Olympische Spiele
Olympia sei Dank: In Rio werden Siedlungen einfach so plattgemacht

Für Sportstätten musste die kleine Siedlung Vila Autódromo weichen. Bis zuletzt wehrten sich die Anwohner gegen die Zwangsräumung.

Heiner Gerhardts
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Bis ganz zuletzt wehrten sich einige Bewohner der bereits halb zerstörten Siedlung Vila Autódromo gegen die Zwangsräumung. keystone

Bis ganz zuletzt wehrten sich einige Bewohner der bereits halb zerstörten Siedlung Vila Autódromo gegen die Zwangsräumung. keystone

KEYSTONE

Vor einem Jahr schrie sie dem Unrecht noch mit blutverschmiertem Gesicht entgegen, heute hockt sie zufrieden in einem weissen Alu-Container und zählt die Tage bis zum Umzug in ihr neues Heim. Für Maria da Penha Macena hat sich der Widerstand in der Vila Autódromo gelohnt. Rio de Janeiro wollte keinen Schandfleck am Rande des Olympiaparks – aber vor allem keinen negativen Medienrummel.

Monatelang hatten städtische Räumkommandos aus dem einstigen Fischerdörfchen einen unwirtlichen Ort mit Schutthaufen und Ruinen gemacht. Die Siedlung war am Rande der früheren Motorsportstrecke gross geworden, sie ist heute eingekeilt vom Parque Olímpico, der Lagoa de Jacarepaguá und zwei befahrenen Avenidas.

Mal sperrte die Stadt das Wasser, mal den Strom ab und zermürbte so die Bewohner. Am 3. Juni 2015 war zur gewaltsamen Zwangsräumung gar ein Stosstrupp der Polizei angerückt. Maria da Penha holte sich dabei eine blutige Nase. «Ich habe aus Liebe gekämpft. Aus Liebe zu meiner Geschichte und zu meinem Stück Land, für meine Rechte», sagt die «Widerstandskämpferin», die vor 23 Jahren ins Dorf kam.

Zwischen all den Trümmern lebten am Ende noch 20 von einst rund 550 Familien, die zum Teil ihr Wohnrecht urkundlich verbrieft hatten. Ein Anspruch, den die Stadtregierung ignorierte. Ein international prämiertes Urbanisierungsprojekt zeichnete einen Ausweg, der das Nebeneinander von Olympia und Vila Autódromo ermöglichte. Es wurde aber nie in die Tat umgesetzt.

Ein Grossteil der Häuser musste weg, weil es angeblich für Zufahrten zum riesigen Olympiapark im Stadtteil Barra da Tijuca keinen anderen Weg gab. Grossgrundbesitzern wie Carlos Carvalho, dessen Konzern die lokalen Olympiabauten errichtete, passen die ärmlichen Behausungen nicht ins Konzept eines neuen Barra mit Luxus-Wohnungen und Bürotürmen.

Schlüsselfertig am 22. Juli

Wer sich nicht von Entschädigungszahlungen oder einem neuen Heim im benachbarten Stadtviertel Jacarepaguá weglocken liess, leistete wie das berühmte gallische Dorf aus den Asterix-Erzählungen den Eindringlingen Widerstand: auf juristischen Wegen, mit öffentlichen Aktionen, in der eigens eingerichteten Facebook-Gemeinschaft, mit geschicktem Medienrummel.

Und genau den brauchte Bürgermeister Eduardo Paes so kurz vor den Spielen partout nicht. Am 13. April wurde deshalb ein «Friedensabkommen» unterzeichnet. Die Stadt baut für die verbliebenen Familien im Schnellverfahren 20 kleine Häuschen (rund 50 Quadratmeter Wohnfläche) mit eigenem Grundstück, schlüsselfertig am 22. Juli – exakt 14 Tage vor dem Entzünden des olympischen Feuers im Maracanã.

Wie acht andere Familien wohnt bis dahin auch Maria da Penha vorerst in einem weissen Baucontainer und sieht ein neues, besseres Viertel entstehen, eines mit einem Kulturzentrum, ordentlichen Wegen, Anschluss an Wasser, Strom und Abwasser. Von der alten Vila Autódromo wird bald nur noch ein «Museumsweg» zeugen, sieben Stationen mit Kunstwerken aus Schutt und Mobiliar der abgerissenen Häuser.