Triathlon

Olympia-Siegerin Nicola Spirig zwei Monate nach Trainingssturz: «Mein Arm ist immer noch krumm»

2012 gewann Nicola Spirig Olympia-Gold, vier Jahre später in Rio de Janeiro Silber. Nun strebt sie ihre fünften Olympischen Spiele an.

2012 gewann Nicola Spirig Olympia-Gold, vier Jahre später in Rio de Janeiro Silber. Nun strebt sie ihre fünften Olympischen Spiele an.

Weshalb Nicola Spirig trotz Bruchs des Radiusköpfchens im linken Ellbogen im Olympia-Fahrplan ist. Und wie sie sich mit Sauna und Dampfbad auf die drohende Hitze in Tokio vorbereiten will.

Ihre Saison war kurz und intensiv, die Planung eher rollend als starr. Das hat nicht nur mit der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr zu tun. Sondern auch mit einem Trainingssturz Mitte Juli, bei dem sich die Triathletin Nicola Spirig (38) das Radiusköpfchen im linken Ellbogen gebrochen hatte. Nach der Zwangspause knüpfte Spirig dort an, wo sie aufgehört hatte: mit Siegen bei den Schweizer Meisterschaften im Duathlon, und bei den Triathlons in Wettingen und Uster. Dazwischen lief die dreifache Mutter bei einem Abstecher auf die Tartanbahn bei den Schweizer Meisterschaften über 5000 Meter in den fünften Rang. Nun endet die Triathlon-Saison mit den Schweizer Meisterschaften in Sursee.

Nicola Spirig, mit den Schweizer Meisterschaften in Sursee endet ihre Triathlon-Saison. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich davon im Hinblick auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr?

Leider keine grossen, weil es ein extrem kurzes Format ist: 400 Meter schwimmen, 10 Kilometer auf dem Velo, 2,5 Kilometer laufen. Das ist viel kürzer als normal und deshalb nicht sehr aussagekräftig. Ich bin davon ausgegangen, dass es ein längeres Rennen wird. Das war aber nicht möglich – wegen Corona und weil der Wettkampf auf einem Privatgelände stattfindet, auf dem stündlich ein Bus durchfahren können muss. Es ist eher die Phase der vergangenen Wettkämpfe, die mir Zuversicht gegeben hat, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Bei ihrem Abstecher auf die Tartanbahn lief Nicola Spirig bei den Schweizer Meisterschaften in Basel über 5000 Meter auf den fünften Rang.

Bei ihrem Abstecher auf die Tartanbahn lief Nicola Spirig bei den Schweizer Meisterschaften in Basel über 5000 Meter auf den fünften Rang.

Nach ihrem Bruch des Radiusköpfchens bestritten sie mehrere kleinere Wettkämpfe in der Schweiz. Welches Fazit ziehen Sie daraus?

In erster Linie bin ich froh, dass ich wieder Wettkämpfe bestreiten konnte. Den Duathlon bestritt ich sechs Wochen nach dem Bruch des Radiusköpfchens. Das war sehr früh. Die Ärzte sagten mir, die Heilung benötige sechs bis acht Wochen. Positiv ist auch, dass ich wieder fast uneingeschränkt trainieren kann. Ich bin sicher nicht auf meinem Top-Niveau, das muss ich im Moment aber auch nicht sein. Ich sehe, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das stimmt mich positiv.

Wie stark und wie lange waren Sie nach dem Unfall eingeschränkt?

Das hing von der Disziplin ab. Am Anfang hatte ich einen Gips, den ich abnehmen konnte und auch sollte. Denn wenn man den Ellbogen nicht bewegt, versteift das Gelenk sehr schnell. Mein Arm ist auch jetzt noch nicht gerade, sondern krumm. Das ist typisch für diesen Bruch. Ich kann den Arm auch jetzt noch nicht ganz strecken. Beim Laufen waren die Einschränkungen gering, schon nach einer Woche waren wieder Trainings möglich. Aber man darf nicht unterschätzen, dass der Körper für die Heilung sehr viel Energie braucht. Dadurch habe ich natürlich an Fitness verloren.

Wie waren die Einschränkungen beim Radfahren?

In den ersten Wochen trainierte ich drinnen auf der Rolle. Der Bruch war nach fünf Wochen bereits gut verheilt. Das grössere Problem war das Handgelenk, das ich mir stark verstaucht hatte und das auch nach drei Wochen so starke Schmerzen verursachte, dass ich den Lenker nicht greifen und die Bremsen nicht bedienen konnte. Als ich wieder auf der Strasse trainiert habe, achtete ich darauf, dass ich Schläge vermeiden konnte, indem ich die Hand vom Lenker nahm.

Trotz Bruch des Radiusköpfchens und Gips waren Sie drei Tage nach ihrem Sturz bereits wieder im Wasser. Wie geht das?

Beim Schwimmen waren die Einschränkungen am grössten. Die Ärzte haben mir aber geraten, mich auf mein Schmerzgefühl zu verlassen, und den Gips konnte und sollte ich ja abnehmen. Zu Beginn habe ich den verletzten Arm am Körper angelegt und bin einfach einarmig geschwommen, um mich fit zu halten, indem ich den gesunden Arm trainiert habe. Nach zweieinhalb, drei Wochen habe ich den verletzten Arm gestreckt und die Belastung langsam gesteigert. Der Schmerz ist ein guter Indikator dafür, was gut für den Körper ist. Dennoch habe ich im Schwimmen am meisten verloren. Denn der Bruch ist zwar gut verheilt, aber andere Strukturen des Arms, die beim Sturz ebenfalls verletzt wurden, brauchen noch länger. Auch zehn Wochen nach dem Sturz tut mir der Arm nach einem längeren Schwimmtraining noch weh. Ich kann ihn also noch nicht voll belasten. Eine Einschränkung ist immer noch da.

Nur drei Tage nach dem Bruch des Radiusköpfchens war Spirig wieder im Wasser. Ihr Trainer, Brett Sutton, sagte damals: «Only the naive will doubt that she will be ready to go to war in 2021.»

Nur drei Tage nach dem Bruch des Radiusköpfchens war Spirig wieder im Wasser. Ihr Trainer, Brett Sutton, sagte damals: «Only the naive will doubt that she will be ready to go to war in 2021.»

Was bedeutet diese Verletzung und die Einschränkungen im Training für ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr?

Ich hoffe, die Verletzung hat keine so langen Konsequenzen. Ich habe noch viel Zeit. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Arm wieder vollständig heilt. Und wenn er noch etwas krumm sein sollte, wird das keine grossen Auswirkungen haben. Für meinen Sport brauche ich keinen Arm, den ich perfekt strecken kann.

In Tokio wird es über 40 Grad heiss, bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Wie bereiten Sie sich auf diese Bedingungen vor?

Es sind viele Details in einem Puzzle, die ich ausprobieren werde. In Uster bin ich zum Beispiel mit einem Hut gelaufen, was ich sonst nie mache. Dadurch lässt sich die Temperatur gut regulieren, indem man den Hut nass macht, oder Eis rein legt. Das sind gute Massnahmen.

Swiss Olympic empfiehlt Kühlwesten und Kühlbäder und die Einnahme von Menthol. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Wir haben uns schon 2008 vor den Olympischen Spielen in Peking sehr intensiv mit der Hitze beschäftigt. Kühlwesten haben mich damals überhaupt nicht überzeugt. Die hatten einen weniger guten Effekt, als ein Veloleibchen, das man in ein Eisbad gelegt hat. Nun habe ich ein neueres Modell Zuhause, das ich noch testen werde. Menthol habe ich persönlich noch nicht genutzt, aber ich habe eine Studie erhalten, die ich sehr genau studiere, und ich habe ein Mentholgetränk von Sponser, das ich ausprobieren werde. Und natürlich machen wir uns mit Hilfe meines Ausrüsters Descente Gedanken zum Wettkampfanzug. Diese soll einerseits die Hitze abhalten, aber er muss auch das Schwitzen ermöglichen. Denn das ist die wichtige Massnahme des Körpers gegen die Hitze. Das sind alles wichtige, kleine Details, die ein Puzzle ergeben.

In Grenchen gibt es eine Hitzekammer, in der Wettkämpfe bei grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit simuliert werden können. Haben Sie in Erwägung gezogen, dieses Angebot zu nutzen?

Die Hitzekammer ist kein Thema, weil es ein extremer Zeitaufwand wäre, dort hinzugehen. Wir haben aber selber Ideen. Zum Beispiel überlegen wir uns, wie ich eine Sauna oder ein Dampfbad umwandeln kann, damit ich dort trainieren kann - zuhause oder in St. Moritz. Viel wichtiger ist für mich aber die Vorbereitung und Akklimatisierung unmittelbar vor dem Wettkampf und vor Ort.

Nicola Spirig überlässt in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nichts dem Zufall und trainiert das Kurvenfahren und den Sprint auf dem Rad.

Nicola Spirig überlässt in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nichts dem Zufall und trainiert das Kurvenfahren und den Sprint auf dem Rad.

Sie haben geplant, sich drei Wochen vor den Olympischen Spielen in Südkorea vorzubereiten. Haben sich diese Pläne geändert?

Nein, das ist immer noch der Plan. Wenn es die Situation zulässt, was man ja nicht genau sagen kann, werden wir die Planung beibehalten. Diese Phase der Vorbereitung ist am wichtigsten und bringt mir mehr als eine Hitzekammer. Dort zu trainieren, den Körper über mehrere Wochen diesen Bedingungen auszusetzen, ist die beste Vorbereitung und auch viel wichtiger als alle anderen Massnahmen. Zentral ist es, die Kerntemperatur vor dem Wettkampf tief zu halten. Deshalb gilt: Nicht aufwärmen, nicht zu intensiv einlaufen, weil es zu heiss ist. Wir Triathleten können diesem Dilemma ausweichen, indem wir uns im Wasser aufwärmen. Allerdings wird das in Tokio nicht möglich sein, denn dort beträgt auch die Wassertemperatur gegen 30 Grad.

Wegen der drohenden Hitze und Luftfeuchtigkeit fällt der Startschuss beim Olympia-Triathlon in Tokio bereits um 6.30 Uhr. Welchen Einfluss hat das auf die Vorbereitung?

Das hat zur Folge, dass wir in Korea sehr früh trainieren werden, damit der Körper am Morgen früher leistungsbereit ist. Das heisst, ich werde in den Wochen vor dem Wettkampf noch früher aufstehen, damit sich der Körper daran gewöhnt. Für mich ist es aber nicht ungewöhnlich, dass ich schon um 07.00 Uhr ein erstes intensives Training absolviere. Insofern ist das keine grosse Umstellung.

Die Radstrecke in Tokio ist relativ flach, mit 88 Kehren aber kurvig. Schenken Sie diesem Umstand spezielle Beachtung?

Ja, ich habe mit einem früheren Schweizer Meister auf der Bahn trainiert, der mit meinem Mann Reto die Rekrutenschule absolviert hat. Im Triathlon ist der Sprint eigentlich nicht so wichtig, aber wenn es so viele Kurven hat, ist es ein riesiger Vorteil, wenn man aus jeder Kurve sprinten kann. Auch Fabian Lienhard (Profi bei Groupama FDJ) hat mir Tipps gegeben. Wir wohnen in der gleichen Region und haben auch den gleichen Mechaniker. Fabian und Stefan Küng hatten Spezialtrainings bei einem spanischen Techniktrainer. Fabian hat mir bei einem gemeinsamen Training diese Inputs weitergegeben.

Nicola Spirig sagt, sie befinde sich bei der Olympia-Vorbereitung im Plan.

Nicola Spirig sagt, sie befinde sich bei der Olympia-Vorbereitung im Plan.

Mit Michael Albasini konnten Sie schon trainieren?

Wegen meines Sturzes musste ich das absagen, aber das möchte ich unbedingt noch nachholen. Denn er hat sehr viel Erfahrung und weiss als ehemaliger Lehrer auch, wie er das vermitteln kann. Als ich Alba vom Spezialtraining erzählt habe, hat er gelacht, und gesagt: «Es kommt nicht nur auf die Kurventechnik, sondern auch auf die Taktik an.» Das sagt einem der Technik-Guru natürlich nicht (lacht).

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