der Schweizer Sprint-Medaille platzt, Mujinga Kambundji sagt: «Irgendwann ist das Glück auf unserer Seite»

Die Schweizer 4x100-Meterstaffel um Riccarda Dietsche, Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Salomé Kora verpasst die Medaille bei den Olympischen Spielen als Vierte um einen Wimpernschlag.

Simon Häring, Tokio
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Sie sind mitten in der Weltspitze angekommen: Riccarda Dietsche, Salome Kora, Ajla Del Ponte und Mujinga Kambundji (von links).

Sie sind mitten in der Weltspitze angekommen: Riccarda Dietsche, Salome Kora, Ajla Del Ponte und Mujinga Kambundji (von links).

Peter Klaunzer/Keystone

Mujinga Kambundji ist das Postergirl der Schweizer Sprintstaffel, sie gewann an internationalen Grossanlässen vier Mal Bronze – zuletzt 2019 an den Weltmeisterschaften in Doha über 200 Meter. Dort hatte sie mit der Schweizer 4x100-Meterstaffel Rang 4 belegt, nur 8 Hundertstelsekunden fehlten für Bronze. Damals jubelten sie, diesmal flossen Tränen. Dabei war die Staffel um Startläuferin Riccarda Dietsche, Ajla Del Ponte, Kambundji und Schlussläuferin Salomé Kora auf den vierten Rang gelaufen, diesmal bei den Olympischen Spielen. Doch diesmal war das Ziel ein anderes: eine Medaille.

Woran der Traum zerschellte, war offensichtlich, das konnte jeder sehen: Salomé Kora war zu früh losgelaufen, musste abbremsen, um auf den Stab zu warten. Sie vergoss danach Tränen der Enttäuschung. und Kambundji war die erste, die sie in die Arme schloss. Auch später, in den Katakomben, hielt sie ihre schützende Hand über die Ostschweizerin, als sie das Wort ergriff und sagte: «Salomé hat nichts falsch gemacht. Sie war etwas weit weg, musste abbremsen und wir haben Geschwindigkeit verloren. Vielleicht habe ich mich dadurch auch etwas verkrampft.»

Eine enttäuschte Salomé Kora nach dem Rennen.

Eine enttäuschte Salomé Kora nach dem Rennen.

Peter Klaunzer/Keystone

Am Kontrast zwischen den Reaktionen damals in Doha und nun in Tokio manifestiert sich, welchen Platz die Schweizerinnen in der Hackordnung der Sprinter einnehmen und für sich beanspruchen: einen mitten in der Weltspitze. Ajla Del Ponte ist inzwischen die Schnellste aus diesem Quartett, in Tokio unterbot sie Kambundjis Schweizer Rekord über 100 Meter in 10,91 Sekunden. Nie zuvor war eine Schweizer Sprinterin bei Olympischen Spielen im Final gestanden – nun waren es gleich deren zwei. Del Ponte wurde Fünfte, Kambundji knapp hinter ihr Sechste.

Auch Kora und Riccarda Dietsche, die in Tokio die nicht vollständig von einer Verletzung genesene Sarah Atcho ersetzte, hatten in diesem Jahr ihre persönlichen Bestzeiten unterboten, im Vorlauf hatten die Schweizerinnen in 42,05 Sekunden einen neuen Schweizer Rekord aufgestellt und hatten zugleich angekündigt, noch schneller laufen zu können. Vor zehn Jahren lag die Bestmarke noch bei 44,31 Sekunden, seither hat das Quartett in verschiedener Zusammensetzung diese elf Mal unterboten. Dennoch sagt Ajla Del Ponte: «Unser Ziel war eine Medaille. Es wäre möglich gewesen.»

Jamaika schreibt Geschichte

An den Reaktionen lasse sich nun erkennen, wie sehr sie sich entwickelt hätten, sagte Del Ponte. Bis vor zwei Jahren war sie selbst in der Schweiz nur eine Mitläuferin, dann schloss sie sich dem Westschweizer Trainer Laurent Meuwly an, zuerst in Lausanne, danach in Holland. Unter ihm verbesserte sie ihre persönliche Bestzeit über 100 Meter innert zwei Jahren von 11,21 auf 10,91 Sekunden. 2020 gewann sie in Monte Carlo als erste Schweizerin ein Diamond-League-Meeting, auch in Stockholm gewann sie. Und im März wurde sie Hallen-Europameisterin über 60 Meter.

Im Windschatten von Kambundji und Del Ponte haben sich weitere Schweizer Sprinterinnen in der erweiterten Weltspitze etabliert. Kora lief in diesem Jahr 11,12 Sekunden, Riccarda Dietsche senkte ihre persönliche Bestzeit auch dank eines Mentaltrainers um zwei Zehntelsekunden. «Das zeigt, dass wir in der Weltspitze angekommen sind und immer näher kommen», sagte Dietsche. Und Del Ponte ergänzte: «Wir alle haben uns enorm entwickelt und laufen mit den stärksten Nationen um Medaillen. Wir werden zusammenstehen und uns von dieser Enttäuschung erholen. Unsere Geschichte endet hier nicht, sie geht weiter.»

Die grosse Show der Jamaikanerinnen: Shericka Jackson, Shelly-Ann Fraser-Pryce, Briana Williams and Elaine Thompson-Herah (von links).

Die grosse Show der Jamaikanerinnen: Shericka Jackson, Shelly-Ann Fraser-Pryce, Briana Williams and Elaine Thompson-Herah (von links).

Charlie Riedel/AP

Geschichte schrieb Jamaika, das an seinem Unabhängigkeitstag in 41,02 Sekunden einen Landesrekord lief und Olympia-Sieger wurde. Für Elaine Thompson-Herah war es bereits die dritte Goldmedaille nach Siegen über 100 Meter und über die doppelte Distanz. Silber gewann die USA in 41,45 Sekunden, Grossbritannien sicherte sich in einer Zeit von 41,88 Sekunden Bronze; 20 Zehntelsekunden vor der Schweiz. Der Traum von der ersten Medaille einer Schweizer Leichtathletin bei Olympischen Spielen ist geplatzt. «Doch wir wissen, dass wir es in den Beinen haben», sagt Kora.

In Tokio startete sie zu früh, und war dann zu spät im Ziel, und doch bleibt das Fazit, das Mujinga Kambundji zieht positiv. Sie sagte: «Wir sind jetzt eine Sprintnation. Darauf sind wir stolz. Doch wir wollen mehr. Und diese Enttäuschung wird uns motivieren, noch schneller zu werden. Irgendwann wird das Glück auf unserer Seite sein.»

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